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Der Engel der Tiere


(von Angela Wegmann)

Draußen fiel der Schnee in dicken Flocken, die wie Ballerinas durch die Luft wirbelten, um ihr weißes Röckchen auszubreiten und sich leise niederzulassen. Der Wald rings um das kleine Haus hatte schwer an Ihrer Last zu tragen, aber er hielt geduldig still, denn er war müde vom lauten, geschäftigen Treiben des Sommers. Nun hatten sich die meisten Tiere zurückgezogen, und nur noch selten bahnte sich ein Mensch seinen Weg durch den hohen Schnee. Jetzt musste der Wald sein Festkleid anlegen. Er wusste, dass die stille Zeit der Vorbereitung gekommen war, die Zeit, in der eine unendliche Ruhe ihn durchdringen wird, aber auch die Zeit, in der etwas Besonderes geschehen wird.

Der Kamin des Hauses rauchte schon lange nicht mehr, und in dem Zimmer war es kalt geworden. Der alte Mann saß ganz ruhig in seinem Ohrensessel, den leblosen Körper leicht nach vorn geneigt, so als schliefe er nur. Seine knochigen Hände lagen auf der verwaschenen alten Decke, in die er sich eingewickelt hatte. Seine schlaffen Füße steckten in groben Filzpantoffeln. In der Hand hielt der alte Mann eine bunte Weihnachtspostkarte, die ihm sein Sohn geschickt hatte. Vom letzten Skiurlaub war da die Rede und von einem neuen Auto. “Deine Dich liebenden Kinder”, stand in hastig hingeworfenen Buchstaben am Schluss. Und darunter noch kleiner geschrieben: “Kommen dich bald besuchen.”

Zu Füßen des Mannes lag ein weißer Spitz, den Kopf auf die Filzpantoffel gestützt. Er liebte den Geruch dieser alten Schuhe. Wann immer er konnte, bemächtigte er sich ihrer und hütete sie wie einen Schatz. Unter dem Tisch, am anderen Ende des kleinen Raumes, schlief ein nicht sehr schöner, mittelgroßer brauner Mischling, der wegen seiner Ohrenstellung allgemein nur Schlappohr genannt wurde. Ein großer, gelber Kater, dem man ansah, dass er schon so manch ein Katzenabenteuer hinter sich haben musste und ein kleines getigertes Kätzchen dösten auf dem zerschlissenen Sofa vor sich hin. Nur die Krähe hüpfte in ihrem Käfig nervös von einer Stange zur anderen. Die Türe zu ihrem Käfig stand wie immer offen, aber sie weigerte sich, auch nur einen Flügelschlag außerhalb ihrer Behausung zu tun, denn sie traute den beiden Katzen nicht. Die Krähe lebte noch nicht lange in dem kleinen Haus. Als der alte Mann sie gefunden hatte, waren ihr beide Flügel gebrochen. Auch jetzt noch konnte sie nur sehr unbeholfen fliegen.

Über Mensch und Tier lag nicht die heitere, erwartungsvolle Stille, die der Wald atmete, sondern eher eine lähmende, traurige Leere, die keine Zukunft und keine Hoffnung kennt.
“Sagt mal, kennt ihr eigentlich die Geschichte vom Engel der Tiere?”
Die anderen hoben träge ihre Köpfe und schauten zu dem Spitz hinüber, der mit seiner Frage die bleierne Ruhe des Nachmittags durchbrochen hatte.
“Von welchem Engel?” fragte der Mischling.
“Vom Engel der Tiere”, antwortete der Weiße. Schlappohr lag da, den Kopf auf die Pfoten gelegt. Auf seiner breiten Stirn bildeten sich dicke Falten, wie immer, wenn er angestrengt überlegte.
“Nee”, sagte er schließlich, gähnte und schickte sich an, wieder in den Dämmerzustand zu verfallen, in dem er den größten Teil des Tages verbrachte.
“Na, wenn es euch nicht interessiert”, sprach der Weiße und schleckte sich beleidigt seine Pfoten ab.
“Was ist denn mit diesem Engel?” wollte da aber das kleine getigerte Kätzchen wissen, das bis jetzt zusammengerollt auf seinem Platz gelegen hatte, denn wie alle Katzen war es sehr neugierig. Der Weiße, froh, dass jemand seine Geschichten hören wollte – denn er stand gern im Mittelpunkt – blickte zu dem Kätzchen hinüber und fing mit bedeutungsvoller Miene zu erzählen an.

“Also. Die Geschichte ist sehr alt. Mein Großvater hat sie mir einst erzählt, und der weiß sie wieder von seinem Großvater. Der sie wiederum von einem sehr alten Hund erfahren hat. Es soll sich zugetragene haben zu der Zeit, als Maria und Josef auf der Suche nach einer Herberge vergeblich von Haus zu Haus gezogen sind. Überall wurden sie wegen ihrer Armut abgewiesen. Niemand hatte ein kleines Plätzchen für sie frei. Es war bitter kalt, und Maria stand kurz vor ihrer Niederkunft. So gingen sie also aus der Stadt und fanden schließlich Unterschlupf in einem Stall, der sie wenigstens vor den ärgsten Unbillen des Wetters schützte. Die Tiere im Stall störten sich nicht an der Armut der beiden. Sie gaben bereitwillig von ihrem Stroh ab und wärmten Maria mit ihren Körpern. Als dann die Zeit gekommen war, murrten sie auch nicht, als Josef eine Futtergrippe leerte und Stroh hineintat, um dem Kind ein Bett zu bereiten. Der Heiland war geboren. Und nicht Menschen, sondern Tiere waren die ersten, die in leiser Andacht die Köpfe vor dem Neugeborenem senkten, denn auch sie spürten, dass das kein gewöhnliches Menschenkind sein konnte, das da in stiller Duldsamkeit, so als wisse es um sein schweres Los, in der Krippe lag. Gott aber segnete die Tiere des Stalles. Und von diesem Tag an schickte er jedes Jahr zu Weihnachten einen Engel aus, der armen Tieren helfen soll – den Engel der Tiere.”

Hier schloss der Spitz und blickte in die Runde. Schlappohr und der gelbe Kater hatten sich erhoben und schauten angespannt lauschend zu Weißfell hinüber.
“Ach”, seufzte das Kätzchen und begann sich ganz selbstvergessen das Fell zu putzen.
“Märchen, nichts als Märchen”, krächzte die ewig kritische Krähe. Zustimmendes Gemurmel von Seiten des gelben Katers und Schlappohrs. Bald schickte sich jeder wieder an, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.
“Und wenn es ihn aber doch gibt?” Meldete sich da schüchtern das kleine Kätzchen, und seine Schnurrhaare zittern vor Aufregung. “Heute ist doch die Heilige Nacht.” Es schloss die Augen und betete inbrünstig. “Oh. Lieber Gott, mach, dass der Engel zu uns kommt. Mach, dass wir bei unserem geliebten Menschen bleiben können. Mach, dass wir nicht weggehen müssen.”
“Märchen, dumme, alberne Märchen”, wiederholte die Krähe und funkelte das Kätzchen feindselig an.
“Ich dachte ja nur, dass vielleicht ….”
“Es gibt keinen Engel der Tiere”, unterbrach die Krähe es gereizt. “Ich habe noch nie etwas von ihm gehört. Verstehst du. Es gibt diesen Engel nicht. Für uns nicht und auch für andere nicht. Er existiert einfach nicht.” Erregt hüpfte die Krähe in ihrem Käfig hin und her, wobei sie wie zur Bekräftigung ihrer Aussage immer wieder mit dem Kopf nickte und vor sich hin zischte. “Nein, es gibt ihn nicht. Er existiert nicht.” Der große gelbe Kater setzte sich auf, gähnte, kratzte sich am Ohr und sagte traurig:
“Die Krähe hat recht. Ich habe auch noch nie etwas von einem Engel der Tiere gehört.” Er seufzte, drehte sich einmal um sich selbst und ließ sich wieder auf seinem Kissen nieder. Die Krähe hatte sich inzwischen beruhigt. Sie saß nun unbeweglich in einem Eckchen ihres Käfigs und starrte resignierend vor sich hin. Der Spitz schlief schon längst wieder, den Kopf auf den Pantoffeln seines Herrchens. Nur das Kätzchen saß noch da und blickte sehnsüchtig träumend auf den alten Mann, der bewegungslos in seinem Stuhl saß. Er hatte die Augen geschlossen, so als ob er nur schliefe.

Ganz leise, fast unhörbar, sagte das Kätzchen:
“Und wenn es ihn aber doch gibt?”

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Es hatte zu schneien aufgehört. Auch in dem kleinen Haus war es dunkel geworden. Es gab niemanden mehr, der das Licht hätte anzünden können. In weiter Ferne läuteten Kirchenglocken die Heilige Nacht ein. Das Kätzchen war auf das Fensterbrett gesprungen und blickte in die sternenklare Nacht, so, als ob es etwas suche.

Plötzlich spannte sich sein kleiner Körper, und es fing vor Erregung zu zittern an.
“Er kommt!” rief es außer sich vor Freude. “Er kommt tatsächlich. Er kommt zu uns. Seht nur, seht !”
Aufgeschreckt aus ihrem Schlaf, hoben die anderen Tiere träge die Köpfe, und da konnten sie auch schon den hellen Lichtschein sehen, der langsam das ganze Zimmer erfüllte.

Der alte Mann saß noch immer still da, aber etwas hatte sich in seiner Haltung verändert. Und als die Türe sich öffnete und das Licht den ganzen Raum in strahlenden Glanz tauchte, da erhob sich der Geist seines alten, abgemergelten Körpers leicht und mühelos, so als ob die Last der Jahre von ihm abgefallen wäre. Langsam, gleichsam als schwebe er, ging er auf die offene Tür zu und folgte dem hellen Licht. Bei der Türe angekommen, blieb er stehen und blickte sich lächelnd nach den Tieren um. Da war der Bann gebrochen, der die Tiere hatte erstarren lassen. Langsam, ganz langsam erhoben sie sich und folgten dem alten Mann, der inzwischen durch die Tür in die Nacht hinausgegangen war. Sogar die ängstliche Krähe wagte sich aus ihrem Käfig. In den Herzen der Tiere war eine unbeschreibliche Freude und eine warme Stille. Sie mussten nicht allein zurückbleiben. Und die Bäume des Waldes neigten ehrerbietig die Äste, als die stille Prozession gen Himmel glitt. Der Wald war alt, und er kannte die Geheimnisse.

Eine Woche war vergangen, als sich ein Auto schnaufend und prustend den Weg durch den tiefen Schnee auf der Straße bahnte, die zu dem kleinen Haus führte. Es war ein sehr schönes Auto, neu und auf Hochglanz poliert. Vor dem Haus angekommen, hielt das Auto. Ein Mann, eine Frau und zwei Kinder stiegen aus. Der Mann hatte ein Paket unter den Arm geklemmt, um das eine große Schleife gebunden war. Die Frau klopfte an die Tür, aber es öffnete niemand. Da zuckte der Mann mit den Achseln und meinte, der Opa sei wohl über Weihnachten ins Dorf gezogen. Der Mann verstaute das Geschenk, eine neue Decke für den Opa, seine Frau und die Kinder wieder in das neue, schöne Auto und fuhr ab.

Drinnen saß der alte Mann in seinem Sessel, die Postkarte noch immer in seiner Hand. Um ihn herum lagen die kalten Körper seiner Tiere. Sie lagen da, als schliefen sie, ganz ruhig und friedlich. Der alte Mann lächelte, und auch die Tiere schienen zu lächeln. Und nur der Wald wusste um ihr Geheimnis.
München 1984



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