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"Die erste Begegnung mit einem Wal - das ist ein Augenblick, der oft das Leben eines Menschen verändert: man beginnt sich selbst in dieser Welt anders wahrzunehmen. Das vermag ein einziger Wal."

(Paul Watson: Ocean Warrior) 

 

 

Auszug aus seinem Buch „OCEAN WARRIOR“:

 

„Die Wale tauchten auf. Ihre Rücken ergossen sich aufwärts - das ist das einzige zutreffende Wort dafür -, wie Asphaltstraßen, denen Leben eingehaucht würde.

Und sie drehten sich wie große Räder, wie Mandalas, bis es so aussieht, als hätten sie einen vollständigen Kreis beschrieben - wie die mythologische  Schlange, die sich selbst verschlingt. Doch dann der Aufprall, in Zeitlupe, der Hunderte kleiner Wellen schlägt: die Schwänze bäumen sich auf wie Katapulte, das Sonnenlicht glänzt au ihren feuchten Flanken - Fleisch, das so warm ist wie menschliches Fleisch und ebenso empfindlich für Schmerz und Lust. An ihren Leibern haftet eine Kruste aus Muscheln und Krebstieren, und hinter dem Kamm aus Fischbeinplatten, mit dem sie den Meeresgrund abfischen, liegen mächtige, eineinhalb Tonnen schwere Zungen.

 

Ich habe gesehen, wie sie sich in den warmen Gewässern vor Baja, Kalifornien, paarten und ihre Jungen gebaren, habe gesehen, wie sie direkt auf mich zuschwammen, so nahe, dass ich sie berühren konnte. Es fiel mir nicht schwer zu glauben, dass ihr Gesang eine Art Gebet war.

 

Sie stiegen aus dem Meer empor; ihre klaren Augen, groß wie Untertassen und ähnlich denen einer Siamkatze, blickten uns unverwandt an. Wir wurden Zeugen der Versammlung der Wale am Ende ihrer langen Wanderung nach Norden. Und uns erfüllte ein ehrfürchtiges Staunen. Diese Grauwale waren dieselben, deren Leben in einer warmen mexikanischen Lagune begonnen hatte. Sie waren die Strände von Malibu in Südkalifornien entlanggewandert, hatten ihre Jungen an der großartigen Harfe der Golden Gate Bridge vorbeigeführt, waren an den fahlen Dünen der Küste von Oregon vorbeigeschwommen und wie unsichtbare Gespenster durch die Meerengen von British Columbia geglitten. Nur gelegentlich von einem Fischer erspäht, waren sie auf einem uralten Weg weitergezogen, vorbei an dem vulkangesäumten Portal des Unimak-Passes hinein in die Bering-See. Und jetzt waren sie hier, in der kargen Öde Sibiriens.

Hier, an dieser Stelle, würden viele von ihnen sterben, würde der kalte Stahl der Harpunen abscheuliche Löcher in ihr empfindliches Fleisch reißen. Ungefähr achtzehntausend Grauwale gibt es heute noch - das Wunder einer  Auferstehung. Nordamerikanische Walfänger hatten sie Jahrhunderte lang hingemetzelt, bis kaum noch ein paar hundert übrig waren.

1910, als das Zarenreich Russland sich in Todeszuckungen wand, hatte der Grauwal - hier einst »Teufelswal« genannt - nicht soviel Glück. Dort ist ist er ausgestorben. 

 

Diese Hunderte Wale rings um die Sea Shepherd auftauchen zu sehen, wie ein Schwarm von Wesen, die uns Glück wünschten, war um so ergreifender, als wir mit eigenen Augen beobachtet hatten, wie endzeitlich öde und verlassen die Meerengen des Nordpazifik geworden waren. Südlich ein Wanderpfad, dem Finnwale, Blauwale und Buckelwale wie auch Grauwale gefolgt waren. Sie waren die größten Erdenbewohner, die Könige der Meere gewesen. Aber jetzt waren die Meere leer: lediglich ein paar Albatrosse, Möwen, einige Alken, gelegentlich ein Sturmtaucher und hier und dort einige Tümmler und Delphine; bis jetzt hatten wir nicht die Spur einer Gischt gesehen. Bis hierher hatte unsere Reise uns nichts anderes gezeigt als das »große Leichentuch des Meeres«, wie Herman Melville es genannt hat, einen Friedhof. Auf ihrer jahrhundertealten Prozession waren die größten Erdenbewohner in Hinterhalte gelockt und abgeschlachtet worden. Es war, als hätte eine Seuche sich über das Wasser ausgebreitet.“


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