Die Lebensbedingungen der Indianer in den USA

Wenn man an Amerika denkt, fallen einem Wolkenkratzer, Straßenkreuzer und Millionäre ein. Sicherlich trifft diese Vorstellung auch auf einen Teil der USA zu, keinesfalls jedoch ist dies das Erscheinungsbild einer Indianer-Reservation in den Vereinigten Staaten. Rund 500 Jahre nach der „Entdeckung“ durch Kolumbus hat sich die Kultur und Lebensweise der Ureinwohner des Kontinents erheblich verändert. Heute stellen die Indianer nur noch rund 2% der Bevölkerung in den USA dar, und lediglich knapp 3% des ihnen früher ganz gehörenden Landes, verteilt auf 267 Reservationen, ist heute noch »Indianerland«.

Waren sie in früheren Zeiten als Ackerbauern, Sammler oder Jäger unabhängig und konnten sich selbst ernähren, so hat sich durch das immer weitere Vordringen des „Weißen Mannes“ nach Westen ihre Lebensgrundlage erheblich verändert.

Indianische Jugendliche zwischen Gestern und HeuteIndianische Jugendliche zwischen Gestern und Heute

Wie nun sieht die heutige Situation auf den meisten Indianerreservationen in den USA aus? Obwohl die Vereinigten Staaten von Amerika zu den reichsten Industrieländern der Welt gehören, zählen die Wohngebiete der Indianer eher zu den „Dritte-Welt-Ländern“. Bei den letzten beiden Volkszählungen in den Jahren 1980 und 1990 war der Bezirk Shannon auf der Pine Ridge Reservation im Bundesstaat Süd-Dakota die ärmste Gemeinde auf dem Gebiet der USA. Bei etwa gleichen Lebenshaltungskosten wie in der BRD betrug das Pro-Kopf-Einkommen dort rund 5.200 DM pro Jahr, obwohl hierbei auch weiße Bewohner (z.B. Farmer), die auf der Reservation wohnen, mitgezählt worden sind. Rund 60% aller indigenen Bewohner auf Pine Ridge leben unterhalb der vom Staat festgesetzten offiziellen Armutsgrenze. Daß dies kein Einzelfall ist, zeigen auch die Zahlen aus Reservationen in anderen Landesteilen der Vereinigten Staaten: Auf der in New Mexico gelegenen Santo Domingo Pueblo Reservation leben zum Beispiel 75% aller Bewohner unterhalb dieser Armutsgrenze.

Szenerie in der Pine Ridge ReservationSzenerie in der Pine Ridge Reservation

Ähnliche Statistiken ergeben sich bei den Arbeitslosenzahlen. Die Quote der ohne Beschäftigung lebenden arbeitsfähigen Indianer beträgt bis zu 80%, teilweise liegt die Zahl sogar noch höher (z.B. liegt sie auf der Rosebud Reservation bei 86%). Auf der Pine Ridge Reservation hat in jedem dritten Haushalt keine der dort lebenden Personen eine Beschäftigung. Hierbei handelt es sich um Angaben des staatlichen Büros für Indianerangelegenheiten. Viele Vertreter der Stammesregierungen gehen davon aus, daß diese Zahlen noch zu niedrig angesetzt sind.

Wirtschafts- und Industrieansiedlungen gibt es auf den Indianergebieten so gut wie gar nicht, und wenn doch werden die Gewinne außerhalb der Reservation investiert. Vielfach siedeln sich jene Industrien dort an, die wegen ihrer Umweltbelastung oder sonstigen Gefahren für die Anwohner im übrigen Land keinen Standort gefunden haben (Foto unten: Mohave-Kohlekraftwerk, welches Kohle aus dem Big Mountain-Gebiet verarbeitet). So finden z.B. rund 80% der Aktivitäten der Nuklearindustrie auf oder am Rande der Reservationen statt.

Mohave-Kraftwerk, welches Kohle aus dem Big Mountain-Gebiet verarbeitetMohave-Kraftwerk, welches Kohle aus dem Big Mountain-Gebiet verarbeitet

Die Einkünfte der Indianer stammen größtenteils aus Wohlfahrtsprogrammen der US-Regierung oder aus Tätigkeiten in der Verwaltung (Stammesrat, Büro für Indianerangelegenheiten, Schulen, Krankenhäuser), wobei die Mittel dafür ebenfalls aus Washington kommen. Jedoch haben sich hier Budgetkürzungen, vor allem in den letzten Jahren, überdurchschnittlich ausgewirkt und machen die Abhängigkeit der Indianer von Bundesmitteln besonders deutlich.

Das Taos-Pueblo in New Mexico, welches auch heute noch bewohnt wirdDas Taos-Pueblo in New Mexico, welches auch heute noch bewohnt wird

Eine ebenfalls desolate Situation ergibt sich für die Urbevölkerung Nordamerikas wenn man sich einmal ihre Unterkünfte ansieht: Fast alle Häuser werden vom Staat über besondere Programme gebaut. Diese Behausungen sind genormt, vorfabriziert und in der Regel aus Holz. Rücksicht auf traditionelle Wohnformen der jeweiligen Kultur der Indianer wird nicht genommen. Lediglich im Südwesten der USA konnte sich bei den Pueblo-Indianern die althergebrachte Art des Wohnens vielfach noch bis in die heutige Zeit behaupten.

Bei den staatlich gebauten Häusern wird auch den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen keinerlei Beachtung geschenkt. Egal ob sie im Norden aufgestellt werden, wo winterliche Temperaturen von teilweise unter -30° C anzutreffen sind, oder im sommerlich heißen Südwesten, wo die Temperaturen häufig 30-40° erreichen, die Häuser sind immer im gleichen Stil erbaut.

Staatlich erbautes Haus auf der Pine Ridge ReservationStaatlich erbautes Haus auf der Pine Ridge Reservation

Obwohl durch den Staat errichtet, entsprechen rund zwei Drittel aller Häuser nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen: Häufig befinden sich die Toiletten im Freien, fließend Wasser zum Trinken oder eine Waschgelegenheit gibt es im Hause nicht. So liegt zum Beispiel bei fast der Hälfte der Navajo- und Hopi-Haushalte das täglich benötigte Wasser mehr als 100 m vom Haus entfernt. Teilweise müssen die Indianer einen Weg von 30-40 km bewältigen, um an einen Wassertank der Gemeinde zu gelangen. Durch die schlichte Bauweise sind die Häuser oft schon nach wenigen Jahren reparaturbedürftig, Geld für die notwendige Instandhaltung oder -setzung fehlt den meisten Indianern.

Auch auf dem Gesundheitssektor sind die indigenen Völker der USA benachteiligt. Ärzte lassen sich auf den Reservationen kaum nieder. Die Regierung in Washington ist daher gezwungen, die medizinische Versorgung durch entsprechende Programme sicherzustellen. Auch hierbei handelt es sich in der Regel nur um eine Versorgung, die eher schlecht als recht ist. So muß man z.B. teilweise bis zu 150 km fahren, um das nächste Krankenhaus zu erreichen. Schwierige Erkrankungen können nur in den meist sehr weit entfernten Kliniken der Großstädte behandelt werden. Da das notwendige Geld für die Anreise fehlt, bedeutet dies für den Kranken oft eine wochen- oder monatelange Trennung von seiner Familie. Durch die unzureichende medizinische Versorgung der Indianer sind auch ihre Lebenserwartungen wesentlich schlechter als die der übrigen Bürger der USA. Im Bundesstaat Washington z.B. lag 1985 die Chance für einen Indianer, älter als 65 Jahre zu werden, bei 0,5%. Das Durchschnittsalter der Reservationsbewohner liegt heute bei 19,7 Jahren, das der weißen Amerikaner bei 31,5 Jahren.

Gleiches ergibt sich bei der Gegenüberstellung verschiedener Krankheitsbilder. So ist die Säuglingssterblichkeit und die TBC-Erkrankung bei den Ureinwohnern noch immer am höchsten im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen. Für einen Lakota (bei uns eher als „Sioux“ bekannt) ist die Gefahr einer TBC-Erkrankung 30-60mal höher als für einen durchschnittlichen US-Bürger.

In den letzten Jahren sind auch die sogenanten Zivilisationskrankheiten (Herzerkrankungen, Leberzirrhose, Diabetes) rapide angestiegen. So beträgt der Anteil der Reservationsbewohner, die an Diabetes erkrankt sind, das Zehnfache des Landesdurchschnitts. Dies hängt mit der einseitigen Ernährung und der Armut auf den Reservationen zusammen. Durch die meist isolierte Lage der Gebiete wird dort kaum frisches Obst oder Gemüse angeliefert und wenn doch, ist es für die Reservationsbewohner kaum zu bezahlen. Viele von ihnen greifen daher auf billige Produkte zurück, die sehr stärke- und fetthaltig sind und kaum Nährstoffe enthalten. Dadurch sind viele Indianer auch zu dick und wirken wohlgenährt. Allerdings hat dies mit einer ausreichenden Ernährung nichts zu tun.

Die offiziell festgehaltenen Statistiken ihrer Lebenserwartung, des Gesundheitszustandes, der Einkommens- und Wohnverhältnisse sowie der Arbeitslosenrate zeigen, daß die Indianer nach wie vor die am meisten benachteiligte ethnische Gruppierung in den Vereinigten Staaten sind und sich die Lage auf einer Indianerreservation eher mit der in einem „Dritte-Welt-Land“ vergleichen läßt.

Der lange Weg zur Anerkennung

James Fenimore Cooper ließ die Mohegans aussterben in seinem berühmten Roman „Der letzte Mohikaner“. Doch diese Geschichte entstammte nur der Phantasie des Autors. Er siedelte sie im Hudson-Tal, der Heimat der Mahican, an und „borgte“ sich bei den Mohegan deren berühmten Häuptling Uncas aus. Doch beide Stämme hatten nichts gemeinsam außer ähnlich klingende Namen. Die Heimat der Mohegans, was übersetzt nichts anderes als „Wolf“ heißt, ist das südöstliche Connecticut, wohin sie zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Teil der Pequots zogen. Meinungsverschiedenheiten darüber, ob man lieber mit den Holländern oder den Engländern Handel treiben sollte, führten dazu, daß sich der Stamm in zwei rivalisierende Gruppen, die Pequots und die Mohegans, teilte. Die Rivalität ging soweit, daß die Mohegans unter ihrem Häuptling Uncas 1637 zusammen mit den Engländern ein Massaker unter ihren früheren Verwandten, den Pequots, begingen. Auch später kämpften sie auf der Seite ihrer englischen Verbündeten gegen andere indianische Stämme in Neuengland. Doch obwohl die Mohegan mit den Engländern befreundet waren, ihre Sprache annahmen, sich wie sie kleideten und auch zum Christentum konvertierten, nahm ihre Anzahl und die Größe ihres Landes immer weiter ab. Als Ben Uncas, der letzte Sachem, 1769 starb, lebten noch 600 Mohegans auf den ihnen verbliebenen 16 qkm am Thames-River. Ein Teil von ihnen verließ Connecticut westwärts, ihre Nachfahren leben heute in der Stockbridge Reservation in Wisconsin. Als es den verbliebenen 200 Mohegan leid wurde, sich ihr Leben vom Büro für indianische Angelegenheiten (BIA) vorschreiben zu lassen, lösten sie 1861 ihre Reservation auf, nahmen sich Landparzellen und ließen sich in der Gegend nieder.

Schild in Monteville/Connecticut

Noch heute wird in Monteville, welches auf der alten Reservation entstand, an den bekanntesten Häuptling der Mohegans
und seine Loyalität gegenüber den Engländern erinnert

In den 70er Jahren dieses Jahrhunderts reorganisierte sich der Stamm wieder und wurde später auch vom Staat Connecticut als solcher anerkannt. Doch das BIA muß wohl mehr der eingangs erwähnten Geschichte von Cooper geglaubt haben, denn der Kampf der Mohegans um bundesstaatliche Anerkennung dauerte mehr als 15 Jahre, bevor ihnen diese erteilt wurde.

Der erste Stamm, der in Connecticut vom BIA anerkannt wurde, waren 1983 die Mashantucket Pequots. Doch während es für sie vergleichsweise leicht war, die Anerkennung als Indianerstamm und damit bundesstaatliche Fördermittel sowie die Autonomie über ihr Reservationsland zu erhalten, hatten sich die Kriterien seitdem verschärft. Der Grund dafür war das von den Pequots errichtete Foxwood Casino, das sie über Nacht zu einer Wirtschaftsmacht in Connecticut werden ließ. Die Weißen und mit ihnen die Mitglieder des BIA standen dem Bau von Casinos skeptisch gegenüber. Gleichzeitig sah sich der Staat Connecticut plötzlich berechtigten Landforderungen der Indianer gegenüber.

Daraufhin wurden Kriterien verschärft, die eine Anerkennung voraussetzten. Die Stämme mußten nachweisen, das sie seit historischer Zeit bis heute als solche identifizierbar waren. Weiterhin muß die Mohegans sowie andere Stämme nachweisen, daß sie eine ethnische Einheit und Gemeinschaft bilden und daß sie über eine Verwaltung bzw. Regierung verfügen. Mit Beginn der 80er Jahre begannen die Mohegan, deren Mehrheit damals kein Interesse an einer bundesstaatlichen Anerkennung hatte, mit dem Zusammentragen des Beweismaterials. In Archiven und bei indianischen Familien fanden Historiker, Archäologen und die Anwälte der Mohegan Urkunden, Handwerkskunst, Familiengeschichten, Briefe und Berichte über politische und soziale Aktivitäten, wie das jährliche Wigwamfest, welche dem BIA übergeben wurden. Dieses befand aber 1989, daß die Mohegans nur ungenügende Beweise für das Weiterbestehen des Stammes in den 40er bis 60er Jahren dieses Jahrhunderts erbracht haben.

Die Suche begann erneut, diesmal sammelten die Mohegan Briefe, Fotos und Kunstgegenstände aus dem geforderten Zeitraum, um die politische und soziale Existenz des Stammes auch in dieser Zeit zu beweisen. Die Suche wurde noch forciert. Weitere Dokumente wurden gesichtet, im Register der Mohegan Kirche, die als einzige Landbasis bis in die heutige Zeit im Stammesbesitz blieb, wurde gelesen und in alten Ausgaben der Lokalzeitungen. Sogar ältere weiße Bewohner der Gemeinde wurden befragt. Am 7. März 1994 war es dann soweit: Die Mohegan wurden wieder als Indianerstamm anerkannt.

Stammesmuseum der Mohegan
Die Basis des Stammes ist das kleine Museum hinter dem Haus der Tantaquidgeon-Familie auf dem Mohegan-Berg in Monteville.

Die meiste Zeit in diesem Jahrhundert behütete die 97jährige Medizinfrau des Stammes Gladys Tantaquidgeon und ihre Familie das flakkernde Flämmchen der „Wolfsmenschen“. Die Basis des Stammes ist ein kleines Museum in einem Steinhaus hinter dem Haus der Tantaquidgeon-Familie auf dem Moheganberg in Montville. Das Gebäude, welches 1931 gebaut wurde, ist so etwas wie der Mohegan-Schrein gefüllt mit Wampun-Bändern, alten Äxten, handgemachten Körben und perlengeschmückten Zeremonienhemden war es auch erster Anlaufpunkt für die Beamten des BIA. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß erst ein befreundeter Anthropologe die Familie Tantaquidgeon dazu ermutigte, mehr über ihr Volk und seine Sitten zu lernen. Die Familie, welche sich in der Zwischenzeit Quidgeon genannt hatte, nahm wieder den alten Stammesnamen an und begann aktiv altes Kunsthandwerk und Informationen über ihren Stamm zu sammeln. In den späten 40ern kehrte Gladys Tantaquidgeon auf den Mohegan-Hill zurück und wurde dort Verwalterin des „Tantaquidgeon Indianer Museums“. Im Laufe der Jahre hieß die kleine Frau tausende Besucher und mehrere Anthropologen in dem steinernen Museum willkommen.

Im Inneren des Museums
Das Museum ist sowas wie der Mohegan-Schrein, gefüllt mit Wampun-Bändern, alten Äxten, handgemachten Körben und perlengeschmückten Zeremonienhemden (rechts im Foto: Gladys Tantaquidgeon)

Für die Zukunft haben die Mohegans große Pläne. Die wirtschaftliche Basis für den Stamm wird das auf dem Gelände einer ehemaligen Nuklearfirma errichtete Mohegan Sun Casino sein. Im Gegenzug dazu gaben sie ihre Rechtsansprüche über 83 qkm Land (entsprach der Reservation laut Vertrag von 1671) auf. Die Landbasis der Mohegan wird der Fort Shantok State Park sein. An dieser Stelle, von wo aus man den Thames-River bei Montville überblicken kann, stand in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine hölzerne Palisade, welche vom Häuptling Uncas errichtet worden war. Zusammen mit mehreren Parzellen in der Stadt Montville, wird die Reservation knapp 3 qkm Fläche einnehmen. Weiterhin soll das kulturelle und soziale Stammesleben der ca. 1.100 eingeschriebenen Stammesmitglieder intensiviert werden. Um als Mohegan anerkannt zu werden, müssen die Stammesmitglieder ihre direkte Abstammung von einer Familie nachweisen, welche 1861 auf der Reservation lebte.

In ihrem Buch „Die letzten Mohikaner“ schreibt die Stammesgeschichtsschreiberin Fawcett-Sayet: „Wir werden auf unserem Heimatland überleben für viele Monde, die noch kommen. Die Fackel von morgen wird schon bald an die ‚Wolfskinder’ von heute übergeben. Sie werden enthusiastisch den Stamm der Mohegan sichern.“

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ALKOHOLKONSUM BEI DEN INDIANERN NORDAMERIKAS

Ein sehr ausführlicher Bericht über Trinkgewohnheiten und deren Ursachen,
Stereotypen, Klischees u.a., die mit dem "Feuerwasser" der Weißen kamen

1.Traditioneller Alkoholkonsum
Im allgemeinen geht der Genuss alkoholischer Getränke mit der Entwicklung des Ackerbaus einher, da die Getränke zumeist aus in Kulturen gezogenen Pflanzen gewonnen werden. Dennoch gab es bereits in präkolumbischer Zeit im Südosten der Vereinigten Staaten auf der Basis von wilden Pflanzen hergestellten Alkohol. Die im Rausch erlebten Träume und Gefühle wurden allgemein einem übernatürlichen Ursprung zugeschrieben und für gewisse Unternehmen als unerlässlich erachtet.
Bei den Pima und Papago im Südwesten der Vereinigten Staaten war die Trunkenheit im Rahmen des jährlichen Regentanzes von großer Bedeutung. Aus dem Saft der Früchte verschiedener Kakteen wurde ein gegorenes Getränk gewonnen. Die Trinkenden glaubten, dass sie -im Sinn übertragener Magie- beim Trinken von Alkohol die Bildung von Wolken auslösen, die alsbald bersten und die Welt mit Wasser sättigen würden.
Die Tarahuamare in Nord-Mexiko bereiteten aus Mais eine Art Bier zu. Im Südwesten der Vereinigten Staaten ließen Indianer mit Wasser vermischtes Bohnenmehl gären, während im Südosten aus verschiedenen Früchten oder Mais alkoholische Getränke hergestellt wurden (Bramly, S. 82).
Getränke mit einem höheren Alkoholgehalt, als ihn z.B. Bier hat, waren bei den nordamerikanischen Indianern vor ihrer Einführung durch europäische Kolonisten also unbekannt.

2.Geschichtlicher Abriss der Einführung und Gewöhnung an Alkohol
Jedes mal, wenn jemand nach den Gründen für die Destruktion des nordamerikanischen Indianer sucht, ist es ganz gewöhnlich, dass der Alkohol als eine der prinzipiellen Ursachen zitiert wird. Bestimmt war dies die Meinung der frühen französischen Jesuiten, die versuchten, die indianischen Stämme von Neufrankreich (das heutige östliche Kanada) zu bekehren. Für sie war Alkohol das Haupthindernis zum Erfolg ihrer Mission.
Obwohl der Gedanke, dass Alkohol den Indianer zerstörte, seit den Tagen der Jesuiten akzeptiert worden ist, wird oft übersehen, dass Alkohol nicht die alleinige Ursache für den Rückgang der indianischen Kulturen war, denn auch andere Elemente der europäischen Kultur hatten eine gewaltige Wirkung auf die Indianer. Es ist somit unmöglich, den Effekt von europäischen Kulturcharakterzügen von anderen zu isolieren (Epke, S. 70).
Anfangs wurde der Alkohol durch das Pelzhandelsgewerbe eingeführt. Wie auch immer lief, es schnell darauf hinaus, dass weitreichende soziale, ökonomische und politische Implikationen für die Indianer auftraten.
Bei der Auswertung des Stellenwertes von Alkohol in der Geschichte, war es in allgemeiner Sicht gültig, den Alkohol als "Übeltäter" zu verurteilen, und den Pelzhandel als eine absolute (wirtschaftliche) Notwendigkeit zu akzeptieren. Trotz der Gefahr von - sowohl weltlicher wie kirchlicher - Bestrafung, war es unrealistisch, den Verkehr von Alkohol einzuschränken, denn ohne einen erfolgreichen Pelzhandel konnte die französische Kolonie keine Zahlungsfähigkeit gewährleisten. In anderer Hinsicht wäre es keine Lösung gewesen, wenn die Franzosen den Alkohol, ganz aus ihren Handelsbeziehungen mit den Indianern herausgenommen hätten, denn es gab keine Übereinkünfte mit den anderen europäischen Kolonialmächten über die Einstellung von Handelspraktiken. Die Indianer hätten sich also anderweitig versorgen können.
Die gewöhnliche Verteilung von Alkohol hatte den Sinn, indianische Treue und Verbundenheit aufrechtzuerhalten und neue Freunde oder besser gesagt Handelspartner zu erhalten. Freilich schimpften die Jesuiten über das, was sie als vollkommene Verderbung der Indianer ansahen, doch war ihnen nicht mehr möglich, als für das totale Alkoholverbot einzutreten. Entsprechend kam es zu einem Konflikt zwischen kirchlicher Ideologie und Ökologie.
Zumeist wurde an Indianer nicht der Alkohol ausgeschenkt, den die Kolonisatoren selber konsumierten, da er ihnen als zu gut für die Indianer erschien.  Entsprechend waren bald die merkwürdigsten Rezepturen im Umlauf, so wurde z.B. reiner Alkohol mit Tabaksaft vermischt, um ihm Farbe zu geben, dazu kam Pfeffer und Schlangenköpfe, um einen beißenden Geschmack zu erreichen und etwas Öl, um der Flüssigkeit etwas die Schärfe zu nehmen.  Einige Händler mischten auch Zucker unter den "Alkohol", um die Indianer daran zu gewöhnen (Jeier, S. 165).
Gebeugt durch den Druck der Kirche stimmte die koloniale Verwaltung schließlich dem Stop des Alkoholhandels an die Indianer zu und einige Gouverneure Neufrankreichs versuchten, die Beschränkung gerichtlich durchzusetzen. Trotz dieser Maßnahmen fuhren die Indianer damit fort, Alkohol zu konsumieren. Und während für die Weißen der Grund für die Zerstörung der Indianer direkt im Alkohol selber lag, so waren es für die Indianer vielmehr die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, um an Alkohol zu gelangen, z.B. die langen Wege zu den Handelszentren. Dies wirkte sich zerstörerisch aus - nicht nur für jene, die die Reise unternahmen, sondern auch für jene, die in den Dörfern zurückgelassen wurden. Selbst wenn sie gar nicht nach Alkohol verlangten, versuchten Pelzhändler, die 200 bis 300 Meilen reisten, sie trotzdem mit Alkohol zu versorgen. Fälle, in denen Alkohol in die Dörfer mitgebracht wurde, konnte aus indianischer Sicht nicht als zerstörerisch bezeichnet werden, sofern der Alkohol zum Erfolg von Festen beitrug, in die gemeinsame Aktivitäten und familiäres Verhalten miteingeschlossen waren (Epke, S. 84).
Interaktionen mit Weißen waren dabei immer zum Nachteil der Indianer, die ihren Wunsch nach Alkohol nicht oder nur schwer kontrollieren konnten. Selbst wenn ihnen kein Geld oder Gleichwertiges zur Verfügung stand, versuchten sie Schulden zu machen, so dass sie für Wochen nichts für ihre Felle als Gegenleistung verlangen konnten. Entsprechend litten indianische Familien im Winter an Hunger oder brachen auseinander, weil der Mann nicht für die Familie sorgen konnte. Mitunter verließen Indianer sogar ihre Heimat, weil sie nicht hoffen konnten, jeweils ihre Schulden abzutragen.
Als Indianer für die Abschaffung des Alkoholhandels plädierten, war dies entsprechend auch ein Plädoyer für den Abbruch jeglichen Kontaktes mit den Weißen. Alkohol wurde zu einem Symbol für den Kontakt mit den Weißen und dessen demoralisierenden Folgen (Epke, S. 85).
Entsprechend wurde von vielen indianischen Führern der Alkohol abgelehnt, aber viele Indianer erkannten von sich aus die Gefahren des Alkohols. Der irokesische Religionserneuerer Handsome Lake dürfte wohl der bekannteste Prediger gegen den Alkoholismus gewesen sein. Er, der selbst einmal ein Alkoholiker war, sicherte mit seiner Religion das Überleben des Irokesenvolkes und schränkte den Alkoholgebrauch mit Beginn des 19.  Jahrhunderts bei den Irokesen ein (Epke, S. 82).
Auch der Shawnee-Häuptling Tecumseh, der alle indianischen Stämme einigen und eine Art "Vereinigte Indianerstaaten" aufbauen wollte, hatte dem Alkohol abgeschworen, nachdem er selbst einmal volltrunken war und baute seinen Widerstand gegen die Weißen auf einer antialkoholischen Basis auf.
Ebenso lehnten und lehnen messianische und andere Bewegungen wie die Geistertanzbewegung oder die "Native American Church" Alkohol strickt ab, wobei die Geistertanzbewegung nicht nur den Alkohol, sondern generell alles weiße Kulturgut ablehnte, während die "Native American Church" selbst die halluzinogene Droge Peyote gebraucht, um sich in Rauschzustände zu bringen (Slater/Albrecht, S. 358). Ein Argument dabei ist z.B., dass man für den Peyotegenuß und die damit zusammenhängenden Zeremonien in einer Gruppe sein muss, während man Alkohol alleine trinken kann und somit vereinsamt (Jeier, S. 174).  Auch in der jüngeren Vergangenheit haben Teile der Indianerbewegung immer wieder Boykottaufrufe gegen Alkohol erlassen (Incomindios-Bulletin u.a.).
Auch baten Indianer die Weißen, den Alkoholhandel einzustellen. Somit übertrugen sie dem weißen Mann die Bürde, den Handel mit Alkohol zu stoppen. Hier dürften die Wurzeln einer langen historischen Abhängigkeit der Indianer von den Weißen begraben liegen. Falls der weiße Mann sich nach den (indianischen) Regeln der Ehre gerichtet hätte, so hätte er den Verkauf stoppen sollen und müssen. Weil er das nicht tat, wälzte der Indianer alle Schuld auf ihn und den Alkohol ab (Epke, S. 88).
Auch als die meisten Stämme in die Reservationen gebracht worden waren, verschwand der Alkohol nicht aus dem Gesichtskreis der Indianer. Im Gegenteil, die Verlockung war größer denn je, und die enttäuschten und entwurzelten Indianer griffen willig nach dem Alkohol, um ihren Kummer zu ertränken. Trotz des 1832 erlassenen "Indian Prohibition Act" (Ferguson, S. 347) wurde auf den Reservationen getrunken und nach der Parzellierung der Reservationen auch Grundbesitz im Sinne des Wortes versoffen.
Besonders nach Beendigung des 2. Weltkriegs wurde der Alkohol zum großen Problem auf den Reservationen. Im festen Gefüge der Armee waren viele Indianer zum ersten Mal anerkannt worden. In ihrer Heimat, auf den Reservationen, waren Anerkennung und Orden mit einem Schlag nichts mehr wert und sie sanken zurück in die Anonymität ihres enttäuschten Volkes. Viele verkrafteten diese Umstellung nicht, sie wurden zu Trinkern, die sich am Rande der Reservation in Ghettos sammelten (Jeier, S. 170).
Der diesbezüglich wohl bekannteste Fall durfte der des Pima-Indianers Ira Hayes sein, der als hochdekorierter "Held" aus dem Pazifikkrieg zurückkehrte und später regelrecht in der Gosse endete.
Das Alkoholverbot für Indianer wurde 1953 aufgehoben (Baumann, S. 247; Ferguson, S. 348; Jeier, S. 169), nachdem ein blühender Schwarzhandel für Alkohol auf den Reservationen entstanden war (Jeier, S. 167).  Auf vielen Reservationen blieb aufgrund von Interventionen des Stammesrates das Alkoholverbot jedoch erhalten und so änderte sich nichts an der Lage (Jeier, S. 171).
Heute gibt es ganze Städte an den Grenzen von Reservationen (sog.  "bordertowns"), die vom Verkauf von Alkohol an die Indianer leben. Dies führt auch dazu, dass die ökonomische Situation auf Reservationen schlecht bleibt, weil neben einer fehlenden Infrastruktur, die es ermöglicht, überhaupt Geld im Reservat auszugeben, auch das meiste Geld für Alkoholkäufe die Reservation verlässt. Entsprechend gibt es auf einigen Reservationen die neuere Überlegung, Alkohol zu legalisieren und von dem eingenommenen Geld Entzugsprogramme durchzuführen (also den Teufel mit Beelzebub auszutreiben). Die Frage, wieso die Indianer denn nicht selber angefangen haben, Alkohol herzustellen, nachdem ihnen das ökonomische Abhängigkeitsverhältnis von den Weißen klar wurde, kann nur hypothetisch beantwortet werden. Zum einen fehlte es den Indianern am Know-how, wie man hochprozentigen Alkohol herstellt und die Händler hatten auch kein Interesse daran, darüber Auskünfte zu erteilen und in der Folge ihre Kunden zu verlieren. Zum anderen ist es nicht nur lukrativer, sondern auch einfacher gewesen, Fässer oder Flaschen mit Alkohol zu den Indianer zu schaffen, als komplette Destillieranlagen.
Nach dem Alkoholverbot von 1832 wäre das sowieso mit größeren Schwierigkeiten verbunden gewesen und die zu jener Zeit als einzige noch freien Indianer, die unsanktioniert Alkohol hätten herstellen können, hatten andere Probleme, bzw. verfügten auch nicht über den dazu nötigen Ackerbau. 3.Die Integration des Alkohols in die indianischen Kulturen
Warum trank der Indianer?
Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, diese lässt sich nur durch die Analyse der Beziehungen zwischen Indianern und Weißen feststellen. Einer der am meisten objektiven Punkte ist die vollkommen neuartige körperliche Sensation, die der Alkohol mit seinen physiologischen Folgen auf den Körper ausübt. Viele Indianer mögen unter dem Einfluss von Alkohol gedacht haben, sie wären akzeptierte, ehrenhafte Personen geworden, z.B. große Redner. Zweitens bietet sich die Vermutung an, dass einige Indianer Alkohol gebraucht haben, um somit für Gewaltakte entschuldigt zu sein, die sie sonst unterdrücken hätten müssen.
Drittens lässt sich anführen, dass - als die Weißen mehr und mehr Kontrolle über die Indianer bekamen - die früheren integrationsfördernden Gruppenaktivitäten wie Kriegszüge und andere Gemeinschaftssanktionen durch die Suche nach Alkohol ersetzt wurden. Der letzte und vielleicht wichtigste Punkt dürfte sein, dass Alkohol die Erreichung von Träumen und Visionen förderte, welches eine der am höchsten bewerteten Erfahrungen war. Durch den Alkohol, war es dem Indianer möglich, einen hohen Zustand von Ekstase zu erreichen, wie es vorher nicht möglich gewesen war. Obwohl die Indianer diese intensive emotionalen Ausdrücke als wahre Form von menschlicher Erfahrung interpretierten, erschien dies aber den Europäern und besonders den Jesuiten uneinsichtig und blieb, wie Parkman schrieb - ... ein Unhold mit allen Kriminalitäten und Sorgen zu Folge: und tatsächlich könnte nichts Irdisches einer abscheulichen Grabinschrift besser dienen als eine Indianerstadt auf dem Höhepunkt von betrunkenen Ausschweifungen. Diese Orgien hörten nicht eher auf, bis der letzte Tropfen der Flaschen entleert war." (Parkman, F.: The Old Regime in Canada, London, 1909, S. 388, zitiert nach Epke, S. 88-89).
Gerade der zuletzt genannte religiöse Ansatz ("Es wird getrunken, um Visionen zu haben"), findet sich immer wieder in der Literatur, so dass zu untersuchen wäre, ob es sich dabei bereits um ein Klischeebild handelt. Trotzdem war die Akzeptanz des Alkohols in indianischen Kulturen nicht einheitlich. Wurde er in verschiedenen Kulturen nahezu nahtlos integriert und in vorhandene Rituale eingebaut und damit sakralisiert ("Trink-Alles-Feste"), so lehnten andere indianische Stämme den Alkohol als sakrales Instrument ab und änderten ihre Zeremonien u.a. nicht ab. Stattdessen wurde lediglich "profan" getrunken. Wieder andere Indianer lehnten den Alkohol zwar als destruktiv ab, konsumierten ihn aber trotzdem und gaben die Schuld den Produzenten.
Auch wird oft der Fehler gemacht, den Stellenwert des Alkohols als Tauschobjekt überzubewerten. Man darf nicht vergessen, daß Alkohol nur eines von den vielen Produkten war, die von den Europäern eingeführt wurden, daneben wurden ebenso eiserne Töpfe, Gewehre u.a. verhandelt. Der psycholgische Effekt des "Neuen" war z.B. bei Gewehren nahezu der Gleiche wie beim Alkohol.
Blitz und Donner aus den alten Musketen waren für die Indianer ein ebenso neues Phänomen wie die Wirkung hochprozentigen Alkohols. Ebenso darf nicht vergessen werden, dass Kulturen nicht statisch sind, sondern laufend Neues in sich aufnehmen und integrieren. So wie die indianischen Kulturen den Alkohol auf die eine oder andere Weise integrierten, taten es die Europäer z.B. mit Kaffee und Tabak, wobei Tabak den Indianern länger bekannt war als den Europäern, die ihn zum ersten Mal bei den Indianern sahen. Da das Rauchen von Tabak bei Indianern oft im Mittelpunkt einer religiösen oder kulturellen Handlung stand und Tabak bei allen Zusammenkünften, Einladungen und Beratungen verteilt würde, glaubten die Indianer dasselbe vom Alkohol. Sie tranken ihn bei jeder Gelegenheit (sofern Alkohol vorhanden war) und hielten ihren Krug sogar in alle vier Himmelsrichtungen, bevor sie tranken. Viele Indianer waren auch der Meinung, dass man den Alkohol so schnell wie möglich trinken müsse, um möglichst schnell betrunken zu werden (Jeier, S. 160).
Der Effekt oder die Macht des Alkohols wurde von den Indianern nicht verstanden; der Rauschzustand war in der Kategorie des Übernatürlichen eingeschlossen. Unter dessen Einfluss wurde der betrunkenen Person vollkommene Freizügigkeit zugestanden; er konnte so handeln wie er es sich wünschte, selbst, wenn er beabsichtigte, eine Person zu töten. Dies war die identielle Handlung, die sich zwangsläufig aus seinen Träumen ergab, die unter allen Umständen erfüllt werden mussten (Epke, S. 76).
Weitere Aspekte, die den Alkohol für den Indianer "interessant" machten, waren:

  1. Die vollkommen neuartige körperliche Faszination des Alkohols
  2. Die Vermutung, dass Alkohol missbraucht wurde, um unterdrückte Wünsche ungestraft in Erfüllung gehen zu lassen
  3. Der Ersatz von Kriegszügen und gemeinsamen Stammesaktivitäten durch die Suche nach Alkohol, um die Identität der Gruppe zu bewahren
  4. Von großer Bedeutung war für die Indianer des Nordostens der Vereinigten Staaten die Traumdeutung. Der Gebrauch von Alkohol, um eine bewusste und schnellere Traumdeutung erlangen zu können, war für den Indianer von hoher wertmäßiger Erfahrung (Epke, S. 69).

Dabei  stellen sich drei zentrale Fragen:

  1. Welches Verhalten unter den Indianern wurde durch den Einfluss von Alkohol gekennzeichnet?
  2. War dieses Verhalten neu im "Indian Way of Life"?
  3. Wie hat der Indianer dieses Verhältnis beurteilt und im Besonderen, ob es zerstörerische Wirkung auf ihn hat?

Zur ersten Frage ist anzumerken, dass (weiße) militärische Befehlshaber häufig über den Alkoholmissbrauch ihrer indianischen Hilfstruppen klagten. Alkohol galt als Ursache für die häufigen Befehlsverweigerungen und die Ausschreitungen von körperlicher Gewalt. Manchmal waren ganze Dörfer von Trinkgelagen betrunken, die so lange dauerten, wie Alkohol vorhanden war, normalerweise 3 bis 4 Tage, manchmal aber auch länger als 2 Wochen (Epke, S. 72).
Die durch Trunksucht verursachte Unordnung schliesst die Unmoral mit ein. "Zur körperlichen Gewalt muss gesagt werden, dass die durch Trunksucht verursachte Unordnung die Unmoral miteinschliesst. Junge Männer würden versuchen, Mädchen betrunken zu machen, um sie anschließend verführen zu können oder sie würden sich beide bewusst betrinken und sich gegenseitig belästigen. Der Trunksucht wird vielmals auch die Schuld für das Auseinanderbrechen von Familien gegeben" (Epke, S.73)
Die zweite Frage kann man auch dahingehend umstellen, welche Verhaltensmuster sich infolge des Kontaktes mit den Weißen von selbst manifestiert haben, auch, wenn Alkohol niemals eingeführt worden wäre. Weil man keine alleinige Lösungsantwort erwarten kann, sollte man daran gehen, die Verhaltensmuster jener Zeit der ersten Kontakte mit den Weißen zu untersuchen.
Zuerst einmal kann man (in einigen indianischen Kulturen) die Art des Essens beobachten und besonders die Gewohnheiten (bei sog. Iß-Alles-Festen) alles auf einmal während einer einzigen Mahlzeit aufzuessen. So wird es klar, dass nur der Alkohol neu war und nicht die Praxis, alles auf einmal zu konsumieren. Die "Brandyfestmähler" hatten die gleichen Grundmuster wie die "Iß-Alles-Feste" (Epke, S. 74).  Ebenfalls waren Zankereien und Morde vor der Einführung von Alkohol nicht unbekannt.
Zur dritten Frage ist klar zu sagen, dass es viele Indianer gab, die glaubten, dass der Alkohol die Ursache für viele Unfälle war und das er eines Tages ihre Zerstörung zur Folge haben könnte. Manche Indianer begannen von sich aus ein gewisses Maß an Disziplin zu entwickeln und Strafen gegen Trunkenheit festzulegen. Doch herrschte auch hier der Glaube vor, dass man den Indianer nicht verurteilen könne, solange der weiße Mann ihn trotz gegenteiliger Bitten weiterhin mit Alkohol versorgte. Es lag somit aber auch am Indianer, eine Entschlossenheit zu zeigen, um damit die Nachfrage zu stoppen.
Doch waren die Indianer nur wenig mit solchen ökonomischen Gesetzen vertraut, sondern orientierten ihr Verhalten an moralischen Gesetzen wie Ehre und Vertrauen (Epke, S. 82-87). Der Alkohol hat keine neuen Verhaltensweisen als solche eingeführt. Natürlich wurden einige bereits vorhandene Verhaltensmuster intensiviert, genauso wie die Häufigkeit des Alkoholismus zunahm und die Routine verstärkt wurde. Das einzig gänzlich neue Verhalten, das dem Alkohol angelastet werden kann, ist der Rauschzustand mit seinen Folgen und die Sucht nach Alkohol (Epke, s. 82).
Dennoch wurde Alkohol z.T. nahtlos in indianische Kulturen adoptiert, wovon Alkoholfeste zeugen. So wurde z.B. auf einem kleinen Handelsposten im Nordosten der USA von 1800 bis 1807    77 große Alkoholfeste gezählt (Jeier, S. 161) und auch bei gewissen Zeremonien wurde tüchtig getrunken (Ferguson, S. 351). Hinzu kommt in moderner Zeit der Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum. Alkoholismus, der schon eine tragische Rolle auf den Reservationen spielt, wird bei Indianern in den Städten zu einem noch größeren Verhängnis. Auf den Reservationen ist der Verkauf von Alkohol (noch) verboten, in den Städten dagegen sind alkoholische Getränke überall und jederzeit zu erwerben und die Versuchung, Sorgen, Einsamkeit und Heimweh über Whisky und Gin zu vergessen, sind groß. Trunkenheit führt jedoch zu kleineren kriminellen Delikten, zur Unpünktlichkeit bei der Arbeit und zu Entlassung und damit beginnt ein Teufelskreis, der immer weiter ins Elend fährt (Epke, S. 92). Da zuwenig Arbeitsplätze in der Stadt vorhanden sind, geraden die indianischen Zuwanderer auch schnell in finanzielle und Wohnungsprobleme.
Unterbeschäftigung, Alkoholismus, Ehestreitigkeiten und gelegentliche Kriminalität werden für die weißen Städter zum Synonym für indianische Lebensweise und alte Vorurteile finden damit ihre Bestätigung. Damit abklassifiziert und in einer Situation des sozialen Umbruchs, der Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung und Isolation, versuchen viele Indianer, das würdelose Alltagsleben im Alkohol zu vergessen (Epke, S. 90-91). Ein weiteres Element, warum Indianer in der Stadt trinken, ist der kulturelle Stress, dem sie zwischen ihrer und der weißen Kultur ausgesetzt sind (Incomindios). Auch Gruppendruck führt - nach Ansicht von Indianern - zwangsläufig dazu, dass getrunken wird, ob der Einzelne nun will oder nicht (Incomindios). Wer dazugehören will, muss eben auch mittrinken.Dabei wird den jeweils anderen Mitgliedern der Trinkgemeinschaft (Peer-group) so lange ausgegeben, wie man selber etwas zu trinken hat. Ist eine Flasche leer, ist derjenige, der noch Geld hat, verpflichtet, eine neue zu kaufen und dies wiederholt sich, bis kein Mitglied der Peer-Group Geld mehr bei sich hat (Baumann, S. 261). Für gelegentliche Stadtbesucher hat Alkoholkonsum eher den gleichen Stellenwert wie andere urbane Vergnügen. 4. Stereotypen über den "Drunken Indian" und deren Wahrheitsgehalt
Sehr weit verbreitet ist das Stereotyp des ewig betrunkenen Indianers, egal ob er sich auf der Reservation oder in der Stadt aufhält, welches viele Missverständnisse aufwirft und zu damit verbundenen bzw. daraus resultierenden politischen (Miss-) Strategien führt.
Allgemein kennt man das an der Oberfläche wirkende Bild eines hoffungslosen, machtlosen Indianers, der keine Alternative sieht, als Armut, Zerstörung seiner Kultur und die Unterminierung seiner Familie im Alkohol zu ertränken. Eine offizielle Kenntnisnahme dieser Missstände seitens der US-Regierung wurde zwar durch die zeitweilige Einführung einer Prohibition für Indianer (1832 bis 1953) zum Ausdruck gebracht, griff aber nicht durch. Im übrigen ist es bezeichnend für das Stereotyp des 'drunken Indian', dass von den zu Rate gezogenen Quellen lediglich eine den Beginn dieser Prohibitionszeit erwähnt, während nahezu alle das Ende dieser Zeit und die daraus resultierenden Konsequenzen ausführlich abhandeln und sich nicht scheuen, die Klischeebilder aufzugreifen. (Vgl.  Baumann, S. 247; Ferguson, S. 348; Jeier, S. 169)
Man kann mehrere führende Stereotypen zugrundelegen:

  1. Indianer vertragen keinen Alkohol!
    Diesem Klischee liegen die biologisch begründeten Faktoren der Alkoholresistenz zugrunde. Wissenschaftliche Untersuchungen sollen bewiesen haben, dass verschiedene Völker der Erde Alkohol unterschiedlich verarbeiten, d.h. der Stoffwechselprozess anders vonstatten geht. Dabei bleibt zweifelhaft, ob Alkohol nicht auf jedes Individuum unterschiedlich wirkt und ob mit diesem Stereotyp ganze Völker oder 'Rassen diskriminiert werden.
    In der Trivialliteratur liest man dann folgendes: "Aber es lag nicht nur an der Menge, daß die Indianer mehr unter der Wirkung des Alkohols litten als die Weißen. Aus unerfindlichen und bisher unerklärlichen Gründen stehen sie dem feurigen Wasser auch heute noch physisch schwächer gegenüber, vielleicht ein Erbe ihrer asiatischen Herkunft, und selbst starke und hochgewachsene Indianer sind schon nach zwei, drei kleinen Gläsern Schnaps betrunken. Sie werden leichter süchtig als die meisten Weißen und waren im vergangenen Jahrhundert schon nach wenigen Tropfen bereit, gegen ihre Tabus zu verstoßen, ihre Götter zu verfluchen oder ihre eigenen Verwandten zu massakrieren. Der Alkohol machte sie zu willenlosen Menschen und schaltete jedes Denkvermögen aus." (Jeier, S. 160-61)
    Man hat diese Theorie in Zusammenhang mit dem angeblich exzessiven Alkoholkonsum der Indianer gebracht. Es wurde also alles zwangsläufig vorausgesetzt, dass wenn der Indianer trinkt, er aufgrund seiner niedrigen Resistenz unbedingt die Grenzwerte überschreitet und somit immer in einem Vollrausch verfällt, sich also gezwungenermaßen Probleme, die aus dem Alkoholkonsum resultieren, ergeben. Dasselbe Argument jedoch wird auf der anderen Seite genau dafür verwandt, den geringen Alkoholkonsum von Asiaten zu erklären. Sie vertragen also ebenso wenig Alkohol wie Indianer (und haben angeblich darüber hinaus gemeinsam genetische Grundmerkmale) trinken aber genau deswegen weniger. Es besteht also keine unbedingt logische Konsequenz zwischen der Verträglichkeit von Alkohol und dem Konsumverhalten, bzw. seinen Auswirkungen.
  2. Alkoholismusraten sind extrem hoch bei indianischen Völkern!
    Grundsätzlich besteht das Problem, ein genaues Maß für Alkoholismus anzulegen, (wer ist und wer ist kein Alkoholiker). Der Meinung vieler entsprechend ist Alkoholkonsum als solcher und/oder rauschähnliches Verhalten noch kein Kriterium, für Alkoholismus. Wo die Grenzen liegen, ist so ziemlich von der individuellen Interpretation anhängig. Dieser These kann entgegen gehalten werden, dass man Promille erreichen kann und somit über ein konstantes Kriterium verfügt, doch ist es einseitig, Alkoholismus ausschließlich über medizinische Indikatoren zu definieren und jegliche soziale Faktoren bei der Definition außer acht zu lassen. Eine rein medizinische Definition ist zwar nicht grundfalsch, aber auch nicht objektiver oder genauer als andere Definitionsansätze.
    Generalisierungen über den Alkoholkonsum in indianischen Gemeinden sollte man sowieso nicht anstellen, da es extreme Unterschiede beim Alkoholkonsum zwischen und innerhalb indianischer Stämme gibt. Vergleicht man darüber hinaus Statistiken mit dem nationalen Durchschnitt, findet man genauso Stämme, deren Rate weit darüber hinaus geht wie auch ebenso viele andere Stämme, die weit unter dem Durchschnitt liegen.
  3. Alkoholismus stellt das Hauptproblem der indianischen Völker dar!
    Es besteht bei diesem Stereotyp die Gefahr, das Hauptaugenmerk isoliert auf den Alkoholismus als solches zu richten, d.h. ihn nicht in Zusammenhang mit sozioökonomischen und politischen Verhältnissen zu sehen. Selbst bei Stämmen, die große Alkoholprobleme haben, lässt sich kaum feststellen, ob diese aus der Alkoholsucht als solches resultiert, oder auf verschiedene soziale, ökonomische, kulturelle und/oder politische Faktoren zurückzuführen sind. Die Ursachen der Alkoholprobleme werden entsprechend oft mit folgenden Aspekten in Verbindung gebracht:
    • den Schwierigkeiten der Integration in eine nicht-indianische Gemeinschaft;
    • mit ethnischen Vorurteilen, bzw. Rassismus;
    • schlechtem Gesundheitszustand;
    • Arbeitslosigkeit und niedrigem sozialen Status;
    • fehlender Autonomität, bzw. fehlender Kontrolle und Einfluss in der eigenen Gemeinschaft;
    • Kindererziehung, Gesetzgebung, Kirche und Gesundheitswesen.

    Maßnahmen gegen den Alkoholismus sind z.B. sogenannte 'Treatment-Programs'.
    Diese sollte man jedoch nicht als Allheilmittel sehen oder benutzen, um alle Probleme kanalisieren und als Alkoholabhängig zu behandeln.  Die Gesamtproblematik ist zu komplex, um sie durch eine einseitige Betrachtung des Alkoholproblems zu erklären.
    Entsprechend könnte man genauso gut generalisieren, dass die moderneren nordamerikanischen Indianer aufgrund ihres Alkoholkonsums zur Fettleibigkeit tendieren - obwohl dies auf die Ernährung (zu viele Kohlehydrate und Zucker) zurückzuführen ist.

  4. Die Indianer sind zu naiv, um Alkohol abzulehnen. Es ist ein weitverbreitetes Stereotyp, dass die Europäer den Alkohol eingeführt haben und somit die Wurzel allen Übels sind, obwohl die Indianer den Alkohol überhaupt nicht wollten, ihm sich aber nicht verwehren konnten. Dies zeugt für die naive Darstellung der Indianer, der nicht einschätzen kann, was man ihm gibt und welche Auswirkungen es auf ihn hat. Weiterhin wird den Indianern hierbei unterstellt, nicht mit den entsprechenden ökonomischen Gesetzen von Angebot und Nachfrage vertraut gewesen zu sein, als der Alkohol als Handelsgut für ihre Pelze eingeführt wurden.
    Dass dieser Ansatz auch von indianischen Autoren vertreten wird (vgl.  Incomindios-Bulletin, S. 27-32), zeugt von der Uneinigkeit der Indianer, denn hier stellt sich einer über den Rest, behauptet, den diesbezüglichen Durchblick zu haben und kategorisiert den Rest seiner eigenen Leute als naiv ab.
    In der Trivialliteratur liest sich die Naivität etwa so:
    "Die Männer gaben ihm Whisky, und der Indianer schüttete die braune Flüssigkeit begierig in sich hinein. Amüsiert betrachteten Hudson und seine Leute, wie der Eingeborene schon nach kurzer Zeit die Augen verdrehte, lallend an Land torkelte und bewusstlos am Ufer zusammenbrach. Am nächsten Morgen stolperte er ins Lager, wo er mit seinem Klagen und Stöhnen alle Schlafenden weckte. Seine Stammesbrüder umringten in neugierig und er erzählte ihnen von einer feurigen Flüssigkeit, die ihn in einen Rauschzustand versetzt und ihn ins Land der Geister geführt hätte. Die Indianer sahen ihn erstaunt an, dann traten sie ans Ufer und blickten dem davonfahrenden Schiff der Fremden mit großen Augen nach. Der Ort des seltsamen Geschehens nannten sie 'Manhattan', Platz der Trunkenheit".(Jeier, S. 159) Diese gängigen Stereotypen lassen sich auch entkräften:
    1. Die Art und Weise, sowie der Zeitpunkt des Gebrauchs von Alkohol variiert sehr unter Indianern. Grundsätzlich ist das stereotypisierende Bild des 'drunken Indian' in seinen verschiedenen Facetten anders.  Man kategorisiert: das rauschähnliche Verhalten schon bei geringen Dosen von Alkohol; da exzessive Saufgelage über viele Stunden oder mehrere Tage - welches dann wieder durch tage- oder wochenlange Abstinenz abgelöst wird-; das Gruppentrinken, bei dem man von einer Kneipe in die andere zieht, wozu das Verschaffen von Alkohol gehört, bis die letzten finanziellen Mittel erschöpft sind; im Rausch erfährt man dabei ein 'time-out' Element, d.h. man verhält sich im Rauschzustand so, wie man es normalerweise weder tun noch von sich oder anderen akzeptieren würde.
      Dass diese 'drinking patterns' generell existieren, kann man nicht gänzlich abstreiten. Der springende Punkt ist eher, dass es sich dabei nicht unbedingt um ein typisch indianisches 'drinking pattern' handelt; man findet die gleichen Verhaltensweisen genauso häufig bei nichtindianischen Gruppen. Darüber hinaus trinken viele Indianer nach der Methode der weißen Mittelklasse, d.h. gezielter Alkoholkonsum zu einem ausgesuchten Ort- und Zeitpunkt, bei dem sich das daraus resultierende Verhalten nicht von dem im nüchternen Zustand unterscheidet. Auch gibt es Indianer, die gänzlich Anti-Alkoholiker sind. Für eine weitere Relativierung des Stereotypes spricht die Beobachtung, dass ein und derselbe Indianer sowohl weiße, als auch indianische Trinkgewohnheiten, sowohl als auch Abstinenz zu verschiedenen Zeiten seines Lebens vereinbaren kann, abhängig von sozialen Gegebenheiten seiner eigenen Präferenz oder lebensprägenden Ereignisse.
    2. Der Genuss von Alkohol steht oftmals im Zusammenhang mit tragischen oder freudigen Ereignissen. Diese These entkräftet das Klischee der grundlosen, permanenten Sauferei. Positive Aspekte des Alkoholismus können u.a. sein: Alkohol als Ritual des sozialen Miteinanders und als Mittel zur Stabilisierung sozialer Netzwerke; Begünstigung des Wohlbefindens und Abbau von Stress und Hemmungen. 'lndian drinking' kann als soziale Eintrittskarte für die Gruppenintegration fungieren. Das Betrinken dient zur Bewältigung, bzw. als Alternative zu Stress und Trauer. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der durch das Trinken erträglicher wird, ist der interkulturelle Konflikt zwischen der indianischen und der dominanten weißen Kultur mit ihren entsprechend unterschiedlichen Werten und Normen, dem der Indianer (nicht nur in der Stadt) permanent ausgesetzt ist und durch den er nicht selten in eine Identitätskrise gerät.
      Der Alkoholismus dient hier als Ventil und als Legitimation für jegliches Verhalten, weil der 'drunken Indian' zumindest von seinem Volk als Person nicht verurteilt wird (Schuld an der Existenz von Alkohol hat schließlich der Weiße). Indem der indianische Trinker den Erwartungen des Weißen vom 'drunken Indian' entspricht, kann er gleichzeitig signalisieren, dass sich an diesem Zustand nichts ändern wird, solange die herrschende weiße Gesellschaft die Wirtschaft und Selbstbestimmung der indianischen Gemeinschaften dominiert und soweit einschränkt, dass die Indianer ihre eigene ethnische Identität nicht ausleben können (Westermeyer, S. 25).
    3. Der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und bestimmten auf Alkoholeinfluss beruhenden Problemen ist eher zufällig als kausal und steht nicht wie gern angenommen wird in direkter Wechselbeziehung zueinander.
      Hier wird die isolierte Betrachtungsweise des Alkoholproblems besonders deutlich, da man z.B. dass Maß an Gewalttätigkeit unter Indianern zugrundelegt, um es alleine auf steigenden Alkoholkonsum zurückzuführen, also wiederum das Alkoholproblem als das eigentliche, einzige Problem hochstilisiert.
      Beispielsweise sind bei den Navajo und den White Mountain Apachen seit 1880 die Selbstmord- und Mordraten konstant geblieben, wohingegen der Alkoholkonsum konstant angestiegen ist. Der allgemein angenommenen kausalen Beziehung zwischen Aggressivität und Gewalttätigkeit unter dem Einfluss von Alkohol kann also entgegengetreten werden.
      Ein weiteres Beispiel bieten die Motive für Festnahmen. So werden Indianer in Haft genommen für aus ihrer Sicht akzeptierbares und legitimes sozial und moralisch vertretbares Verhalten, dass jedoch von der herrschenden Gesellschaft als illegal angesehen wird, wobei der Festgenommene natürlich unter Alkohol steht. Mitunter werden betrunkene Indianer auch aus Gründen der 'Straßenreinhaltung' festgenommen (Fergusson, S. 350). Dies ist ein Indikator für die verschiedenen Werte von Kulturen und ihre Differenzen, die gerne als Alkoholprobleme klassifiziert werden. Im Zusammenhang mit der Alkoholursachenforschung sollte also dem sozi-kulturellen Kontext, sowie Religion, wirtschaftlichen Aspekten, politischen Angelegenheiten usw. ein größeres Gewicht beigemessen werden.
    4. Es bestehen beträchtliche Unterschiede innerhalb indianischer Gruppen, was die Folgen des Alkoholismus betrifft. Trotz der generellen Schwierigkeiten, genaue Angaben bezüglich des Alkoholkonsums, die durch Migration oder die vielen verschiedenen indianischen Gemeinden erschwert werden, zu machen, konnte man Differenzen sowohl zwischen als auch innerhalb der einzelnen Stämme feststellen. So liegt z.B. die Sterbequote der Navajo an Leberzirrhose unter dem nationalen Durchschnitt, wohingegen sie bei den Hopi und White Mountain Apachen weit höher als der nationale Durchschnitt ist. Die Selbstmordrate unter den Shoshone, Bannock, Cheyenne und Apachen liegt weit über dem nationalen Durchschnitt, während bei den Ojibwa und Navajo die Rate relativ gering ist.  Innerhalb eines Stammes treten dort mehr Leberzirrhosefälle auf, wo die Indianer gute Beziehungen für den Zugang zum Alkohol vorfinden. Hier muss vor generellen Aussagen gewarnt werden, die für alle Indianer gelten sollen.
    5. Alkoholismus - definiert durch körperliche Anhängigkeit, welche am Entzugssyndrom festgemacht wird oder im Sinn klassischer Krankheitssyndrome - gibt es unter Indianern. Mann kann sich fragen, in welcher Gesellschaft das anders ist, doch geht diese These wiederum auf die Definition, bzw.  Interpretation des Alkoholismus ein. Es tritt das Problem auf, das Alkoholismus als eine echte auf psychische Ursachen beruhende Krankheit zu begreifen und die Opfer nicht mit dem negativen Image eines Säufers zu degradieren. So steht es insbesondere dem Indianer scheinbar nicht zu, sich als Kranker zu definieren und entsprechende Unterstützung bzw. Akzeptanz zu erwarten. Doch dies ist ein generelles Problem im Umgang mit Alkohol und Alkoholismus, auch ein Deutscher darf sich nicht unbedingt als krank bezeichnen, sondern wird von der Gesellschaft eher als Säufer abgetan und entsprechend abgelehnt.
    6. Indianer mit Alkoholproblemen können von einem 'treatment program' profitieren, sofern er auf sie Rücksicht nimmt. Wenige der zuständigen Institutionen für Entzugsprogramme wollten indianische Patienten aufnehmen, weil die Erfahrungen zeigten, dass wenige oder keine Erfolge erzielt wurden.
      Die Ursache dafür liegt aber weniger an der Mentalität der Patienten selbst, sondern daran, dass die nicht-indianisch orientierten Behandlungsprogramme nicht die kulturellen und sozialen Werte, Traditionen und Gewohnheiten der Indianer berücksichtigten. Seitdem Indianer jedoch selbst aktive 'treatment programs' planen und durchführen, steigt die Zahl der Entzugswilligen und auch die Erfolgsquote (vgl. Kap. 4 und 5 Westermeyer)
  5. Die Fallstudie eines 'treatmentprograms'
    Ein 'treatment programm' mit Navajo-Indianern entstand aus der angeblichen Notwendigkeit der Stadt Gallup, New Mexiko, die monatlich eine Zahl von ca. 6750 Festnahmen wegen Trunkenheit aufwies. Von den Inhaftierten waren 90 % Navajos, die z.T. festgenommen wurden, weil sie sich in einer Art 'black out' Zustand befanden und nichts weiter als eine Gedächtnislücke aufwiesen.
    Gallup hatte zu dieser Zeit (um 1964) eine steigende Bevölkerung von ca. 17.500 Menschen und über 40 Bars, die besonders am Wochenende nach dem Einkauf als Treffpunkt der Bewohner der umliegenden Gemeinden fungierten. Die Stadt bot dabei den Alkoholkonsum als Vergnügen an mit dem gleichen Stellenwert wie andere urbane Vergnügen (Kinobesuch z.B.). Bei den Navajo kann keinesfalls von einem größeren Suchtproblem als im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen oder dem US-Durchschnitt generell ausgegangen werden. Das Trinkverhalten der Navajo ist nur wegen seiner öffentlichen Natur auffälliger, da die meisten Freizeitaktivitäten im Freien stattfinden. Festgehalten wurde auch, dass Indianer aus allen Schichten und Altersgruppen mit dem Alkoholproblem gleichermaßen konfrontiert waren und das der Anteil an Frauen etwa dem der Männer entsprach. Frauen wurden jedoch seltener inhaftiert und waren ihrerseits seltener bereit, sich an einem Entzugsprogramm zu beteiligen. Das sich über drei Jahre erstreckende Programm ergab, dass die der westlichen Kultur eher angepaßten Navajos weniger gut darauf reagierten, als die weniger assimilierten. Als Indikator für die erste Gruppe galten dabei:
  1. sie verfügen über Englischkenntnisse;
  2. sie haben eine dem 6th Grade entsprechende Allgemeinbildung;
  3. sie haben Wehrdiensterfahrung;
  4. sie streben nach einer festen Anstellung, vornehmlich im technischen Mittelstand, oder gehobenen Facharbeiter-Metier.

Diese Gruppe befand sich in einem ständigen Konflikt zwischen ihrem eigenen Leben und der weißen Kultur. Sie wurden oft zu hohen Erwartungen ausgesetzt.
Die weniger bzw. nicht dem Status einer weißen Gesellschaft entsprechend gebildeten Navajos sprachen positiver auf das 'treatment program' an, was mit der geringen Eingebundenheit in die westlich-weiße Kultur begründet wurde. Die 'Trinkertypen' wurden dabei in zwei Gruppen kategasiert:

- die 'recreations drinkers' 
sogenannte 'Freizeittrinker', die aus reinem Vergnügen Alkohol konsumieren und/oder um das Netzwerk sozialer Beziehungen zu stabilisieren. Ihre Abhängigkeit vom Alkohol resultiert aus dem starken Druck, mit dem Saufkumpanen mitzuhalten und wird durch fehlende Sanktionen seitens der Navajo gegen exzessiven Alkoholkonsum begünstigt. Dieser Typus nimmt in der Behandlung neue Werte bezüglich des Trinkens an und identifiziert sich leichter mit einer anti-alkoholischen 'peer group'. 'Health Grant' ins Leben gerufen und mit dem Projektnamen 'A Community Treatment Plan for Navajo Problem Drinkers' ausgestattet. Die Einrichtung hatte für 120 Personen Platz, die aus den interessierten Navajo ausgewählt wurden, die motiviert genug waren, mit dem Trinken aufzuhören und darüber hinaus mindestens 10 mal wegen Trunkenheit inhaftiert worden waren.
Die Untersuchungsergebnisse stützten sich insbesondere auf zwei Quellen:

  1. Beobachtungen von Navjo Alkoholkonsumenten und ihren Trinkgewohnheiten, in Verbindung mit zahlreichen Interviews und Gesprächen mit den Problemtrinkern und ihren Familienangehörigen;
  2. Erfolgsresultate und Effektivität des Treatment Programs selbst. Dies ergab sich aus
    • der subjektiven Meinung der Belegschaft und 
    • objektiver aus der Rückgangsquote der Inhaftierten und/oder der Zahl der Rückfälle seit Beginn der Behandlung.

Die Inhalte des 'Treatment Programs' waren:

  1. Fünftägiger Krankenhausaufenthalt; Tests der Organfunktionen und Vorbereitung auf das Programm;
  2. Verabreichung von Antebuse, einem Medikament, welches Übelkeit verursacht, sobald man Alkohol zu sich nimmt;
  3. Gespräche mit den Familienangehörigen, um diese auf die Rückkehr des Patienten vorzubereiten; Patienten ohne Familie wurden regelmäßige Untersuchungstermine angeboten;
  4. Aufsicht der Einnahme von Medikamenten und Berichterstattung, bzw.  Erfolgsmeldungen an die Projektmannschaft durch freiwillige Mitarbeiter;
  5. Gespräche mit den Arbeitgebern oder Hilfsstellen, eine neue Anstellung zu finden;
  6. Psychotherapie, wenn notwendig
  7. Beratungstreffen mit der Belegschaft, die permanent zur Verfügung stand (das Projektbüro ist der Platz, wo der Kaffee stets frisch ist und wo Patienten und ihre Freunde und Verwandten ermutigt wurden, hinzukommen und zu schwatzen - mit der Belegschaft oder miteinander, Ferguson, S. 346, was sich ernsthaft nach Kaffeekränzchen anhört);
  8. Überwachen während der Bewährungszeit;
  9. Gruppendiskussionen mit den Patienten, die nahe dem Projektbüro wohnen;
  10. Sammeln von Untersuchungsmaterial, eingeschlossen psychologische Tests der Patienten.

Insgesamt wird am Beispiel dieses Behandlungsprograms, das vermutlich ein Exempel statuiert, sehr deutlich, wie pateranalistisch die Methoden angesetzt werden. Es lässt sehr wenig darauf schließen, daß die Patienten ihre eigenen Vorstellungen mit einfließen lassen können, bzw. dass das Programm auf Bedürfnisse oder die eigenen ethisch-kulturellen Gegebenheiten abgestimmt ist.
Das die Wertstellung der Psychotherapie soweit hinten rangiert und nicht an die erste Stelle gesetzt ist, zeigt einmal mehr, dass dem Alkoholproblem an sich wieder ein isolierter Stellenwert zugeschrieben wird und es nicht auf soziokulturelle Zusammenhänge hin untersucht wird.

 

Reservation

Die Indianer leben heute meist in sogenannten Reservaten oder Reservationen, also bestimmten Gebieten, die ihnen zugewiesen worden sind. Sie leben nicht freiwillig dort. Im letzten Jahrhundert durften sie sogar nur dort leben, heute könnten sie natürlich auch irgendwo in den USA leben. Aber wenn sie mit dem ganzen Stamm zusammen leben wollen, bleibt nur das Reservat.

Die ersten Reservate wurden schon vor 200 Jahren von den weißen Siedlern eingerichtet, weil die das Land der Indianer für sich alleine haben wollten. Die Stämme wurden dann in die Reservate umgesiedelt. Oft war das sehr brutal, die Weißen waren rücksichtslos, die Indianer wehrten sich, so dass es dabei viel Blutvergießen gab. Als man zum Beispiel die Cherokee-Indianer 1838 von Florida nach Oklahoma in ein Reservat umsiedeln wollte, starben auf der "Reise" dorthin 14.000 Indianer.

Bis heute nennt man dieses Ereignis "Zug der Tränen". Heute gibt es in den USA etwa 300 Reservate. Das Leben dort ist oft hart und die Menschen haben kaum Arbeit. Ackerbau oder Viehzucht können die Indianer nicht betreiben, weil das Land unfruchtbar ist.
Heute sind die Reservationen keine Zwangslager mehr. Zäune oder Kontrollstellen gibt es nicht. Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Viele, die Arbeit haben, verlassen tagsüber Indianerland, wie man Reservationen heutzutage häufig nennt. Sie verdienen sich in einer benachbarten Stadt ihren Lebensunterhalt. Natürlich wohnen die Indianer unserer Tage meist nicht mehr im Wigwam oder Tipi, sondern in Baracken oder auch modernen Fertigteilhäusern wie die Weißen.

Auf den Dächern erheben sich Fernsehschüsseln und das Pferd ist vom Auto verdrängt worden. Wie überall im Land haben in den Reservationen auch Supermärkte und Schnellrestaurants eröffnet. Nur liegen die Preise deutlich höher als anderswo. Dabei sind die meisten Reservationsbewohner arm.

Die Kinder besuchen heute von klein auf Schulen, in denen sie auch in ihrer eigenen Sprache unterrichtet werden. Wenn sie begabt sind und ernsthaft lernen, können sie später vielleicht sogar eine Universität besuchen. Mitunter, wie in Many Farms bei den Navajo, brauchen sie dazu nicht einmal die Reservation zu verlassen.

Überhaupt versuchen die Navajo grundsätzlich sich selbst zu helfen und zu verwalten. Vor etlichen Jahren entdeckten weiße Ingenieure Erdgas und Erdöl im Monument Valley, also auf dem Gebiet der Navajo. Seit diese Bodenschätze gefördert werden, fließt ständig Geld in die Kasse des Stammes. Ein demokratisch gewähltes Navajo-Parlament entscheidet, wie es verwendet wird. Mit Hilfe dieser Mittel entstanden mehrere Industriebetriebe in der Reservation. Sie wurden an verschiedene Firmen verpachtet. Diese Unternehmen, so ist es vereinbart, beschäftigen fast ausnahmslos Navajo. In einem Werk für elektronische Geräte hatten die 800 Navajobeschäftigten anfangs ziemliche Probleme, weil in ihrer Sprache wichtige Fachausdrücke fehlten. Also hat man sie geschaffen. Seitdem wird in der Navajosprache beispielsweise »Aluminium« mit »glänzendes Metall« und »Oszillator« mit »Tunnel« übersetzt. Navajo-Reservation
Reservation der Navajo in Nord-Arizona

Den Navajoarbeitern geht es heute wirtschaftlich recht gut. Aber auch den Bauern und Viehzüchtern nützt die industrielle Tätigkeit des Stammes. Ein Teil des eingenommenen Geldes floss in große Bewässerungsprojekte. Doch nicht nur wirtschaftlich wollten die Navajo auf eigenen Füßen stehen. Mit Ausnahme der Verkehrsvorschriften gilt in der Reservation kein einziges Gesetz des Staates Arizona mehr. Der Stamm hat auch eine eigene Polizei und eigene Gerichte. Mittlerweile werden nur noch Schwerverbrecher nach Arizona »ausgeliefert«.

Trotz dieser Verbesserungen ihres Lebensstandards haben die Navajo - wie auch die anderen Indianer in den Reservationen -jedoch weiterhin mit großen sozialen Problemen zu kämpfen. Etliche Stammesangehörige sind bettelarm. In ihren Häusern gibt es weder Strom noch warmes Wasser. Weil sie das Leben nur schwer ertragen können, haben sich viele in den Alkohol geflüchtet.

Zu denken gibt auch, dass die Indianer von allen ethnischen Gruppen in den USA die höchste Selbstmord- und die höchste Kindersterblichkeitsrate haben. Darüber hinaus ist bei ihnen die Lebenserwartung niedriger als bei allen anderen Gruppen. Schuld daran ist sicher auch die außergewöhnlich hohe Arbeitslosenquote der Indianer - bei einigen Stämmen sind über 80 Prozent aller Erwerbsfähigen ohne Arbeit!!! Angesichts dieser Unbilden fällt es nur wenig ins Gewicht, dass die Indianer in den Reservationen keine Steuern zahlen müssen und kostenlose Gesundheitsfürsorge genießen.

Für zahlreiche Amerikaner und Touristen aus aller Welt sind die Indianer in den Reservationen nicht mehr als eine Touristenattraktion. Man lässt sie sich vorführen und kauft begeistert ihre kunsthandwerklichen Arbeiten. Verständnis für die Schwierigkeiten des indianischen Lebens inmitten einer weißen Umwelt gibt es nur selten. Davon zeugt auch, dass vor wenigen Jahren europäische und amerikanische Gesellschaften auf einem heiligen Berg der San-Carlos-Apachen in Arizona eine astronomische Station errichteten. Die Indianer protestierten gegen die Entweihung ihrer regelmäßig benutzten sakralen Stätte - ohne Erfolg. Zu den Betreibern der modernen Teleskop-Station gehört auch ein deutsches Institut.

 

 



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