Die Elfe und der Spielmann

 

Vor einiger Zeit, die noch nicht allzu lange zurückliegt aber auch nicht durch eine menschliche Erinnerung erreichbar wäre, betrat ein Spielmann einen Wald, in dem es allerlei krumme Kiefern und gerade, dicke Eichen, schlanke Birken und kleine Tanne, große Fichten und herrliche Buchen gab.
Es tut nichts zur Sache, wann genau der Spielmann jenen Wald betrat, obwohl er eine Uhr trug und so die Frage nach Datum und Zeigerstand hätte beantworten können. Doch dies ist eigentlich egal, da Uhren in diesem Wald voller magischer Lichtungen und verwunschener Haine nicht wirklich funktionierten.
Der Spielmann wußte nicht darum und für ihn spielte es auch keine Rolle, denn er war ein einfacher Bäckergeselle und auch nur auf der Durchreise in die nächste Stadt, um sich dort bei einem Meister zu verdingen.
Was er besaß und für wichtig hielt, trug er bei sich. Wodurch der Eindruck erweckt wurde, er gehöre zum Volk der rastlosen Wanderer und Vogelfreien, denn sein Bündel bestand aus einem Tonkrug, einem Kanten Brot, einer roten und einer gelben Hose sowie einem viel zu oft gestopften ehemals blauem Hemd und einem grauen Filzhut, den er mal auf dem Kopf und mal als Spielzeug in der Hand trug. Eine hellbraune Laute war auf seinen Rücken gebunden.
Er, der Spielmann hielt sich kaum an die wenigen Wege. Er stromerte ziellos zwischen den Bäumen umher und schien wenig glücklich mit seinem Vorhaben, die Stadt zu entern.
Er blieb nicht selten stehen und schlug die Seiten seiner Laute an, bis deren Klänge fremd durch den Gesang der Vögel bis tief in den Wald drangen.
Nach und nach lockte das Spiel neben Rehen, Hasen, Wildschweinen, Meisen und all den anderen Wildtieren auch die ersten Geister aus ihren Verstecken, in denen sie die Tage und auch manche Neumondnacht verbrachten, auf Lichtungen und unter vereinzelt stehende Bäume.
Sie folgten dem Spielmann vorsichtig, unsichtbar und völlig lautlos, denn sie wollten ihn nicht verschrecken, da seine Lieder ihren Alltag, der vornehmlich aus alten Lastkarren, Eselgeschrei und fluchenden Bauern bestand, sanft bereicherte.
Als der Wald bereits fast zehn Tage tief war - der Spielmann hatte sich ein üppiges Mahl aus Beeren und süßen Wurzeln gegönnt - legte er sich in einem dichten Eichenhain schlafen, ohne zu merken, daß er sein müdes Haupt an den Stamm einer herrlichen Buche bettete.
Ein kurzer Regenschauer ließ würzige Düfte aus den fernen Kiefern steigen. Still neckte ein kleiner Wind frühlingsgrüne Blätter als eine kleiner Waldgeist über den rechten Fuß des Spielmanns stolperte, den dieser aus Gründen der Bequemlichkeit achtlos von sich gestreckt hatte.
Für jenen Geist, der im übrigen eine Elfe war, waren Menschen trotz ihres zarten Alters an sich nichts besonders mehr. Sie waren nicht einmal mehr aufregend, denn sie hatte schon viele verschiedene Spaziergänger in vornehmen Kleidern, schmutzige Bauern und zerschlissene Reisende gesehen, die hier und dort den Wald durchquerten und dann und wann im ihrer Nähe zu rasten pflegten. Die wenigen Forscher und Abenteurer, die sich selbst in entlegensten Winkel trauten, erschreckte sie manchmal durch ein unbedachte Bewegung, die ihre Anwesenheit verriet. Jedoch wurde sie dann durch eine Luft - oder Sonnenspiegelung bzw. mit dem Wind erklärt. Das amüsierte die kleine Elfe und sie machte sich einen Spaß daraus, solchen Eindringlingen zu folgen und ihnen diverse Phänomene aufzuzeigen, die dann durch die Hilfe der kuriosen menschlichen Hirne wissenschaftlich zersetzt und auf logische Ursprünge zurückgeführt wurden.
Nur das Echo der herzlich lachenden Elfe konnte die Forscher und Abenteurer nie erklären und packten sich immer wieder etwas ängstlich umblickend ihre Gerätschaften und Ausrüstungen zusammen, um den Wald zu verlassen.
Die kleine Elfe zuckte dann dreimal mit den Schultern und wandte sich anderen,spannenderen Dingen zu.
Der schlafende Spielmann jedoch gehörte nicht zu diesen spannenden Dingen. Sie hatte sich bereits von ihm erzählen lassen und war so nicht einmal überrascht einen schlafenden Spielmann im Wald anzutreffen.
Die kleine Nymphe schwang sich unbeeindruckt auf die Äste über ihm und machte sich einen Spaß daraus, seine Nase mit den leeren Schalen einiger Bucheckern zu treffen.
Sie hatte die Lieder des Spielmanns noch nie vernommen, weshalb sie nicht begierig darauf war, sie zu hören und da ihr liebstes Lied ihr eigenes Kichern war, wenn eine Buchecker, die Nase des Spielmanns traf, schlief auch ihre Neugier, die eventuell hätte wissen wollen, was es mit den geheimnisvollen Klängen seiner Laute auf sich hatte.
Der Spielmann erwachte.
Die Elfe erhob sich schmunzelnd von ihrem Schauckelast und lehnte sich erwartungsvoll an den Stamm ihrer geliebten Buche, die mitten unter Eichen stand.
Der Spielmann, der beim Griff nach seiner Laute, die zarten Fußspuren um ihn herum übersah, nahm die Bewegung der sich erhebenden Elfe über sich war. Er hob den Blick, der alsdann auf einem Wesen aus Luft und Kiefernduft, das verspielt gelangweilt Buchecker - schalen nach seiner Nase warf, ruhte.
Der Spielmann war verwundert so sehr man es sein kann, wenn man schon tagelang unter unsichtbaren Fabeln und Mythen lebte.
Mit einem tiefen Diener forderte es das Mädchengeschöpf zum Tanze auf die Erde. Doch die Elfe schlug lachend ein Rad in höhere Äste. Dort rollte sie sich in einem Astloch zusammen und bekam Schlucken, wie immer wenn ihr dank unruhigen Verliebtsein sein Herz den alltäglichen Takt änderte und zu rasen begann.
Der Spielmann klopfte leise ein Lied auf seine Laute.
Die Elfe lauschte. Vorsichtig und ungesehen tanzte sie leise auf den obersten Blättern der Buchenkrone einen Reigen und vier Walzer für ihren Lieblingsraben. Weit unter ihr spielte der Spielmann. Ein sanftes Kichern mischte sich mit den Lautenschläge. Beide wußten um den anderen, weil sie das Duett ihrer Stimmen hörten.
Lied für Lied stieg die kleine Elfe Ast um Ast herab. Der Spielmann war ihr bis zur untersten, stärksten Gabel entgegengekommen. Als sie ihn gewahrte lachte sie einen Sonnenstrahl und ließ sich zur Erde fallen.
Er kletterte hinab.
"Spiel weiter !"
"Wer bist Du ?"
"Spiel weiter !"
So wiederholte der Spielmann seine Reigen und Walzer und Menuette und der kleine Waldgeist drehte sich mal langsam, mal herrlich schnell glücklich lachend im Kreise herum.
Die beiden Stimmen lockten allerlei Volk aus Bäumen Sträuchern und Gestrüpp. Selbst Seen Bäche und Moose konnten ihre Geheimnisse nicht halten und gaben sie den Festlichkeiten der Lichtung preis, auf der eine Buche stand, die ein Eichenhain einschloß.
In dem Gewühl der miteinander im Tanz verschlungenen Märchen trafen die kleine Wald - nymphe und der Laute schlagende Mensch unerwartet plötzlich aufeinander.
Sie waren sich auf betörende Art und Weise nah, so nah, daß keiner seine Hand auszustrecken brauchte, um den anderen zu berühren und doch hob der Spielmann beide Hände, die nun ihren Rücken hinaufstiegen und zärtlich in ihrem Nacken verweilten. Kleine freche Winde fegten durch das hüpfende Herz des Elfchens.
Sie konnte nicht mehr sagen, ob ihr rasender Puls einzig nur vom Tanzen her rührte.
Die Welt schien einen Augenblick zu schweigen, während die Elfennymphe ihr Herz in des Spielmanns Brust verschloß, dessen Hände ihr Gewicht auf ihren Schultern ausruhten. Sie sah wie eine Sternschnuppe fiel, als sie die Augen schloß, nur noch den Kuß spürend, den er atemlos auf ihre kindliche Stirn hauchte.
Dann ging der Spielmann fort.
Die Klänge seiner Laute erreichten aus einem anderen Teil des Waldes fremd und fern die kleine Elfe, die erst jetzt das Verschwinden des Spielmanns bemerkte.
Sie folgte den Tönen, die sich zu lieblichen Melodien formten und fand ihren Spielmann auf einer birkenhellen Quelle sitzend. Sie sah andere Elfen und Nymphen, die seinem Spiel in ihren Drehungen einen Sinn gaben.
Der kleine Waldgeist reihte sich in den Reigen seiner Schwestern, doch ließ der Spielmann ihn unbeachtet lachen und zog ohne Gruß weiter. Die Elfennymphe aber folgte ihm auf seinem Zickzackweg, der den Spielmann fernab aller Pfade durch den Wald auf die nächste Stadt zu führte, um dort dem Bäckerhandwerk nachzugehen. Oft hielt er im Wandern inne, der Spielmann; dann erklangen bald seine Lieder , die Kobolde, Elfen, Nymphen, Zwerge, Waldschrate, Feen, Nixen und vielerlei seltsames mehr zum Tanze lockten.
Die kleine Elfe nahm jede dieser Aufforderungen wahr in der stillen Hoffnung auf weitere Sterne, die zur Erde fallen. Nur fiel ihr mit jedem neuen Tanz das Kichern schwerer und ihr glockenhelles Lachen wurde zur Stille, ohne daß es dem Spielmann aufgefallen wäre.
Dieser hatte gelernt, den sanften Tritt seiner kleinen mythologischen Verfolgerin aus den Geräuschen des Waldes zu filtern und versuchte jenem aus dem Weg zu gehen. Die Elfe verfolgte ihn trotzdem - mal sichtbar, mal unsichtbar - durch das Gewirr ihrer Heimat, die eines Tages auf einmal zu Ende war.
Die beiden betraten ein Feld, hinter dessen Weite sich die Stadt erhob.
Auf freien Feldern kann man sich nicht verstecken.
Die Elfe und der Spielmann standen sich gegenüber. Er öffnete seine Brust und nahm ihr Herz heraus. Er gab es dem kleinen Fabelwesen zurück. Aber er tat es so unbeholfen vorsichtig, daß es ungewollt auf den staubigen Feldweg fiel, der die Entfernung zwischen Elfe und Spielmann in Metren bemaß.
Er sei als Mensch für die hohen Häuser der Stadt geboren, rief er ihr zu, obwohl die kleine Elfe auch sein Flüstern verstanden hätte. Er müsse doch, bevor er sich für den Wald und seine Märchen entschiede, erst viele Städte und ihre Realitäten kennengelernt haben.
Die kleine Elfe wollte wirklich lieber ein Flüstern ihre Ohren liebkosen als dieses kalte Rufen gegen ihre Trommelfelle prallen zu lassen. Sie weinte zwei kristallklare Bächlein.
"Was wäre, ..."
" ... wenn alles anders wäre ? Dann wäre alles anders und alles wäre möglich.", beantwortet der Spielmann leise ihre verzweifelte Frage.
Die Worte trug ein Regenwind zum Meer. Der Mensch und der Waldgeist standen sich gegenüber. Sie hatte den Wald und seine unergründlichen Tiefen im Rücken, er die Stadt. Zwischen ihnen lag immer noch ihr Herz im Staub. Die Dämmerung begann die Himmel lila anzumalen.
Der Spielmann wandte sich ab und schritt leichtfüßig auf die schmeichelnden Lichter der Stadt zu. Die kleine Elfe stand noch fünf Ewigkeiten dort auf dem Feldweg und wartet auf seine Rückkehr.
Irgendwann hörte sie ein fröhliches Klingeln. Sie wandte sich zum Wald und sah den Herbstwind, der lustig scharlachrote Buchen -, quittegelbe Kastanien - und braune Eichen - blätter durcheinanderwirbelte.
Das war ein Spaß! Die kleine Elfe hob ihr Herz auf und ließ sich zu ihrer Buche tragen, die auf einer Lichtung stand, welche ein Eichenhain umschloß. Ihre wenigen letzten Tränen trocknete das kuschlige Frohlocken der ersten Schneeflocken.

Wenn der Spielmann von der einen Stadt genug hat und in die nächste zieht, durchwandert er immer jenen Wald. Die kleine Elfe kreuzt seinen Weg jeden Frühling dreimal, doch sie folgt seinem Lied nicht mehr.
Nur noch manchmal singt sie es des nachts den Sterne vor, weil sie nicht vergessen will, was hätte sein können, wenn alles anders gewesen wäre.



 




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