
Das Leben, das ich selbst gewählt
Ehe ich in dieses Erdenleben kam
Ward mir gezeigt, wie ich es leben würde.
Da war die Kümmernis, da war der Gram,
Da war das Elend und die Leidensbürde.
Da war das Laster, das mich packen sollte,
Da war der Irrtum, der gefangen nahm.
Da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
Da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham.
Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
Die voller Licht und schöner Träume sind,
Wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage,
Und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
Die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
Wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden
als Auserwählter hoher Geister denkt.
Mir ward gezeigt das Schlechte und das Gute,
Mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde draus ich blute,
Mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig Leben schaute,
Da hört ein Wesen ich die Frage tun,
Ob ich dies zu leben mich getraute,
Denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.
Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme —
»Dies ist das Leben, das ich leben will!« —
Gab ich zur Antwort mit entschloßner Stimme.
So wars als ich ins neue Leben trat
Und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward ich geboren in diese Welt.
Ich klage nicht, wenns oft mir nicht gefällt,
Denn ungeboren hab ich es bejaht.
(Hermann Hesse)


Die Herzschläge nicht zählen
Delphine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
Horchen was Bach
zusagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauern
höher leben
tiefer leben
noch und noch
Rose Ausländer
Traue nicht deinen Augen
Traue deinen Ohren nicht
Du siehst Dunkel
Vielleicht ist es Licht.
Berthold Brecht
Wunder
von Annegret Kronenberg
Schicksal
von Annegret Kronenberg
Wenn das Schicksal ohne Rücksicht
seine Schläge wild verteilt,
musst du froh sein und zufrieden,
dass es dich nicht hat ereilt.
Doch für den, der's abbekommen,
fängt ein neues Leben an,
viel verloren, viel gestrichen,
begreifen, was man nicht mehr kann.
Da hilft dir nicht der Sonne Lachen,
da nützt kein leuchtend Abendrot,
du fühlst dich jetzt alleingelassen
und wärest manchmal lieber tot.
Doch mit den Jahren kommt Gewöhnung,
du spürst, wer wirklich zu dir steht,
du musst den Kopf ans Herz gewöhnen,
gewahrst, dass Manches doch noch geht.
Schaust nicht mehr traurig auf die andern,
hast selbst gefunden deinen Pfad,
kannst nützlich sein für viele Menschen,
drehst fleißig mit am Lebensrad.