Eine Idylle in Gefahr

Fast unberührte Wälder, durchzogen von kristallklaren Flüssen und Seen, prägen den Norden des Bundesstaates Wisconsin. Seit Jahrhunderten ist dies die Heimat algonkinsprechender Waldlandindianer. Auch heute noch leben Chippewa, Potawatomi und Menominee in Reservationen in ihrer angestammten Heimat. Andere Stämme, wie die Oneida, Stockbridge und Munsee, wanderten später in dieses Gebiet ein. Die Jagd, der Fischfang und vor allem die Ernte von Wildreis bildeten die Wirtschaftsgrundlage der hier ansässigen Indianer und bilden sie zum Teil noch heute.

Doch diese Idylle ist in Gefahr. 1975 entdeckte Exxon in der Nähe der Mole Lake Reservation bei Crandon die größten Zink-Kupfer-Vorkommen der Welt. Die Mine könnte 20-25 Jahre lang Erz produzieren.Nachdem Exxon 10 Jahre lang schärfster lokaler Widerstand entgegenschlug, zog sich die Firma 1986 zurück, kehrte aber 1994 mit der Firma Rio Algom (Crandon Mining Company – CMC) als Partner zurück.

In der Crandon Mine, die ein Gebiet von 350 Hektar umfassen würde, lagern neben Zink und Kupfer auch noch giftige Schwermetalle wie Quecksilber, Blei, Arsen und Cadmium. Auch wurden Spuren von Uranium gefunden. Das Zink und das Kupfer liegen in Sulfidform vor; bei Kontakt mit Luft und Wasser kommt es zur Bildung von Schwefelsäuren. Die Crandon Mine liegt im Quellgebiet des Wolf River, einem Feuchtgebiet mit einer großen jährlichen Niederschlagsmenge. Selbst die EXXON-Verantwortlichen mußten zugeben, daß „es keinen ungünstigeren Platz für eine Mine gibt.“

Doch damit nicht genug der Probleme. Während ihrer Betriebsdauer würde die Mine zirka 44 Millionen Tonnen Abfälle produzieren. Die Hälfte des Abfalls bestünde aus feinen Erzabfällen, die in eine Deponie von 150 Hektar Größe und 30 Meter Tiefe gepumpt würden. Die Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) gibt zu, daß solche Deponien nur sehr locker überwacht werden können und daß selbst bei den besten Deponien Lecks unvermeidlich seien. Auch der US Forest Service erklärte, daß es keine sicheren Technologien gibt, um das Austreten von Säuren zu verhindern. Diese Deponie müßte für lange Zeit (bis zu 9.000 Jahre) von der Umwelt isoliert werden, doch die CMC hat die Überwachung für nur 40 Jahre geplant.

Das Betreiben der Mine würde außerdem das ständige Abpumpen eindringenden Grundwassers erforderlich machen (12.000 l pro Minute), was drastische Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel der Umgebung hätte. Da es zwischen Grund- und Oberflächenwasser enge Verbindungen gibt, wären natürlich auch Seen und Flüsse vom sinkenden Wasserspiegel betroffen.

Ursprünglich plante CMC, das anfallende, unter Umständen verseuchte Abwasser, in den Wolf River zu pumpen. Dieser wurde jedoch im April 1995 in eine Liste der 20 bedrohtesten Flüsse der USA aufgenommen. Daraufhin entschied man sich, eine Pipeline zum Wisconsin River zu bauen und die Abwässer dahin abzuleiten.

Da EXXON mit der Erschließung der Mine auf große Ablehnung stieß, versuchte der Konzern die einheimische Bevölkerung mit Arbeitsplätzen für seine Pläne zu ködern. Doch nur ein kleiner Teil der avisierten Arbeitsplätze kann von Einheimischen übernommen werden, denn zum Betreiben der Mine werden Fachleute gebraucht, die aus anderen Gegenden der USA zuwandern würden.

Die geplante Mine liegt auf einem Territorium, das 1842 von den Chippewa an die Vereinigten Staaten verkauft wurde und direkt auf einem Gebiet, das den Mole Lake Chippewa 1855 versprochen wurde. Verträge garantierten den Chippewa die Möglichkeit der Reisernte, des Fischens und des Jagens, auch außerhalb der Reservation.

Für fast 90% der heutigen Bewohner der Mole Lake Reservation ist die Ernte von Wildreis, das Fischen und Jagen noch immer die Haupterwerbsquelle. Der Wildreis hat jedoch nicht nur Bedeutung als Grundnahrungsmittel. Wie das Wisconsin Department of Natural Resources in einer Studie feststellte, hat der Wildreis zentrale Bedeutung für die kulturelle Identität der Chippewa. Er ist das „Verbindungsglied zwischen ihnen, Mutter Erde, ihren Vorfahren sowie zukünftigen Generationen“. Eine Verschmutzung der Umwelt durch Sulfide, Schwermetalle und PCBs oder die Absenkung des Grundwassers würden das Fischen, die Jagd und die Reisernte unmöglich bzw. zu einem gesundheitlichen Risiko machen. Im weiteren Verlauf würde dies zu tiefgreifenden sozialen Erschütterungen führen.Die benachbarten Nationen der Menominee, Potawatomi und Stockbridge-Munsee wären von der Verschmutzung und den daraus resultierenden Umwälzungen ebenso betroffen. Auch bei ihnen haben die oben genannten Erwerbsquellen noch eine große Bedeutung. Die Menominee, für die der Wolf River „Herz und Seele“ ihres Landes ist, sind außerdem dabei, ihre Reservation touristisch zu erschließen. Eine der Hauptattraktionen stellt dabei der Wolf River dar.

Wie die Indianer über die Zerstörung ihres Landes denken, demonstrierte der Mole Lake Tribal Council. Mit dem Zerreißen eines EXXON-Schecks zeigte er, daß ihm die Unversehrtheit des Landes wichtiger ist als das zu erwartende „schmutzige“ Geld (der Scheck sollte EXXON Abbaurechte auf der Reservation zusichern).

Die Badger-Two Medicine Kontroverse

Mineralölkonzerne Petrofina und Chevron bedrohen das heilige Land der Pikuni-Blackfeet in Montana/USA


Napi ist die bedeutendste Gestalt für die Blackfeet. Er ist der Schöpfer ihrer Welt. In den Tagen als er die Welt erschuf, wies er auch den den Stämmen der Blackfeet-Förderation, den Sisikas (Blackfoot), Kainahs (Blood), Pikunis ( Piegan) zusammen mit den Gros Ventres und den Sarcees ihr eigenes Territorium zu. Er sprach zu ihnen: „Hier gebe ich euch ein Stück Land. Dies ist euer Land und es ist reichlich gesegnet mit allen Tieren, und viele Dinge wachsen in diesem Land. Laßt keine anderen Menschen hinein. Wenn Menschen in das Gebiet eindringen, nehmt Pfeil und Bogen, eure Lanzen und Streitäxte und kämpft gegen sie, um sie zu vertreiben. Denn wenn sie erst einmal Fuß fassen, werdet ihr Ärger mit ihnen bekommen.“

Bald darauf schickte sich Napi an, die Blackfeet zu verlassen. Bevor er sie aber verließ, versprach er, zurückzukommen und prophezeite: „Wenn ich wiederkehre, werdet ihr euch verändert haben. Ihr werdet in einer anderen Welt leben als in der, die ich für euch geschaffen und in der zu leben ich euch gelehrt habe.“

Napis Prophezeihung ist eingetroffen. Die Welt der Blackfeet heute ist geprägt vom Verlust des eigenen traditionellen Wertesystems und der kulturellen Identität. Ihre Religion droht in Vergessenheit zu geraten. Ihr Territorium ist auf ein Minimum des einstigen Umfangs zusammengeschrumpft. Durch den Assimilationsdruck der Vereinigten Staaten waren die Pikuni gezwungen eine andere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung anzunehmen. Die Folgen dieser Politik führten zu einer Verarmung in allen Lebensbereichen. Angesichts dieser ernüchternden Situation erscheint ein Überdenken bzw. eine grundweg konzeptionelle Änderung der bisherigen Politik notwendig. Die tatsächliche Politik der US-Regierung folgt anderen Grundsätzen.

Das bekamen auch die Blackfeet zu spüren, als 1981 der Chevron- und der Petrofina-Konzern Mineralpachtbriefe für Probebohrungen nach Erdöl im Badger-Two Medicine Gebiet in Montana erwarben. 1983 ließen die Konzerne ihren Antrag auf Erteilung einer Bohrerlaubnis (APD) folgen.

Das Badger-Two Medicine (500 qkm bundesstaatliches Forstland) ist Teil der sogenannten Rocky Mountain Front, der größten zusammenhängenden nahezu unberührten Waldlandschaft in den USA außerhalb Alaskas und grenzt unmittelbar an den Glacier-Nationalpark sowie an die Blackfeet Reservation an. Der Landstrich ist das letzte Rückzugsgebiet für über 270 bedrohte Tier- und Pflanzenarten, u.a. auch für den Grauwolf und Grizzly.

Außerdem ist das Badger-Two Medicine die letzte heilige Stätte für die dort lebenden Pikuni. Viele Ereignisse, die für Mythologie und Religion der Blackfeet von entscheidender Bedeutung sind, ereigneten sich in diesem Gebiet. Es ist die Heimat von Thunder, einem der wichtigsten Geister der Blackfeet-Mythologie, dem Geber des heiligen „Thunder Pipe Medicine Bundle“, einem Bündel, das heilige Utensilien enthält. Hier hielten und halten die Pikuni ihre Sonnentänze ab. Dieses wilde, straßenlose Berggebiet stellt ein ungestörtes Verbindungsglied zur Vergangenheit dar. Es ist die Heimstätte ihrer Geister; ein Ort zum Fasten und Beten; zur Visionssuche und der Kommunikation mit dem Schöpfer. Hier sammeln sie Heilkräuter und Pflanzen für ihre Zeremonien, hier können sie ihren traditionellen religiösen Praktiken nachgehen, die für ihr kulturelles Überleben wichtig sind.

Die Region der nördlichen Rocky Mountains, u.a. auch der Glacier National Park und das Badger-Two Medicine waren laut Friedensvertrag von 1855 (Lame Bull Treaty) Bestandteil der Blackfeet-Reservation. 1895 mußten die Blackfeet, gezwungen durch eine Hungersnot und eine Pockenepidemie, drangsaliert von korrupten Verhandlungpartnern der Regierung und unter Einschüchterung durch das Militär, die Reservationsgebiete in den nördlichen Rockies, u.a. auch das Badger-Two Medicine verkaufen.

Dabei hatten die Indianer in den mündlichen Verhandlungen nur einer Verpachtung der Bergspitzen für den Zeitraum von 50 Jahren zugestimmt. In der schriftlichen Niederlegung wurde aus der Verpachtung ein Verkauf. Die Blackfeet meinen bis heute getäuscht worden zu sein. Die Pikuni gehen davon aus, daß bei der Vertragsunterzeichnung dieser Passus bewußt falsch in ihre Sprache übersetzt wurde.

Aufzeichnungen, die die Auffassung der Pikuni belegen könnten, existieren leider nicht. Die Blackfeet erhielten das vertaglich zugesicherte Recht zur uneingeschränkten Nutzung des Gebietes, wie Jagen, Feuerholz schlagen und über das Land gehen.

Bereits 1973 erließ der Blackfeet Tribal Council (Stammesrat) einen Beschluß, wonach das Badger-Two Medicine als heiliges Gebiet ausgewiesen wird. Insbesondere die Pikuni Brave Dog Society, eine Kriegergesellschaft in Organisationsform eines Geheimbundes, die für den Schutz und die Erhaltung der ursprünglichen Lebensweise und der Sprache verantwortlich ist unter Führung von Floyd Heavy Runner formierte den Widerstand der traditionellen Blackfeet gegen das Bohrvorhaben beider Konzerne.

Die Strategie der Mineralölkonzerne
Dieses Gebiet möchten die genannten Konzerne und mit ihnen im Schlepptau Konzerne der Holz- und Bergbauindustrie industriell erschließen. 1991 wähnten sich die Mineralölkonzerne schon am Ziel, als der Forest Service (staatliche Forstbehörde der USA) in seinem erstellten Umweltgutachten empfahl, eine Bohrerlaubnis zu erteilen, obwohl die Gutachter eindeutig Umweltschäden vorausgesagt hatten und die Chancen, auf ergiebige Ölquellen zu stoßen, äußerst gering sind! Sie liegen nach der bereits angeführten Studie bei 0,05 %. Es geht den Mineralölkonzernen nicht so sehr um die vorhandenen Ölvorkommen, die nach Studien der staatlichen Forstbehörde den Bedarf der USA maximal für einen halben Tag decken würden!

Im Spätsommer 1991 wurden vier von fünfzig Einsprüchen aus der Bevölkerung von der Behörde für Widerspruchsverfahren in Landrechtsfragen anerkannt. Dies hatte zur Folge, daß der Bohrbeginn weiter hinausgeschoben wurde. Noch im Januar 1993, kurz vor dem Amtswechsel, erteilte die Bush-Regierung dem belgischen Petrofina-Konzern per Gesetz die Bohrerlaubnis. Daraufhin entlud sich eine Welle des Protests von Umweltschutzorganisationen, Menschenrechtsgruppen und den traditionellen Blackfeet. Die Bemühungen und Aktionen hatten schon zuvor in der Öffentlichkeit für viel Aufsehen und Unterstützung gesorgt. Große Tageszeitungen in den USA berichteten über den Fall des Badger-Two Medicine. Auch in Europa kam es zu Protestkundgebungen von Internationalen Menschenrechtsorganisationen. Höhepunkt war hierbei die Aktion „Teddys für Clinton“. Teddy- oder Gummibären machten sich als symbolische Figur für das letzte Rückzugsgebiet der Grizzlies auf den Weg ins Weiße Haus. Die Clinton-Administration erließ am 29. April 1993 durch Innenminister Babbit einen vorläufigen Aufschub für zunächst ein Jahr. Dabei dürfte das Aufsehen, für das der Fall des Badger-Two Medicine in der Öffentlichkeit gesorgt hatte, bei der Entscheidung keine unwesentliche Rolle gespielt haben. Zurückgenommen wurde das Gesetz jedoch nicht. Der vorläufige Bohraufschub ist eher als Hinhaltetaktik zu interpretieren als eine tatsächliche Kehrtwendung. Bisher wurde das Moratorium von Jahr zu Jahr verlängert, ohne daß eine entgültige Entscheidung getroffen wurde. Der Bohrstopp läuft zum 30. Juni 1997 aus.

Trotz der gewonnenen Erkenntnisse aus den Gutachten ist sich eine Allianz aus Industrie, Politikern und staatlichen Organen, wie dem Forest Service darüber einig, das Badger-Two Medicine wirtschaftlich erschließen zu wollen. Das hat seine Ursache darin, daß der Erhalt einer Bohrerlaubnis Präzedenz-Charakter für die mögliche Ausbeutung von Rohstoffvorkommen innerhalb von Naturschutzgebieten oder direkt daran angrenzenden Landstrichen hätte. Betroffen wäre das Arctic National Wildlife Refuge in Alaska, eines der größten noch unberührten Ökosysteme unserer Erde!

Diese Partner sind sich aus vielen Gründen einig. Für die Industrie ist es die einmalige Chance, zukünftig in ähnlich gelagerten Fällen eine leichtere Argumentationsbasis zur Durchsetzung ihrer Interessen, unter Umgehung von Umweltgesetzen und Beschränkung der öffentlichen Beteiligung, vorzubereiten. Die verantwortlichen Politiker befürchten seit dem Golfkrieg, daß die Energieversorung der USA vollends in Abhängigkeit von Drittstaaten gelangen könnte. Deshalb forcierte man die Erschließung und Nutzung eigener Ressourcen. Einem der Presse zugespielten Geheimdokument des Landwirtschaftsministeriums war die Bemerkung zu entnehmen, daß Bohrungen in den USA höchste Dringlichkeitsstufe einzuräumen sei. Es empfahl zudem die Umgehung von Umweltgesetzen und die Beschränkung der öffentlichen Beteiligung. Dazu hieß es: „Die Arbeiten an zwei vielversprechenden Quellen im Badger-Two Medicine sind aufgehalten worden. Es ist notwendig, an diesen Quellen weiterzuarbeiten. Bei Einsprüchen sollten Aufschübe nicht bewilligt werden.“ So entstand eine Partnerschaft, die ihre kapitalen Motive und Ansprüche in Recht umwandeln will.

Falls den Bohrplänen stattgegeben wird, droht eine Umweltverschmutzung in einem Ausmaß, das nicht nur das Badger-Two Medicine, sondern auch den gesamten südlichen Teil des Glacier National Park, der nur 7 km vom geplanten Bohrplatz beginnt, ernsthaft bedrohen würde.

Durch gebrochene Pipelines, Ölverschüttungen, undichte Bohrflüssigkeitsgruben und Ablagerungen in den Flüssen würde das gesamte Wasserreservoir in diesem Bereich der kontinentalen Wasserscheide verunreinigt. Dabei zählen diese Flüsse noch zu den letzten, aus denen das Wasser ohne Bedenken als Trinkwasser verwendet werden kann. Holzeinschlag, Straßenbau, Industrielärm und Luftverschmutzung würden ihr übriges tun. Selbst das bereits zitierte Gutachten des Forest Service räumt ein, daß rund 2830 Hektar (auch das Territorium des Glacier NP) von den Bohrprojekten beeinträchtigt würden. Das heilige Land würde für die Blackfeet für immer entweiht werden.

Eine Gesetzesinitiative zum Schutz großer Regionen der nördlichen Rockies (Northern Rockies Ecosystem Protection Act) im Jahre 1994 scheiterte durch den Mehrheitswechsel im US-Kongreß. Die Republikaner legten alle vorgelegten Entwürfe zur Ergänzung des Wilderness Acts (Naturschutzgesetz der USA) auf Eis.

Die traditionelle Blackfeet-Gemeinde befürwortet den Northern Rokkies Ecosystem Protection Act, der auch von allen Umweltschutzorganisationen und vielen Bürgern Montanas unterstützt wird. Demnach ist vorgesehen, daß gesamte Areal des Badger-Two Medicine unter Naturschutz zu stellen. Im Rahmen einer Drei-Jahres-Studie (Blackfeet/Forest Service Management Plan), die von einer Kommission aus Blackfeet und Forest Service erarbeitet wird, sollen die kulturellen und religiösen Stätten der Blackfeet genau verifiziert werden und besonderen Schutz genießen. Insgesamt wird die traditionelle Blackfeet-Sprachgemeinschaft nach ihren Wünschen und Vorstellungen bei allen Gremien und Entscheidungsprozessen, auf der Grundlage des Artikels 27 der UN -Konvention zum Schutz ethnischer Minderheiten, beteiligt. Bemerkenswert ist, daß 32% der Bevölkerung Montanas diese Initiative gutheißen!

Anläßlich dieser Ereignisse entschlossen sich die Blackfeet Brave Dog Society unter Führung von Floyd Heavy Runner 1995 zu einer Kettenbriefaktion, gerichtet an Präsident Clinton, in den USA und Europa. Er soll die Annahme des Northern Rockies Ecosystem Protection Act erreichen.

Darüberhinaus jähren sich zum 102. bzw 127. Mal das Marias Massaker und der bereits erwähnte Abschluß des Vertages von 1895. Beide Ereignisse verdeutlichen das von den USA an den Blackfeet begangene Unrecht. Am 23. Januar 1870 wurden 173 Blackfeet, meist Frauen, Kinder und alte Menschen, die ehedem schon unter einer Pockenepidemie litten, in einer Vergeltungsaktion der US-Army ermordet. Daß man ein friedliches Dorf,das nicht an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt war, dem Erdboden gleichmachte, scherte die US-Regierung wenig. Bis heute steht eine Entschuldigung aus.

1997: Ein weiteres Jahr Zeit oder der Anfang vom Ende?
So kann man die Situation umschreiben, nachdem sich Innenminister Bruce Babbitt im Juni dieses Jahres dazu entschlossen hatte, den bis zum 30. Juni 1996 terminierten Bohrstopp für die Region Hall Creek im Badger-Two Medicine Gebiet um weitere 12 Monate zu verlängern. Diese Entscheidung war im Zuge der laufenden Verfahren über eine künftige wirtschaftliche Nutzung des gesamten Areals der nördlichen Rockies sowie der Nominierung eines Teilgebietes des Badger-Two Medicines als sogenannter Blackfeet Traditional Cultural District (BTCD) zum Nationalen Kulturdenkmal nach dem National Historic Preservation Act (NHPA) als erster Wegweiser angesehen worden. Deshalb wurde die Verlängerung des Moratoriums mit verhaltenem Optimismus aufgenommen. Dieser verblaßte kurze Zeit darauf, als der US Forest Service (USFS) sein Umweltverträglichkeitsgutachten (Environmental Impact Statement/EIS) zur Erschließung von Erdöl- und Erdgasressourcen in der Rocky Mountain Front Anfang August dieses Jahres veröffentlichte. Der USFS empfiehlt, rund 52 % der rund 7690 km2 bundesstaatlichen Forstlandes für die Vergaben von Bohrlizenzen freizugeben.

Obwohl die vom USFS bevorzugte Alternative Schutzbestimmungen (no surface occupancy) für biologisch sensible Zonen vorsieht, bleiben genaue Regelungen zu diesem Punkt aus. Die AWR sieht in dieser Auslegungsweise einen Versuch des USFS, durch Ausnahmeregelungen auch in diesen Gebieten sogenannte „slant drillings“ zuzulassen. Durch diese Verfügung könnte der Bohrstandort Finas, der nur sieben Kilometer südlich des Glacier National Parks liegt, endgültig sanktioniert werden.

Für das Badger-Two Medicine wird zwar die Vergabe von neuen Lizenzen negiert, aber bereits bestehende Bohrrechte bleiben in Kraft! Da nahezu für das gesamte Areal des Badgers Lizenzen bzw., wie im Falle Finas, Bohrgenehmigungen erteilt wurden, ist dieser zukünftige Verzicht nur eine umweltpolitische Seifenblase.

Mit dieser Entwicklung wird auch der Vorschlag des USFS zur Einrichtung eines Blackfeet Traditional Cultural Districts relativiert, der zur Zeit vom National Historic Advisory Council geprüft wird, bevor er dem US-Innenminister Babbitt zur Stattgabe vorgelegt wird. Die Nominierung sieht vor, weite Teile des Badger-Two Medicines als für die Kultur und Religion der Blackfeet besonderes Gebiet zu deklarieren.

Innerhalb der Grenzen dieses Gebietes könnten die Blackfeet ihrer überlieferten Kultur und Religion nachgehen. Der von Fina avisierte Bohrstandort wurde ausgespart und liegt inmitten des von den Blackfeet als traditionelles Gebiet beanspruchten Region. Die geplante Straße zum Standort durchkreuzt vollständig den District. Die Etabilierung des BTCD mutet vor diesem Hintergrund wie ein fauler Kompromiß an. Das Recht der Blackfeet auf das ungeteilte Praktizieren ihrer Kultur und Religion wird weiterhin beeinträchtigt. Die Pikuni könnten nicht ungestört ihre Zeremonien und Riten ausüben. Die meisten der heiligen Gebiete der Blackfeet wurden bereits durch die westliche Zivilisation unwiederbringlich zerstört. Deshalb zogen sich die Pikuni ins unwegsame Badger zurück um dort fernab jeglicher äußerer Einflüsse ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen zu können. Eine Zulassung der Bohrungen würde das Badger-Two Medicine entweihen und für spirituelle Zwecke nutzlos machen.

Der Fall des Badger-Two Medicine ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wirtschaftliche Interessen ohne Rücksicht durchgesetzt werden, auch wenn nachweislich Umweltzerstörung, die Ausrottung mehrerer Tier- und Pflanzenarten und Menschenrechtsverletzungen damit verbunden sind. Insbesondere die nordamerikanischen Ureinwohner sind wieder einmal die Benachteiligten. Vertraglich zugesicherte Rechte werden gebrochen, der Lebensraum wird vernichtet und es werden ihnen keine Möglichkeiten eingeräumt, ihre Lebensvorstellungen in eigener Selbstbestimmung zu verwirklichen.

Der Ausgang der Kontroverse steht auf der Kippe. Die bisher errungenden Erfolge (Stetige Verlängerung des Moratoriums, als auch die geplante Etablierung des BTCD) werden durch das neue Umweltverträglichkeitsgutachten in Gefahr gebracht.

 

Chevron steigt aus !

Seit 13 Jahren versuchen die Blackfeet aus Montana/USA, die von den multinationalen Mineralölkonzernen Petrofina, Belgien und Chevron, USA beabsichtigten Erdöl- und Gasförderungen, in dem ihnen heiligen Badger-Two Medicine Gebiet, einer Wildnis in den nördlichen Rocky Mountains, zu verhindern. Bisher konnten sie die Region, die für ihre Religion, Kultur und Historie von existenzieller Bedeutung ist, mit Erfolg verteidigen. Nachdem der Chevron-Konzern eine Vereinbarung mit der US-Regierung über den Tausch der Bohrrechte erzielen konnte, ist eine endgültige Lösung der Kontroverse in greifbare Nähe gerückt.

Im September 1997 einigten sich beide Parteien auf die Zahlung einer Kompensation in Höhe von 8 Mio.$ bei gleichzeitigem Bohrverzicht. Die erforderliche Zustimmung durch den US Kongreß gilt als sicher. Diese erfreuliche Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Bekanntgabe des Umweltverträglichkeitsgutachtens des US Forest Service (USFS) hinsichtlich der weiteren Nutzung von Erdöl- und Erdgasvorkommen in den nördlichen Rocky Mountains. Der USFS erklärte, daß zukünftig keine weiteren Bohrrechte mehr im Gebiet der Rocky Mountain Front vergeben werden. Für das Badger -Two Medicine wird zwar die Vergabe von neuen Lizenzen negiert, aber bereits bestehende Bohrrechte bleiben in Kraft. Da nahezu für das gesamte Areal des Badgers Bohrgenehmigungen erteilt wurden, kann ein Verzicht nur über die Rückgabe der Lizenzen erreicht werden. Damit ist zumindest das aus dem Jahr 1993 stammende Umweltverträglichkeitsgutachten nichtig. Auslaufende Lizenzen werden nicht erneuert.

Die US-Regierung ist bestrebt eine gleichlautende Vereinbarung mit FINA und anderen Lizenzinhabern zu treffen. Nach einer Verlautbarung eines Regierungsbeamten in der "Great Falls Tribune" im Juni 1997 laufen entsprechende Gespräche. Eine offizielle Entscheidung FINAS steht noch aus. Das sich die Mineralölkonzerne ohne Widerstand der Entscheidung beugen würden war nicht zu erwarten. Im November erhoben drei Verbände lokaler Erdölunternehmen Einspruch gegen das Gutachten. Eine Entscheidung über die Stattgabe ist noch nicht getroffen worden.

Euro-Meeting in Berlin
Im Rahmen des 11. Euro-Meetings zur Unterstützungsorganisationen für Nordamerikanische Indianer im August `97 in Berlin wurde die Problematik mit Marlene Bear Walter, Mitglied des Tribal Councils, Mark Mueller, Rechtsanwalt von Floyd Heavy Runner und Prof. Dr.Dörr diskutiert. Aufgrund des sich zu diesem Zeitpunkt abzeichnenden Ausstiegs Chevrons konzentrierten sich die Gespräche in erster Linie auf die Optionen, die Prof. Dr.Dörrs Studie im Hinblick auf den allgemeinen Rechtsstatus der Blackfeet in den Beziehungen mit den USA.

Anfang 1997 veröffentlichte Prof. Dr. Dieter Dörr, Rechtswissentschaftler für öffentliches Recht an der Uni Mainz, eine Studie zu dieser Thematik aus völkerrechtlicher Sicht. Das Ergebnis seiner Untersuchungen unterstützt die Forderungen der Pikuni auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Völker nach kultureller und religiöser Autonomie sowie politischer Eigenständigkeit. (ausführliche Darstellung siehe Update 2/96). Als Ergebnis kamen die Beteiligten überein im Rahmen einer Forschungsarbeit dieses Thema zu vertiefen.

Des weitern wurde eine Resolution verabschiedet, in der basierend auf der Studie von Prof. Dr. Dörr festgestellt wurde, daß die Europäischen Unterstützerorganisationen der Indianer Nordamerikas zur Kenntnis genommen haben, daß nach heutiger Interpretation des Völkerrechts die Blackfeet als nichtstaatliche Nation das Recht zur Selbstbestimmung innerhalb der Grenzen der USA besitzen. In diesem Zusammenhang soll weiter untersucht werden, in welchem Umfang dieses Selbstbestimmungsrecht auf die Blackfeet Nation Anwendung finden kann, um die Möglichkeit einer gerichtlichen Geltendmachung zu prüfen. Für die Klärung dieser Frage sind bereits Stipendien in Aussicht gestellt.

Bezüglich der Bohrvorhaben wird festgestellt, daß die beteiligten Firmen der amerikanischen Öffentlichkeit über Bevollmächtigte von US-Behörden signalisiert haben, daß sie bereit sind ihre Lizenzen gegen eine angemessene Kompensation zurückzugeben.

Weiteres Ziel ist die Errichtung eines Blackfeet Traditional Cultural District im Gebiet des Badger-Two Medicines auf der Grundlage des National Historic Preservation Acts. Langfristig wird für die Region eine Aufnahme in das Weltkulturerbe der Vereinten Nationen angestrebt. Für diese Anliegen sollen die US-Regierung, insbesondere Innenminister Babbitt und verantwortliche Mitglieder des US-Kongreßs gewonnen werden. Schließlich sollen nach einem entsprechenden Beschluß der Blackfeet Nation relevante Umweltgruppen in den USA zur Unterstützung dieser Positionen eingeladen werden.

Die Western Shoshone in Nevada

Chief Raymond Yowell hat sich entschlossen, die Western Shoshone bei zukünftigen Vertrags- und Landverhandlungen bei Gericht selbst zu vertreten. Die Nebenklage bei der Prozeßsache Nye County – USA (Landnutzung im Atomtestgebiet als „öffentliches Land“) hat ihm deutlich gezeigt wie wichtig es ist, daß die Western Shoshone ihre Interessen selbst vertreten.

Was war geschehen? Neben den in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Atomtest des Department of Energy (DoE ) spielt der großflächige Goldabbau der letzten Jahre bei der Zerstörung des Landes der Western Shoshone eine ebenso verheerende Rolle.

Die chemische Laugung mit Zyanid hat den Abbau schwach goldhaltigen Erzes profitabel gemacht. Seitdem hat das Geschäft mit dem Goldstaub zahlreiche Firmen wie Placer Dome angezogen, in Crescent Valley – im Herzen des Western Shoshone Landes – immer neue Minen entstehen zu lassen.

Um die Gruben, die unter dem Grundwasserspiegel liegen, trocken zu halten, werden tausende Liter Wasser in der Minute abgepumpt. Bei der Laugung, die das Gold vom Gestein trennt, werden große Mengen Zyanid eingesetzt, das zu den am schnellsten wirkenden Giften gehört. Ein großtes Risiko für das Flußsystem des Humboldt-River, in den sich die zyanidhaltigen Flüssigabfälle bei einem Leck in den Rückhaltebecken ergießen könnten.

Dampf steigt aus einer heißen Quelle in Duckwater auf. Von hier fließt ein Bach in das Dorf der ReservationDas von den Minengesellschaften geraubte Grundwasser soll laut Umweltschutzrichtlinien dem Gebiet wieder als Grundwasser zugeführt werden. Eigens dazu angelegte Sickergruben bringen aber nicht den gewünschten Erfolg. Das Wasser versickert nicht wie erhofft, denn die unteren lehmigen Erdschichten leiten das Wasser nicht weiter. Es kommt an ungewüschten Stellen wieder an die Erdoberfläche. Das heiße Klima in der Halbwüste Nevadas läßt dann mehr Wasser verdunsten als wiederholt versickern kann. Als Grundwasserreserve für die nächsten Generationen steht das abgepumpte Wasser der Minengesellschaften damit nur noch zu einem Bruchteil zur Verfügung. Die ökologische Katastrophe ist vorprogrammiert und hat bereits Auswirkungen für die dort lebenden Western Shoshone.

Und die leben auf „öffentlichem Land“ und „nutzten es illegal“ als Weideland für ihr Vieh – möchte man den Verlautbarungen des Bureaus of Landmanagement (BLM ) glauben. Den Familien wird mit Viehkonfiszierung und Strafgeldern gedroht. Besonders die Familie von Mary und Carry Dann wird vom BLM wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für die Vertrags- und Landrechte der Western Shoshone unter Druck gesetzt und in immer neue Verfahren verwickelt. Das Western Shoshone National Council hat den Landrechtsprozeß, den die Dann‘s vor Jahren begannen, zum Landrechtsprozeß der Western Shoshone Nation gemacht. Sie fordern die Einhaltung der Landrechte, die ihnen von der US-Regierung 1863 im Vertrag von Ruby Valley zugesichert wurden. Trotz Entschädigungsverfahren der Indian Claims Commission (ICC ) haben die Western Shoshone das Ihnen zugesprochene Entschädigungsgeld für „allmählich besiedeltes Land durch Einwanderer“ nicht akzeptiert, da Ihnen damit jegliche Rechte aus dem Vertrag von Ruby Valley - speziell zur Landnutzung - verloren gingen.

Shoshone-Frauen Um sich gegen die weitere Zerstörung ihres Landes zu wehren, gründete vor einigen Jahren der Shoshone William Rosse das Western Shoshone Defense Projekt (WSDP). Das Camp befindet sich auf der Dann-Ranch in Crescent Valley. Das WSDP macht Analysen der Umweltstudien zur Auswirkung der Zerstörungen, sammelt Daten, bringt Einsprüche vor und berichtet in einem Newsletter über die neuen Entwicklungen.

Um auch internationale Unterstützung zu erhalten, hat das Indian Law Resource Center (ILRC) den Fall der Familie Dann stellvertretend für die Western Shoshone Nation vor die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und die Menschenrechtskommission der UNO gebracht. Seitdem ist das BLM gehalten, keine Gelder für „widerrechtliche Nutzung“ des angeblich „öffentlichen Landes“ einzutreiben, bis ein Entscheid zu der Angelegenheit vorliegt.

Und wie der für die Western Shoshone Nation aussehen wird, bleibt abzuwarten.



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