Die ersten Ängste hatte ich als Kind im Alter von ca. 8 Jahren. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Ich war mit meinen beiden jüngeren  Geschwistern alleine. Es war Nachts, ich wurde wach. Ich bekam eine schreckliche Angst, dass meine Eltern nie wiederkommen würden. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass ich weinend am Küchenfester sass und zum lieben Gott betete er möge doch bitte meine Eltern beschützen, dass ihnen nichts passiert und sie wieder nach Hause kämen. Aus Erzählungen weiss ich, dass wir des öfteren alleine zu Hause waren. Wie oft ich als Kind noch in solch einer Situation war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Im Alter von ca. 12 Jahren wurden die Verlustängste dann schon mehr und auch öfter. Sobald meine Eltern  abends fortfuhren bekam ich fürchterliche Ängste, dass sie nie wiederkommen würden. Ich lag so lange wach, bis ich ihr  Auto hörte.

Es gab auch so einige Situationen zu Hause, die mich in Angst u. Schrecken versetzten, auf die ich aber nicht weiter eingehen möchte.

Nach der Geburt meines ersten Kindes, da war ich 22 Jahre, bekam ich die ersten Panikattacken. Mein Sohn war 1/2 Jahr alt und wir unternahmen eine Reise über das Wochenende und liessen mein Kind bei meinen Eltern. An diesem Wochenende bekam ich meine ersten Panikattacken. Damals wusste ich nicht, dass es sich um PA handelt. Ich glaubte ich hätte Kreislaufprobleme. Ich war heilfroh als das Wochende vorbei war, wir wieder zu Hause waren und ich mein Kind wiederhatte. Ich ging zu meinem Hausarzt u. schilderte ihm meine Beschwerden. Dieser überwies mich sofort an eine Therapeutin mit dem Hinweis ich hätte Panikattacken. Ich ging also zur Therapeutin und erzählte ihr alles. Sie sah mich an und sagte:"Mein liebes Kind, Sie haben Verlustängste." Aber sie werden es allein schaffen." In diesem Moment bekam ich wieder Panikattacken. Auch das sah sie. Aber sie schickte mich fort. Es liest sich unglaublich, ich weiss. Aber genauso ist es gelaufen. Von diesem Tage verließ ich das Haus nur noch mit einer Flasche Kreislauftropfen in der Tasche. Es gab auch Tage an denen ich mich garnicht aus dem Haus traute. Das ganze dauerte so ca. 1 1/2 Jahre an. Bis zu dem Tag, wo ich mir sagte:" es ist mir jetzt piepegal ob ich umkippe, ich werde schon nicht gleich sterben." Nach kurzer Zeit hörten die Panikattacken auf.

4 Jahre nach der Geburt meines Sohnes, bekam ich mein zweites Kind. Meine Tochter. Ich hatte mir sehnlichst ein Mädchen gewünscht. Es war also eigentlich alles perfekt. Aber  1/2 Jahr nach der Entbindung bekam ich starke Depressionen. Ich wusste einfach nicht was mit mir los war. Hätte ich nicht glücklich sein müssen? Aber ich war todtrauring und dachte mehrmals daran mir das Leben zu nehmen. Mein Hausarzt überwiese mich zu einer Neurologin. Diese diagnostizierte eine sogen. "verspätete Wochenbettdepression". Ich bekam leichte Antidepressiva und nach einigen Wochen hörten die Depressionen auf. Mir ging es so gut, wie nie zuvor in meinem Leben. Nach 2 Jahren wurden die Antidressiva schleichend abgesetzt. Ich hatte keine Entzugserscheinungen. Und es ging mir immer noch gut. Dann wurde ich mit meinem dritten Kind schwanger. Es wurde wieder so wie ich mich gewünscht hatte, ein Mädchen. Nach ihrer Geburt hatte ich Angst, dass sie am plötzlichen Kindstod sterben könnte. Nach der Taufe hörten diese Ängste auf.

 Dannach folgten 4 Jahre, in denen es mir gut ging. Keine Depressionen, keine Ängste. Ausser die Ängste, dass meinen Eltern etwas passieren könnte, die hatte ich die ganzen Jahre über. Nur waren sie nicht so vordergründig, da ich ja meine Kinder zu versorgen hatte.

Nebenbei arbeitete ich noch etwas zu Hause. Teilweise ging ich auch ein paar Stunden ausser Haus arbeiten. Es machte mir Spass und es war trotz der Kinder gut zu schaffen. Das Arbeitsamt bei dem ich mich meldete, bot mir eine Weiterbildung im EDV-Bereich an. Es war ein Lehrgang, der über 7 Monate ging und ganztägig war. Ich war hin u. hergerissen. Wollte ich doch so gerne wieder "richtig" arbeiten können. Aber auf der anderen Seite waren da die Kinder. Wir überlegten wie wir das schaffen könnten. Ich entschloss mich an dem Lehrgang teilzunehmen und für die beiden Kleinen eine Tagesmutter zu suchen. Eine Mutter aus der Vorschule bot sich sofort an meine beiden Töchter zu betreuen. In der einen Woche waren es ca. 1 1/2 std. täglich, wenn mein Mann Frühdienst hatte. In der Spätdienstwoche holte sie Mittags die Kleine vom Kindergarten ab. Meine grosse Tochter war vor und nach der Schule bei ihr bis ich beide dann Nachmittags um 15.00 Uhr abholte. In meiner Mittagspause fuhr ich nach Hause und bereitete meinem Sohn das Mittagessen.

Mir machte die Schulung sehr viel Spass ich war ausgeglichen und konnte die restliche Zeit mit meiner Familie gut geniessen. Doch dann plötzlich wurden die Kinder Krank. Als erstes bekam meine grosse Tochter eine Lymphdrüsenentzüng u. musste ins Krankenhaus. Dann bekam die kleine Scharlach. Im Urlaub den wir machten, bekamen beide Mädchen Keuchhusten. Nach dem Urlaub wurde bei meinem Sohn ein Tumor im Handgelenk festgestellt, der Operiert werden musste. Gott sei dank war er gutartig. Und letztendlich bekamen alle 3 im Herbst Pseudokrupp-Husten.

Ich machte mir schwere Vorwürde. War es die Strafe für mich weil ich meine Kinder "alleine" gelassen habe?

Die Kinder wurden wieder gesund. Meine Schulung ging zu Ende u. ich fing halbtags an zu arbeiten. Mein Arbeitsplatz befand sich ca. 25 km von unserem Wohnort entfernt. Und mit dieser Entfernung fingen meine Ängste um die Kinder an. Ständig sass ich auf der Arbeit und mir gingen die schrecklisten Gedanken durch den Kopf was in meiner Abwesenheit so alles passieren könnte. Unfall, Entführung usw. Die Ängste packten mich immer mehr. So stark, dass ich mein Stelle kündigte. Ich musste dann eine neue Stelle in unserem Ort antreten. Ich war dazu verpflichtet vom Arbeitsamt aus. Sonst hätten sie die Kosten für den Lehrgang zurückgefordert. Ich biss die Zähne zusammen und ging jeden Tag zur Arbeit. Aber es war die Hölle, die Ängste zermürbten mich so, dass ich teilweise meinen Arbeitsplatz heimlich verliess um zu kontrollieren, dass meinen Kindern auf dem Schulweg auch wirklich nichts passiert ist. 9 Monate nach Antritt der Stelle wurde ich von einer Neurologin die ich aufsuchte krank geschrieben. Ich bekam viele verschiedene Medikamente. Nichts half. Ständig war ich in Angst, eines der Kinder könnte einen Unfall haben. Oder aber ein Sittenstrolch könnte eines der Mädchen vom Schulhof entführen. Ich fuhr also jedes meiner Kinder zu Schule und holte es auch wieder ab. Ich stand in den Pausen auf dem Schulhof um aufzupassen, dass auch niemand kommt und die Mädchen anspricht. Hörte ich einen Krankenwagen, sprang ich in mein Auto und raste los um nachzusehen ob dieser vielleicht vor der Schule stehen könnte.

Ich begann eine Gruppentherapie. Aber dort hatte niemand solche Ängste wie ich. Ich fühlte mich unverstanden. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, "WARUM" ich diese Ängste überhaupt hatte. Ich spürte, dass es so nicht weitergehen kann. Meine Kinder konnten nicht einen Weg alleine bestreiten. Überall fuhr ich sie hin u. holte sie auch wieder ab. Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt die Kinder durch die Gegend zu fahren. Auf anraten meiner Ärztin suchte ich mir wieder eine Beschäftigung. Stundenweise. Ich hatte Glück und fand einen Job im Ort und nur wenige Meter von der Schule entfernt. So hatte ich doch alles unter Kontrolle!

Über 2 Jahre ging das so. Dann kam der Blackout. Ich bekam die ersten körperlichen Sympthome. Schwindelanfälle, Sehstörungen, Taubheitsgefühle usw. So nach und nach ging nichts mehr. Ich getraute mich kaum noch mit dem Auto zu fahren. Einkaufen auch nur noch mit Angst. Immer öfter musste ich die Kinder alleine gehen lassen und angstgeplagt zu Hause verharren. Ich bekam Schmerzen. 1999 fuhr ich dann zu Kur. 6 Wochen. Meine körperlichen Sympthome waren so stark geworden, dass ich garnicht mehr darüber nachdenken konnte ob meinen Kindern in meiner Abwesenheit etwas passieren könnte. Nach 6 Wochen Kur kam ich nach Hause und es ging mir nicht einen deut besser. Im gegenteil die Schmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Taubheitsgefühle und Ängste wurden so schlimm, dass ich nichts mehr konnte. Ich war nicht einmal mehr in der Lage meinen Haushalt zu erledigen. Ich konnte nicht mehr alleine sein. Ich hatte Angst zu duschen. Ich konnte nicht mehr telefonieren, weil ich währenddessen starke Nackenkrämpfe bekam. Zu Fuss traute ich mich erst recht nicht mehr aus dem Haus. Ständig war die Angst vor dem Schwindel und den Sehstörungen da.Wochenlang lag ich mit Angstzuständen stundenlang im Bett. Zur Gruppentherapie konnte ich auch nicht mehr fahren. Meine Ärztin riet mir dringend zu einer Therapie.

 

                                              



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