Quelle: http://www.kath-akademie-bayern.de/tl_files/Kath_Akademie_Bayern/Veroeffentlichungen/zur_debatte/pdf/2006/2006_04_herbers.pdf

 

Klaus Herbers

 

Der Gral als Abendmahlskelch. Mythos, Esoterik und Mittelalter

 

Der Gral – Schale oder weibliches Gefäß? Von Mythen und Behauptungen

 

Auf dem Weg nach Santiago de Compostela, dort wo die letzte Bergkette überwunden werden muss, die Galicien von Kastilien-León scheidet, trifft der Jakobspilger in einem kleinen Dorf namens Cebreiro, das noch durch Rundbauten mit Strohdächern, die pallozas, von dem Existenzkampf früherer Zeiten in unwirtlicher Umgebung auf ca. 1300 Metern Höhe kündet, eine kleine Kirche und ein Hospiz. In der Kirche sieht er einen Kelch, mit dem sich eine Wundergeschichte verbindet. Demnach soll um 1300 ein Kleriker, als er in der Kirche des Cebreiro die Messe feierte, an der Realpräsenz Christi gezweifelt habe, worauf sich die Hostie in wahrhaftes Fleisch, der Wein in wahrhaftiges Blut verwandelt habe. Den Kelch des Cebreiro setzten vor allem Autoren des 20. Jahrhunderts mit dem heiligen Gral gleich, also mit einem Gefäß, das die Ritter des hohen Mittelalters fortwährend suchten. Ob der bekannte Maler Leonardo da Vinci (1452–1519), als er 1495–1498 seine Wandmalerei „Abendmahl“ vollendete, an den hl. Gral dachte, ist ebenso fraglich, allerdings ist das Kunstwerk inzwischen durch den Roman von Dan Brown mit dem deutschen Titel „Sakrileg“ und dem begleitenden Film wie- der in heftige Diskussionen geraten: Neben Jesus, so Brown, sitze nicht Johannes, sondern Maria von Magdala, zwischen beiden entstehe durch die Körperhaltung ein spitzes Dreieck, das symbolisch für das Weibliche stehe. Damit sei der heilige Gral angedeutet, der in Wahrheit die Fähigkeit der Frau symbolisiere, Leben hervorzubringen. Maria Magdalena ist für Brown die Frau eines sehr menschlichen Jesus, der mit ihr sogar Kinder gehabt habe, deren Nachkommen noch heute lebten, auch wenn der Vatikan dies bis heute verheimliche.

 

Prof. Dr. Klaus Herbers, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg

 

Der heilige Gral: Christliche Traditionen, literarische Fiktionen, mythische Konstruktionen, esoterische Interpretationen und Verschwörungstheorien gehen bis heute eine merkwürdige Mischung ein. Nicht nur Theologie und andere Wissenschaften, sondern vor allem auch die mittelalterliche Geschichte erhaschen bei diesen Diskussionen Interesse, wenn dies auch zuweilen fragwürdig bleibt. Im Sprachgebrauch sind die Bezeichnungen von Menschen als Gralssucher und Gralshüter geläufig, wobei das Suchen eher positiv besetzt ist, das Hüten eher das Bild eines griesgrämigen, bornierten Wächters hervorruft. Begeben wir uns deshalb zunächst auf die Suche und fragen, welche verschiedenen Bilder und Imaginationen das Mittelalter vom Gral selbst hervorbrachte, was diese Bilder und das Wort Gral bedeuteten, und wie und wo der Gral zu finden sein könnte.

 

 

 

Mittelalterliche Dichtungen – Formen der Imagination

 

„Was ist der Gral? – Das sagt sich nicht“ so heißt es in Richard Wagners „Parsifal“. Aber trotzdem vermittelt die Oper ein Bild vom Gral. Und nicht nur auf Opernbühnen, sondern in vielen anderen Zusammenhängen ist der Gral bis heute präsent. Vielleicht ist ja sogar der in diesen Tagen umkämpfte FiFa-Pokal eine säkularisierte Form des heiligen Gral. Welches waren aber die frühesten Bilder und Imaginationen, die wir schriftlich greifen können?

 

Zwei aus Nordfrankreich stammende Autoren schrieben fast gleichzeitig um 1180/1190 zum heiligen Gral, der bekannte Chrétien von Troyes und der weniger berühmte Robert de Boron, die sich beide auf eine Quelle beriefen, die aber, wenn sie nicht verschieden war, dann doch von beiden sehr verschieden interpretiert worden sein muss. Robert von Boron bietet ein sehr klares Bild vom Gral. Er ist das Gefäß, das Jesus beim letzten Abendmahl benutzte. Ein jüdischer Trupp sei beim Abendmahl in den Raum gedrungen, habe Jesus vor Pilatus gebracht, dem dann die Abendmahlschüssel ausgehändigt wurde. Der fromme Joseph von Arimathaia ging wenig später nach der Kreuzigung zu Pilatus, bat um den Leichnam des Herrn und erhielt außerdem das Abendmahlsgefäß. Hierin fing Joseph dann das Blut auf, das noch aus den Wunden des Herrn floß. Von den Juden in ein fensterloses Verließ eingekerkert, durfte Joseph das heilige Gefäß behalten. Es spendete ihm vierzig Jahre lang Licht und hielt ihn am Leben. Schließlich wurde Joseph befreit und ging in ein orientalisches Land, wo er dem Gral einen Altar errichtete. Nur Auserwählte waren zum Dienst an dieser kostbaren Reliquie berufen. Gralshüter sollten laut einer Weissagung nur drei Personen oder Generationen sein: Joseph selber, sein Schwager Hebron und dann dessen Enkel Alain. Am Ende der unvollständig überlieferten Dichtung übergibt der sterbende Joseph dem Schwager Hebron den Kelch; Robert de Boron deutet noch an, dass Hebron nach Britannien auswandern wollte.

 

Diese christliche Deutung, die wohl auf dem apokryphen Nikodemus-Evangelium basiert, ist sehr eindeutig. Das Rätsel um den Gral scheint damit gelöst, hätten nicht etwa gleichzeitig weitere Dichter etwas anderes unter dem Gral verstanden. Für Chrétien de Troyes war der Gral zwar auch ein heiliges Gefäß, aber ohne Bezug zum Abendmahl. Jerusalem spielt keine Rolle, sondern der Leser assoziiert eher das südwestliche England, weil die Ereignisse sich in der Nähe der Gralsburg sich in Wales ereignen. Der Gralsheld, Perceval, taucht am Hof des Königs Artus auf, der im 6. Jahrhundert als Verteidiger Britanniens gegen die Angeln und Sachsen gewirkt haben soll. Perceval will Artusritter werden und gehört schließlich zu der berühmten Tafelrunde des König Artus. Er gelangt dann auch auf den Weg zur Gralsburg, den nur Auserwählte finden können, und wird Zeuge einer großen Prozession: Der Gral erscheint als eine edelsteinbesetzte Schale, die von einem jungen Mädchen getragen wird. Ein weiteres Mädchen hält eine Patene (tailleoir), und voran schreitet ein junger Mann mit einer Lanze, von der ein Blutstropfen perlt. Perceval verfolgt die Prozession staunend, unterdrückt aber zwei Fragen: Warum blutet die Lanze? und: Wen bedient man mit dem Gral? Genau diese Fragen hätte aber Perceval aussprechen müssen, um den siechen Gralskönig, den er beim Eintreffen matt auf einem Bett gesehen hat, zu heilen und um selbst neuer Gralskönig zu werden. Diese Gnade hat sich Perceval verscherzt, ob er eine weitere Chance bekommen sollte, bleibt offen, weil Chrétien den Roman nicht vollendete. Gegen Schluss wird aber noch sehr deutlich, wozu der Gral dient: Der Gral enthält eine Hostie, die den König, den „roi pecheur“ immerwährend nährt und Genesung verspricht.

 

 

Perceval erhält die verpasste Chance, Gralskönig zu werden, zumindest in dem dritten wichtigen Entwurf, den Wolfram von Eschenbach im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts mit seinem Parzival niederschrieb. Zwar orientierte sich Wolfram unter anderen an Chrétien, aber für ihn ist der Gral wieder etwas anderes. War dieser für Robert die Abendmahlsschale mit Christi Blut, für Chrétien ein goldener Hostienbehälter, so schockiert Wolfram sein Publikum mit der Behauptung, der Gral sei ein kleiner, aber sehr schwerer Stein. Dieser spendet aber Speise und Trank für die ganze Belegschaft der Gralsburg, für den siechen König Anfortas, für die 25 Jungfrauen, die Knappen und die 400 Ritter, ja er kann sogar für das Verbrennen und die Wiedergeburt des Phoenix sorgen. Ungetauften ist der Gral unsichtbar; er schöpft seine Kraft aus einer Hostie, die eine Taube an jedem Karfreitag bringt. Der Stein trägt die Namen der zum Gral Berufenen, deshalb kann sich die Schar fortwährend erneuern. Bei Wolfram erscheint der Gral gegenüber christlichen Tradition deutlich autonomer, dafür wird die Suche des Grals als „aventuire“ wichtiger.

 

Die drei skizzierten Interpretationen, alle aus der Zeit von etwa 1200, zeigen die Bandbreite der Imaginationen schon bei den frühesten Verschriftlichungen. Gemeinsam ist den frühen Bildern, dass ein Gefäß oder ein Stein Lebenskraft für eine Gemeinschaft spendet, die dieser Kraft bedarf. Deshalb wird die Suche dieser Kraftquelle so attraktiv. Beim Finden des Grals kann das Paradies neu entstehen, der sieche Gralshüter wird geheilt. Die nur kurz vorgestellten Bilder basieren auf verschiedenen Traditionskreisen, christliche, keltische und orientalische Bezüge sind immer wieder gesucht, nachgewiesen oder verworfen worden, ohne dass hier letzte Klarheit erreichbar wäre. Christliche Orientierungen werden aber in allen drei Entwürfen deutlich: Robert de Boron verknüpft die christliche Heilsgeschichte, das Gefäß und Joseph von Arimathaia in einem eher hagiographisch-legendarischen Konzept; die anderen Autoren rücken die Hostie, die stetig nährt und Heilung verspricht, in den Vordergrund. Chrétien nutzt sogar bei der Gralsprozession das Potential liturgischer und paraliturgischer Zeremonien, bei denen der Gral – wie die Eucharistie seit dem13. Jahrhundert – vor allem geschaut wird.

 

 

Wortgeheimnis und zeithistorische Waffe?

 

Wie aber verstanden die Zeitgenossen selbst das Wort vom Gral, welche Bezüge zeigen ihre Bilder zu den Strömungen der Zeit? Das Wort Gral bleibt dunkel. Das Ringen der Sprachwissenschaftler von Tieck, über Kampers, Diez, von Wartburg, Gossen, Brown und anderen zeigt, dass eine griechische, lateinische, keltische oder gar arabische Herkunft des Wortes vermutet wurde, ohne jedoch letztlich eindeutige Belege. Immerhin verweisen aber etymolo- gische Herleitungen aus garalis (Behältnis für Getränke, Diez), gradalis (Prunkschüssel, Hertz), cratis (geflochtener Behälter, von Wartburg), griech.-lat.: krater (Gefäß für Fischsau- ce, Gosssen) oder keltisch criol (Korb oder Gefäß, Brown) auf die Bezeichnung eines Gefäßes, womit aber der Stein bei Wolfram von Eschenbach noch rätselhafter wird. Immerhin wird die gängige Interpretation durch einen zeitgenössischen lateinisch schreibenden Autor gestützt. Der flämisch-nordfranzösische Zisterzienser Hélinand von Froidmont († nach 1229) schrieb in seiner Weltchronik von 1204: „... Damals wurde einem gewissen Einsiedler in Britannien durch den Engel eine wundersame Vision offenbart, nämlich über den hl. Joseph (von Arimataia), den Ratsherrn, welcher den Leib des Herrn vom Kreuz abnahm, sowie über jene Schale oder Schüssel, in welcher der Herr mit seinen Jüngern das Abendmahl hielt. Hierüber schrieb besagter Einsiedler ein Buch, genannt „Geschichte von der Stufenfolge (Historia de Gradali)“. Dann folgt die Worterklärung: „gradalis“ bezeichne im Gallischen ein Gefäß, in dem stufenweise Lagen von Speisen aufgeschichtet seien.

 

 

 

Gralsrunde, franz. Buchmalerei, 15.Jh. Aus „L’Estoire de Saint Graal“ von Robert de Baron. Paris, Bibliotèque Nationale

 

Die Unterschiede der Worterklärungen könnten damit zusammenhängen, daß die literarischen Bilder verschiedene Zeitbezüge aufweisen. Für die christliche Interpretation des Grals bei Robert von Boron ist dezidiert – vor allem von Hans Bayer – die These vertreten worden, dass er mit seiner Schrift eine Konzeption der Eucharistie habe verteidigen wollen, die auf die Vorstellungen der vor allem in Südfrankreich in dieser Zeit verbreiteten katharischen Häresie in literarischer Form antwortete. Robert de Boron habe einen sehr realistischen Eurcharistiebegriff vertreten, der davon ausgehe, dass der Abendmahlsleib „naturaliter“ der Leib Christi sei. Die Realpräsenz blieb noch im späten Mittelalter in weiten Kreisen eine Frage, auf die nicht mit den feinsinnigen Unterscheidungen beispielsweise eines Thomas von Aquin, sondern vielfach mit einem klaren „Entweder – Oder“ geantwortet wurde. Hier sind entsprechend weitere Entwicklungen der Gralsgeschichte im späten Mittelalter einzuordnen, die sich mit einer eucharistischen Frömmigkeit und mit der Verehrung von Heiligblutreliquien trafen. Die Bedeutung der Verehrung des Blutes Christi war seit den Kreuzzügen in Europa gestiegen; nach Mantua und Weingarten im 11. Jahrhundert vervielfachten sich die Heilig-Blut-Orte im 13. Jahrhundert. Unter dem Titel Eucharistisches Blut Christi firmierten zudem zahlreiche Wunder über mirakulös konsekrierten Wein oder wunderwirkende Hostien, die fleischartig anschwollen oder Blut tropften, um die Realpräsenz des Herrn zu belegen. Die Orte, wo dies geschah, vervielfachen sich seit dem ausgehenden 12., aber besonders im 14. und 15. Jahr- hundert. Schon im 13. Jahrhundert hatte der Zisterzienser Caesarius von Heisterbach durch 21 Wundererzählungen den Glauben an die oft angezweifelte Transsubstantiationslehre stärken wollen. Das eingangs genannte Wunder am Jakobsweg gehört zu dieser Gruppe, bei denen der „Wunderkelch“ zum Heiligen Gral wurde. An Orten, die durch eucharistische Wunder oder durch Heiligblutreliquien ausgezeichnet waren, scheint das Gralsmotiv fast mit einer gewissen sachlichen Logik eine gedankliche Verbindung zur Eucharistie einzugehen.

 

 

Überall und Nirgendwo – Orte des Grals

 

Wo aber finden wir dann den Gral? Wo liegt unsere Gralsburg? Wenn wir nicht nur den verschiedenen Blutwundern nachspüren, und uns nicht nur einer Interpretation anvertrauen, werden wir vielfach fündig. Joseph von Arimathaia scheint eine Leitfigur zu sein, wenn es um die christliche Interpretation des Gral geht. Englische Traditionen knüpfen hier mehrfach an. Teilweise wird sogar der Gral von zwei Messkännchen ersetzt und die frühe Christianisierung Englands mit Joseph von Arimathaia und dem Kloster Glastonbury in Verbindung gebracht. Glastonbury profitierte davon, daß 1191 angeblich das Grab des König Artus gefunden wurde und dessen Gebeine 1273 feierlich im Chorraum in einem Schrein deponiert wurden.

 

Aber neben Glastonbury oder anderen englischen Orten wie Winchester ringen weitere Orte um Bezüge. Die Gralsburg heißt bei Wolfram „Munsalvaesche“, was sich wohl auf Mont Sauvage, wilder Berg, bezieht. Aber dürfen wir den Ort suchen? „In fernem Land, unnahbar euren Schritten, liegt eine Burg, die Monsalvat genannt“ heißt es bei Richard Wagner „Un- nahbar euren Schritten“ singt Lohengrin, der Sohn des Gralskönigs. Schon bei der Einstudie- rung des Bayreuther Bühnenweihfestspiels 1882 wurde Wagner jedoch schwach: Er empfahl für das Landschaftsbild „eine Gegend im Charakter der nördlichen Gebirge des gotischen Spanien“. Wusste Wagner von San Juan de la Peña in den Pyrenäen? Der Fels, in den dieses Kloster gleichsam eingemeißelt ist, heißt auch im aragonisischen Mont Salvatge. König Alfons I. von Aragón starb hier. Er wird in der Landessprache „Anfors“ genannt, und sein Bgleiter Routrou de Perche de Val weist auch Namensähnlichkeit mit Parzival auf. Im Kloster wurde seit 1134 ein wundertätiger Kelch verehrt, der später nach Valencia gebracht wurde, wo er bis heute als heiliger Gral gilt.

 

Aber auch hier gibt es keine Eindeutigkeit. Goethe entwarf 1784/85 ein Epos-Fragment „Die Geheimnisse“, in dem er für die Rosenkreuzer, einer Geheimgesellschaft mit dem Ziel, christliche Ethik und alchimistische Symbolik zu verbinden, ein ideales Kloster skizzierte, das Wilhelm von Humboldt auf das katalanische Montserrat bezog. Zwar versicherte Goethe 1816 vor Königsberger Studenten, er habe ein ideelles Montserrat entwerfen wollen, aber später wurde für Ludwig Passarge und andere das katalanische Kloster auf dem zersägten Berg, was Montserrat eigentlich heißt, trotzdem zur Gralsburg.

 

Daneben avancierte Südfrankreich zum historischen Gralsland, vor allem durch den Würzburger Germanisten Franz Rolf Schröder. Er löste „Die „Parzivalfrage“, so der Titel seines Buches von 1928, damit, dass er die Geschichte des Grales als eine Ausdrucksform manichäisch-dualistischer Glaubensvorstellungen interpretierte, die in Südfrankreich durch die Katharer im 12. und 13. Jahrhundert verbreitet waren. Da nach dieser Lehre nur die Reinen ins Himmelreich eingingen, konnte der Gral ein Symbol dieser katharischen Lichtwelt werden. Noch weiter ging Otto Rahn, der sein Studium abbrach, nach Südfrankreich zog, und 1933 in seinem Buch „Kreuzzug gegen den Gral – Die Tragödie des Katharismus“ unter anderem davon berichtet, dass die seit 1215 verfolgten Katharer 1244 in Montségur überwältigt wurden, aber ihren wichtigsten Schatz nachts abseilen konnten. Dies musste – so Otto Rahn – der Gral gewesen sein. Rahns Buch – bei Historikern ohne Resonanz – avancierte vor allem in esoterischen Gralsbünden zu einer bis heute beliebten Kultschrift.

 

 

Wir und der Gral – Gralshüter oder Gralssucher?

 

Was ist der Gral, wo ist der Gral? Die kurzen Aperçus zeigen, wie vielfältig die Geschichte vom Gral verstanden wurde, wie widersprüchlich die Bilder waren. Die neuere Zeit nutzte die Imaginationen in verschiedener Weise, neben den zitierten Personen, wie Wagner, Goethe oder Otto Rahn ließen sich trefflich die Bauten und Bilder im Umfeld König Ludwigs und vieles andere evozieren. Auch kirchliche Texte lassen dies erkennen.

 

In hac mensa novi Regis

Novum Pascha novae legis

Phase vetus terminat.

Neuen Königs Tafelrunde

Neues Lamm im Neuen Bunde

Hat des Alten End gebracht.

 

Die hier nach dem alten Schott gebotene Übersetzung der wohl Thomas von Aquin († 1274) zuzuschreibenden Fronleichnamssequenz verbindet das Neue Lamm und den Neuen Bund mit der „Tafelrunde“ des Neuen Königs und nutzt damit Worte der Gralsmythen.

 

Wenn aber der Gral so viele Gesichter hat, was stört uns dann an Dan Brown und seiner Interpretation von Maria Magdalena als Gral? Sein Vorgehen unterscheidet sich von anderen Entwürfen mehrfach: Der Gral wird seines Geheimnisses entkleidet, denn es wird klargestellt, was der Gral ist. Gralssuche und Gralssucher sind abgeschafft. Damit verliert der Gral auch seine Attraktivität als ein Ziel, das Träume bündeln und sublimieren könnte. Und vor allem: Fiktionen werden als – historisch und kunsthistorisch unhaltbare – Fakten ausgegeben, deren Kenntnis nur eine Verschwörung im Vatikan verhindert habe. Damit bedient „Sakrileg“ mit gängigen Methoden die Lust auf Enthüllungen, Sensationen und Verschwörungstheorien.

 

Wir könnten damit sehr gelassen umgehen, wenn wir uns alle bewusst wären, welche Bilder und Interpretation der Gral schon hat ertragen müssen. Vielleicht liegt das Problem der öffentlichen Erhitzung weniger bei Brown als bei den Rezipienten: Weil das Wissen um unsere eigenen Traditionsbestände zurückgeht, wird die Zustimmung oder die Empörung so heftig. In der aktuellen massiven Zurückstutzung und Infragestellung von Geisteswissenschaften und Theologie an Schulen und Universitäten, wie sie von etlichen Politikern und verschiedenen Kreisen immer noch weiter betrieben wird, scheint mir das eigentliche Problem zu liegen. Die kritische Auseinandersetzung mit Traditionen verhilft zu einer Unabhängigkeit, die auch mit offensichtlichen Verschwörungstheorien gelassen umgehen kann. In solcher Freiheit können wir im Gral auch ein Symbol für den Abendmahlskelch erkennen, der unsere Wünsche und Sehnsüchte mit Blick auf die Transzendenz bündelt, ohne dass wir dabei zu ängstlichen Gralshütern werden, sondern uns als neugierige Gralssucher verstehen.