Schamanismus heißt heilen, heißt an sich selbst zu arbeiten, nie aufzuhören,
 immer weiter nach Stärke, Liebe, Ruhe, Kraft und Klarheit zu streben und diese
 Eigenschaften mit Hilfe der Spirituellen Welt zum Wohle anderer einzusetzen 
 

Grundgestalt und Verbreitung des Schamanismus


Der Begriff Schamane - in der heutigen kulturübergreifenden (emischen) Bedeutung des Terminus - meint einen in selbstinduzierten besonderen Bewusstseinszuständen (Ausseralltagsbewusstsein) wirkenden Helfer der Menschen seiner Gruppe in vielen Nöten ihres Lebens. Der Schamane ist Mittler zwischen der gruppengemeinsamen Alltagsrealität, der Diesseitswelt, und der transintelligiblen Anderwelt. Nicht jede Art Heiler ist ein Schamane. Schamanisches Wirken ist nicht auf das Heilen einzuengen.
Auf der Kulturstufe, welche den Schamanen als notwendige Institution hervorbringt, ist alles Diesseitig-Gestalthafte der Alltagsrealität "unterlegt" von transintelligiblen Kräften, Geister genannt. Auch das Gewöhnlich-Alltägliche ist dem Menschen dieser Kosmologie Hierophanie.
Der Schamane ist der (männliche oder weibliche) Spezialist der Beziehung zwischen der Alltagsrealität und der transzendenten Welt, noch vor der Spaltung in profan und heilig-numinos.
Der Schamane ist Träger und Übermittler der Anthropologie, Kosmologie, Religion seiner Sozietät.
Zur Aktualisierung seiner Begabung wird er durch besondere Erfahrungen (Vorzeichen, Träume, Visionen, Krisen gesundheitlicher Art) spontan oder nach eigener Suche gerufen. Nach der Initiation erfolgt die oft jahrelange Lehre.
Je nach Bedarf seiner Mitmenschen stellt der Schamane seine Kräfte als vermittelnder Helfer in der Ekstase zur Verfügung. In der schamanischen Séance geschieht, wie Findeisen  achtungsvoll sagt, eine Setzung, ein In-die-Welt-Setzen von einordnenden, wiederherstellenden Sinnverbindungen zwischen der Menschenwelt und dem außermenschlichen, übernatürlichen Geisterbereich.
In diesem Sinne ist der Schamane eine herausragende religiöse Wirkgestalt. Er ist wichtigster religiöser Funktionsträger in der archaischen, präsakularisierten Kulturwelt der Jäger- und Sammlervölker und der nomadisierenden Viehzüchter, Gesellschaften vor der Entstehung von Hochreligionen mit ihren priesterlichen Vermittlern, Propheten und Reformatoren.
Das tungusische Wort Schaman scheint für die Tungusen ein Fremdwort zu sein. Die Herkunft ist unbestimmt. Vielleicht stammt das Wort aus dem Sanskrit Sramana: der religiöse Praktiker der Askese. Von dort könnte das Wort nach Asien gekommen sein, in das Königreich Shahn als Samana, nach China als shaman, nach Japan als shamon. .
Der Schamane findet sich in der klassischen Grundgestalt bei vielen Völkern des eurasischen Raumes, ähnliche Funktionsträger gibt es aber auch in Nord- und Südamerika, in Ozeanien, Australien, Afrika. Die lokalen Modifikationen sind zahlreich. Abkömmlinge des Schamanentums, vielfach mit christlicher Überlagerung, sind auch in den säkularisierten Kulturen Europas, Asiens, beider Amerikas aufzuspüren. In vielen dieser Kulturen bestehen schamanistische Traditionen weiter: bei den nicht-akademischen Heilern (Medizinmann, Curandero), bei den Priestern, Wahrsagern, Traumkundigen, Orakelkündern, Tempelheilern, Wunderheilern (Siddha in Indien) sowie im Zauberer und in der Hexe. Schamanistische Elemente sind auch noch Bestandteil von Ritualen einiger Hochreligionen, z. B. im Exorzismus, in der Beschwörung, in der Taufe, in den Bräuchen zur Hochzeit, bei Krankheit und Tod, im Segnen von Vieh und Ernte. Die Lebens- und Sterbensbegleitung, die Sorge für das Nachtod- und Wiedergeburtsschicksal sind Beispiele dafür im Vajrayana. Tod und Auferstehung Jesu, Transsubstantiation von Brot und Wein in seinen Leib, sein Blut in der Messe sowie eine Reihe von Funktionen des Priesters bei der Taufe, bei Krankheiten, beim Sterben, in Ernte- und Haussegen sind schamanische Elemente im Christentum. Die Kultivierung der Induktion besonderer Bewußtseinszustände durch Gesänge, Tanz, Rhythmik findet sich z. B. bei den Derwischen der islamischen Mystik.

Energie
 
Kraft

Konstitutive Elemente des Schamanentums


Eliade  nannte den Schamanen den "Meister der Ekstase". Der Schamane ist ein Bewußtseinskundiger, der sich selbst induziert aus dem Bereich des Alltagsbewußtseins in außergewöhnliche Bewußtseinszustände und damit in die Anderwelt begeben kann. Damit wird er erst zu seiner Mittlerfunktion befähigt. Der Schamane stellt die Beziehungen zwischen der sichtbaren Welt des Alltagsbewußtseins und der unsichtbaren transintelligiblen Kräftewelt her. Damit steuert der Schamane die Beziehungen zwischen der menschlichen und außermenschlichen, der sozialen und der asozialen Wirkbereiche. Er ordnet das Verhältnis zwischen der Menschenwelt, der Welt der Tiere, Pflanzen, Steine, der Erde und der Welt der transzendenten Kräfte, der Geister. Durch Berufung und Initiation ist er ein Eingeweihter, ein Mystes, ein Kundiger und ein wirkungsmächtiger Künder und Vermittler der den Menschen im Alltagsbewußtsein unzugänglichen, außermenschlichen, übernatürlichen Kräfte.
Unter den zahlreichen Aufgaben des Schamanen ist das Heilen von Krankheiten eine seiner vornehmsten. Als spiritistischer (das heißt mit Geistern umgehender) Heiler wirkt der Schamane neben anderen Trägern von kurativen Funktionen, neben dem Kräuterkundigen, dem Knochenspezialisten, den verschiedenen Organspezialisten, neben der Hebamme. Der Schamane vermittelt nicht ichhaft, sondern medial immaterielles, nicht technisches, "geistiges" Heilen. Die Voraussetzung des Heilens ist die Diagnose. Der Schamane hat im besonderen Bewußtseinszustand den diagnostischen Durchblick in den Leib des kranken Menschen. Er "weiß" dann unmittelbar, was der Kern der Erkrankung ist. Im besonderen Bewußtseinszustand der Ekstase geschieht der diagnostische Prozeß: das Erkennen der Krankheit und ihrer Ursachen als Voraussetzung für das Finden der rechten therapeutischen Maßnahmen. Es sind zwei hauptsächliche Krankheitsdeutungen des Schamanen zu unterscheiden:
Die meisten physischen Beschwerden können durch das Eindringen böser Geister erklärt werden. Sie zu erkennen und ihre Macht einzuschätzen, ist die Vorbedingung für ihre Austreibung, Bannung. Gleichzeitig hat der Schamane festzustellen, was seinen Patienten so schwächte, daß böse Geister eindringen konnten: Sünde durch eine Tabuverletzung oder schwarze Magie durch übelwollende Nachbarn, durch schwarze Schamanen, durch Hexer und Zauberer.
Krankheiten mit Bewußtseinsstörungen, besonders Bewußtseinsverlust, werden meist als Seelenverlust gedeutet: die Seele wurde geraubt, entführt. Dann muß der Schamane ihren Aufenthaltsort in der Anderwelt feststellen und sie zurückholen. Dazu unternimmt er in der Ekstase die Reise in diese Anderwelten.
Die schamanischen Heilmaßnahmen sind vielfältig, sie sind im wahrsten Sinne psychophysisch. Berührung, Extraktion, Massage, Saugen, magische Chirurgie dienen der Entfernung der materialisierten, aber ursprünglich spirituellen Krankheit. Apotropäisches Bespeien, Anhauchen, beschwörende Rufe und bannende Gesänge, Erzählungen von der Reise und ihre dramatische Ausgestaltung haben eine rekonstruktive Wirkung. Das ganze Heilritual, das Geborgenheit, Führung, Sichanvertrauen vermittelt, kann sich über Stunden und Tage erstrecken. Es wird in Begleitung von Angehörigen vollzogen, vielfach auch der ganzen Gemeinschaft. Dadurch entsteht ein erheblicher gegenseitiger Steigerungsprozeß der psychophysischen, emotional affektiven und vegetativen Wirkungen.
Neben dem Heilen hat der Schamane noch viele andere Aufgaben. Er induziert die Konzeption bei der Begattung, begleitet komplizierte Geburten und Wochenbett. Er ist gegenwärtig bei den Initiationsriten und beim Sterben. Dem Schamanen obliegt die Sorge für die Verstorbenen, für die Geister der Ahnen.
Der Schamane ist Opferpriester, der die Geister besänftigt, günstig stimmt, abwehrt. Er ist der Psychopompos, welcher die Seele geleitet, verlorene Seelen zurückholt. Als Thanatopompos begleitet er die Seelen der Verstorbenen in ihren neuen Aufenthaltsbereich.
In Not und Krieg ist der Schamane Berater.
Der Schamane ist Lehrer und Wahrer der Kosmologie, der Religion, der Mythologie. In jeder Sitzung erneuert er mit der spürbaren Präsenz der Geister die Religion seines Volkes.
Er ermöglicht die Einbettung des Menschen in seine natürliche Umwelt mit ihren Gefahren. Er sorgt für den Erfolg des Sammelns, des Jagens, des Fischens, für das Gedeihen der Ernte auf den Feldern und Äckern. Er ruft befruchtenden Regen und bannt gefährliche Unwetter und Naturkatastrophen. Er hat Einfluß auf die Fruchtbarkeit von Wild und Haustieren.
Durch seine übernatürliche Begabung kann er Verlorenes suchen: Gegenstände, verlaufene Tiere, verirrte Menschen. Er sieht in Vergangenheit und Zukunft, er deutet Träume und Vorzeichen anderer Art. Durch den Einsatz des Wortes, des Gesangs, der Erzählung, der dramatischen Darstellung ist der Schamane Sänger, Musiker, Dichter. In der Herstellung seiner Ausrüstung ist er Handwerker, der um die spirituell-numinose Bedeutung alles bloß scheinbar Materiellen weiß. In der Eintragung der bedeutungsvollen Zeichen und Gegenstände ist er bildender Künstler

Berufung oder Wahl


Zum Schamanen kann eine Frau oder ein Mann irgendwann im Leben spontan berufen werden, sogar gegen den eigenen Willen. Manchmal wird diese Aufgabe auch aktiv gesucht. Oder die Familie, der Stamm trägt den Wunsch an ein Mitglied heran, es möge sich für eine solche Funktion bereit finden. Auch können ältere Schamanen, die ihre Kraft schwinden fühlen, ein Mitglied ihrer Gruppe als Nachfolger erwählen.
Manchmal sind es besondere Vorzeichen in der Schwangerschaft der Mutter und bei der Geburt, durch welche die Berufung angezeigt wird. Bei anderen sind es Träume und Visionen in spontan auftretenden besonderen Bewußtseinszuständen. Häufig sind es besondere Krisen, Leiden, Nöte, Krankheiten, welche den zum Schamanen berufenen Menschen auf diesen Weg zwingen. Frauen können oft spät, nach der Menopause, Schamaninnen werden.

 
Einweihung, Initiation

In der Einweihung erfolgt das Eigentliche und Wesentliche der schamanischen Befähigung: die Übertragung der Kraft. Diese Kraft, diese Macht ermöglicht es dem Schamanen, Diener der außermenschlichen, übernatürlichen Mächte zu sein und gleichzeitig auch als menschlicher Vertreter der Sozialgruppe wirkmächtig diesen außermenschlichen Kräften gegenüberzutreten. Die "Possession" des Schamanen hat eine doppelte Bedeutung: Aktiv-transitiv bedeutet sie Macht. Der Schamane hat Einfluß auf und Gewalt über die Geister, er kann sie beherrschen, lenken, herbeiholen, bannen. Im passiv-intransitiven Sinn bedeutet Possession, daß der Schamane mit seinem bewußten ichhaften Willen zurücktritt, seine Seele auf die Reise schickt, aus dem Körper austritt und diesen Körper als Wirkstätte von Geister-Kräften zur Verfügung stellt. Dann ist der Schamane zwar noch in seiner leiblichen Physiognomie da, ist aber ein anderer geworden: Metamorphose , Transsubstantiation . Der Schamane hat dann die Geister impersoniert.
Die Übertragung der Kraft in der Initiation geschieht (wie die Berufung, von der sie sich nicht immer klar unterscheiden läßt) in Traum und Visionen, in Naturereignissen , in spontanen oder provozierten Ekstasen oder in der sogenannten Initiationskrankheit. Die sogenannte Schamanenkrankheit ist als Zuschreibung eurozentrischer Beobachter und ihrer übereilten Pathologisierungsneigung erkannt worden . Die Initiationskrankheit folgt bei aller Vielfalt der äußeren Erscheinung einem Grundmuster von Zerstückelung und Wiederherstellung, von Untergang und Selbstheilung. Darin ist das Prinzip von Untergang als Voraussetzung der Erneuerung und Wandlung. Es findet sich in verschiedensten Grenzsituationen, in Initiation und Krise, in toxischen und reaktiven und auch in sogenannten schizophrenen Desintegrationszuständen. Die initiale "Krankheit" ist nicht überall bekannt, aber wo sie vorkommt, wird sie als besondere Krankheit unterschieden. Die Symptomaufzählung allein genügt für eine Differenzierung nicht.
Solche Krankheitszustände können sich über Jahre erstrecken. Der Beistand anderer Schamanen und das eigene Schamanisieren sind wichtig für das Bestehen dieser Krise. Fehlen sie, so droht das Abgleiten in eine "gewöhnliche" Krankheit. Wenn der Initiant die sogenannte Schamanenkrankheit besteht, von der Bewußtseinsreise in die Anderwelten zurückkehrt in die Alltagswelt seiner Gemeinschaft, so ist er ein Gewandelter, er besitzt Macht über die Geisterwelt oder kann sich auch als Wirkstätte hilfreicher Geister zur Verfügung stellen. Er hat in der Wiederherstellung "neue Augen" eingesetzt erhalten . Er vermag mehr und anders zu sehen als gewöhnliche Menschen.

Lehre


Nach seiner Wahl oder Berufung und nach der Übertragung der Kraft in der Initiation kommt die oft jahrelange Lehrzeit bei einem älteren Schamanen. In dieser Lehrzeit lernt der neue Schamane die Selbstinduktion verschiedener Bewußtseinszustände, das Sich-Hineinversetzen in die Ekstase und die Rückkehr aus dem veränderten Bewußtseinszustand. Er lernt den Umgang mit den Hilfsmitteln zum Schamanisieren, seinen Berufsinstrumenten, seiner Ausrüstung. Er lernt Mythologie, Kosmologie, Anthropologie, die Seelenlehre , die Geschichte, die Tradition und Ethik seines Volkes. Er wird zum Geschichts- und Geschichtenerzähler, zum Epiker, zum Lehrer, Berater, geistlichen Führer seines Volkes.

Die besonderen Bewußtseinszustände


Der besondere Bewußtseinszustand des Schamanen wird als Trance, Ekstase, Possession, auch als dissoziierter Bewußtseinszustand bezeichnet . Besonders die Bezeichnung "dissoziierter Zustand" weist auf die wichtige Beobachtung hin, daß Realitätsbewußtsein und Selbstkontrolle teilweise auch in der Ekstase erhalten sind, daß der Schamane als "Meister der Ekstase" im Sinne von Eliade wechseln kann zwischen verschiedenen Bewußtseinszuständen.
Die moderne Bewußtseinsforschung  hilft, die Techniken der Induktion von besonderen Bewußtseinszuständen durch das Zusammenwirken von pharmakologischen und nichtpharmakologischen Induktionsmethoden zu ordnen. Von den Pharmaka sind es vor allem die verschiedenen Halluzinogene, bei deren Entdeckung, Gewinnung, Zubereitung und Anwendung die Menschheit bedeutende Kreativität bewiesen hat. Im asiatischen Raum spielt auch Alkohol eine Rolle, im südamerikanischen Raum grüner Tabaksaft. Zu den nichtpharmakologischen Methoden der Induktion von veränderten Bewußtseinszuständen gehören Bewegung und Gesang, rhythmisch und exzitatorisch eingesetzt. Dazu kommen Atemtechniken, vor allem Überatmung, Fumigation, Fasten, körperliche Erschöpfung, Torturen, andererseits auch Isolation, Monotonie des Rhythmus in Musik, mit der Trommel und Rassel, durch Singen und Tanz.
Veränderter Bewußtseinszustand bedeutet Erfahrung einer anderen Welt außerhalb des Alltagsbewußtseins mit seiner kontinuierlichen nicht umkehrbaren Zeit und dem dreidimensionalen Weltraum. Die logischen Gesetze des mittleren Tageswachbewußtseins, das Sichausschließen von Gegensätzen und die Stabilität von Identitäten gelten in dieser Anderwelt nicht. Da ist kein stabiles Ich mehr. Selbst die Erfahrungen der verschiedenen Sinne fließen ineinander, wie auch Wahrnehmung, innere Schau, Vorstellung, Fühlen, Ahnen, Zukunfts- und Vergangenheitsschau ineinander übergehen können. In dieser Anderwelt der veränderten Bewußtseinszustände schließt der Tod das Leben nicht aus, vorgeburtliche Existenz geht in nachgeburtliche über. Innen und außen sind nicht mehr geschieden. Gestalten sind vertauschbar in der ständigen Metamorphose animistischen Kräftespiels. Das aus der Perspektive des Alltagsbewußtseins historisch Ungleichzeitige kann dem Menschen im veränderten Wachbewußtsein gleichzeitig erscheinen. - Solcherart ist die andere Wirklichkeit, erfahren im Außeralltagsbewußtsein.
Die funktionelle Bedeutung der veränderten Bewußtseinszustände beim Schamanisieren ist klar. Im veränderten Bewußtseinszustand nämlich ist dem Schamanen das Erkennen (die Diagnose) und das Handeln (die Therapie) möglich. In dem besonderen Bewußtseinszustand der Ekstase geschieht auch die wichtige schamanische Reise. In der Ekstase geht die als vom Leib unabhängig gedachte Seele weg (es ist nur eine von vielen Seelen), der Leib bleibt anwesend. Die Seele kann entweder auf Reisen gehen in die Anderwelt, oder der zurückgebliebene entseelte Leib kann zur Wirkstätte des Schutzgeistes werden. Ist letzteres der Fall, steht der Leib des Schamanen medial zur Verfügung. Das sind zwei Hauptvorgänge in der schamanischen Ekstase: die extrakorporierte Seele geht auf die Reise, um sich der verlorenen Seele des Patienten zu bemächtigen. Oder der Schamane impersoniert im "entseelten" Zustand den Schutzgeist und die Hilfsgeister. Es sind mehrere Stufen, sozusagen Tiefendimensionen der Trance zu unterscheiden . Der Schamane beginnt mit oft stundenlangem Trommeln, Singen, Tanzen, Springen, Anrufen der Geister und inszeniert dabei imaginäre, verbale und averbale dramatische Darstellungen des Geschehens auf seiner Seelenreise. Schließlich erreicht er einen "wilden", ekstatischen, agitierten Höhepunkt der Trance. Diese kann manchmal mit Zuständen der Bewegungslosigkeit und Starre enden. Die Tiefe der Trance kann während der Session mehrmals wechseln.

 
Der Schutzgeist und die Hilfsgeister


Der persönliche Schutzgeist des Schamanen ist sein wichtigster Helfer. Er wird in der Inititation "gefunden", entdeckt, erworben. Oft ist es der Geist der schamanischen Vorgänger, deren Funktion der Initiant zu übernehmen hat. Entsprechend der Kulturstufe der Jäger und Sammler und der nomadisierenden Tierzüchter tritt der Schutzgeist häufig als Tier in Erscheinung. Er nimmt die Gestalt der Tiermutter an. Die Tiermutter des Schamanen zieht diesen auf, verschlingt seine Seele und gebiert sie wieder als Tier: das ist die Geburt des Schutzgeistes. Die Tiermutter ist die Verkörperung der schamanischen Kraft. In dieser totemistischen Verbindung von Tier und Mensch als Einheit ist der Quell der schamanischen Kraft. Menschliche und tierische Lebewesen bilden eine Sippe, sind miteinander verwandt, können sich ineinander verwandeln. Hilfsgeister, auch vielfach in Tiergestalt, können je nach Bedarf vom Schamanen und seinem Schutzgeist zugezogen werden. Sie können als Sendboten und als Kampfgefährten wirken.

 

Rituale


In der schamanischen Séance wird durch Wort, Gesang, Tanz jeweils neu improvisiert und inszeniert, was für Erfahrungen die Reise des Schamanen in die Anderwelt bringt. Der Tanz der Schamanen enthält zwei Elemente. Zum einen wird in der rhythmischen und exzitatorisch sich steigernden Bewegung die Selbstinduktion der Ekstase vorbereitet, gleichzeitig enthält der Tanz in pantomimischer Darstellung imitative Elemente, z. B. des Vogelfluges, Rittes, Kampfes. In der dramatischen Darstellung inszeniert der Schamane die Reise, er zeigt die Räume, durch die die Reise führt, die Gefahren, die Kämpfe, die zu bestehen sind, schließlich das Ziel der Reise, das Finden, Gewinnen, Mitnehmen, das Zurückbringen der verlorenen Seele, die Vertreibung übelwollender Geister, die Befriedung, Versöhnung, Restitution.

Ausrüstung des Schamanen


Der Schamane hat meistens eine besondere Ausrüstung. Das wichtigste davon sind seine Kleidung und seine Trommel (oder ein anderes Instrument zur Erzeugung rhythmischer Geräusche, z. B. eine Rassel).
Die Tracht stimmt zwar im allgemeinen in der Grundstruktur mit der lokalen Kleidung überein, kann bei manchen asiatischen und nordamerikanischen Völkern aber auch transvestitische Elemente aufweisen. Die Kleidungsstücke müssen aus dem Fell oder Leder besonderer Tiere und mit besonderen Instrumenten hergestellt werden. Zum Teil werden auch mehrere Kleidungsstücke, je nach Oberwelt- und Unterweltfahrt benötigt. Die Kleidung kann mit Farben geometrisch, mit Figuren von Tieren, Sonne, Mond, Sternen bemalt sein. Sie kann behangen sein mit Glocken, Schellen, Fransen, Metallstücken, mit Ketten, Masken (Darstellung des Schutzgeistes). An Handschuhen und Stiefeln läßt die Bemalung ihre Symbolik als Tierbeine erkennen . Auf dem Kopf trägt der Schamane eine besondere Kappe, einen Helm, ein geweihartiges Metallgebilde, Federn. Die Kleidung des Schamanen repräsentiert semantisch die Verbindung des Schamanen mit der Geisterwelt.
Zahlreich sind die Instrumente, die der Schamane für seine Tätigkeit braucht: Schale, Seil, Teile von Tieren, Kerzen und Musikinstrumente (Trommel, Rassel, Saiteninstrumente, Glocke, Schelle). Manchmal hat er auch noch Werkzeug für Tieropfer zur Hand.
Das bedeutendste Instrument des Schamanen ist seine Trommel. Sie ist das Medium seiner Reise. Sie wird zum Reittier, zum Pferd, Vogel, Rentier. Die Trommel ist Repräsentant des Schutzgeistes und materialisierter Träger der schamanischen Macht. Die Herstellung und Belebung der Trommel ist ein bedeutender Abschnitt im Werdegang des Schamanen. Das Suchen des geeigneten Baumes (oft Birke oder Lärche), das Gewinnen des Holzes, ohne den Baum dabei zu abzutöten, das Zurichten der Trommelform (rund, eiförmig, oval), das Bespannen mit dem Fell eines bestimmten Tieres sind aufwendige heilige Akte. In der Weihe der Trommel gewinnt diese ihre machtvolle Seele, ihr eigentliches unfaßbares Wesen .
Zum Flug in die Anderwelt gehört die räumliche Erhöhung: ein Pfahl, ein Baum, eine Leiter, eine Plattform können dazu dienlich sein.

 

Kosmologie, Ethik, Anthropologie


Der Kosmos ist im Ideogramm der Menschen dieser Kultur dreigeteilt: Erdenwelt, Überwelt und Unterwelt. Der Baum, der Pfahl, auch der Fluß verbindet als 'axis mundi' die drei Welten. Der sichtbaren Diesseitswelt ist eine energetisch-animistische transintelligible Welt zugehörig. Der Schamane kann sie sehen und beeinflußen. Der Mensch ist dem Ganzen verbunden, ist systematisch eingebunden in das Ganze des Kosmos. Diese Einbindung bedeutet Eingeordnetsein und Aufgehobensein genauso wie Verpflichtung oder Rücksichtnahme auf die Geisterwelt. Es ist eine ökologisch-systemische Ethik. Der Mensch hat darauf zu achten, die Geister, die Herren der Tiere und Pflanzen, des Flußes, des Sees, der Berge, des Wetters nicht zu kränken. So hat er z. B. auf der Jagd oder auf dem Fischfang im Beutegewinn Maß zu halten und hat dem Herrn der betreffenden Tierart Opfer darzubringen. Die Knochen des erlegten oder des geopferten Tieres sind sorgsam aufzubewahren. Aus ihnen konstituiert sich neu das Leben. Die Knochen repräsentieren die Kontinuität der Sippe des Lebendigen. Im Gegensatz zur kultischen Religiosität mit ihrer Trennung von Natur und Numen, mit ihrer Vorstellung von einer organischen chronologischen Kontinuität des Lebens, von der Urzeit der Schöpfung über die Gegenwart zur Zukunft, gibt es auf dieser Stufe der magischen Religiosität keine Trennung von Natur-, Mensch- und Geisterwelt. Das Numinose ist in der ubiquitären Hierophanie allgegenwärtig. Es gibt hier nicht das Bild vom unwiderruflichen linearen Zeitablauf des Weltgeschehens. Leben und Wiedergeborenwerden, Auferstehung, Zerstückelung und Wiederherstellung, Krankheit und Gesundheit stehen in einem anderen, zyklisch-uroborischen Zusammenhang als in der Sicht der rationalistisch-aufgeklärten Kultur, in der das Weltbild des Alltagsbewußtseins dominiert.
Der Körper des Menschen, sein Skelett, enthält die Elemente der Welt, geschwisterlich allem Lebendigen verbunden und auch in alles verwandelbar. Seine 'vis vitalis', das was ihn lebendig macht, ist seine Körperseele. Neben der Körperseele gibt es noch mehrere andere Seelen. Diese können den Leib verlassen, ohne daß dieser deshalb absterben muß. Diese "Freiseele" verläßt den Leib des Schamanen in der Ekstase. Sie ist es, die auf Reisen geht. Die Freiseele des Schamanen kann sich verwandeln in andere Wesen, meist Tiere. Bei manchen sibirischen Schamanen beginnt die Lehrzeit schon vorgeburtlich. Der noch nicht geborene Schamane sieht vom Baum oder Berg aus die Krankheitsgeister und ihre Wege. Er wird von den schamanischen Vorfahren zerstückelt, sein Fleisch (der weibliche Anteil) und seine Knochen (der männliche Anteil und der Garant der Sippenkontinuität) werden an die Krankheitsgeister verteilt. Der zukünftige Schamane kann nur die Krankheiten heilen, deren Geister von seinem zerstückelten Körper gegessen haben. Die Skelettierung setzt die Seele frei, in andere Welten zu gehen. Die Knochen werden dann wieder zusammengesetzt und mit Fleisch von Verwandten belebt. Das garantiert die Kontinuität des schamanischen Wissens um die Macht in der Sippe

Soziale Position

Der Schamane wird aufgrund seiner Macht gebraucht, verehrt, aber auch mit Scheu betrachtet. Er ist eine ambivalente Gestalt, unentbehrlich und zugleich gefürchtet. Durch seine paranormalen Fähigkeiten ist er eine marginale Gestalt, anders als die weltliche Zentralfigur des Stammeshäuptlings und anders als in den Hochreligionen der Priester als religiöser Funktionsträger.

Typen von Schamanen


Die Ethnologie hat zahlreiche lokale Variationen des Schamanen aufgezeigt . Es gibt spontanes und intendiertes, sporadisches und familiäres Schamanentum. Es gibt große, mächtige und kleine, wenig befähigte Schamanen. Es gibt weiße Schamanen von hohem karitativem Ethos und schwarze Schamanen, die Böses wirken. Männer und Frauen können Schamanen werden. Bei beiden ist Transvestismus und partieller Transsexualismus bekannt, teils nur während des Schamanisierens, teils als dauerndes Verhalten (auch Ehe mit Menschen gleichen biologischen Geschlechts)

 

Du magst denken - ich bin nur ein Fels.
Der in Stille und Dumpfheit auf der Erde liegt.
Das bin ich aber nicht.
Ich bin ein Teil des Lebens.
Ich lebe für die, die wach sind.
Ich bin hier, um zu helfen.

 
 
 
 
Die Nabelschnur
 


     Wir besitzen spirituelle, feinstoffliche Organe, die vielseitig eingesetzt werden können. Eines davon (neben dem dritten Auge) ist die Nabelschnur. Jeder Mensch besitzt eine solche, und im deutschen Sprachgebrauch ist sogar ein Rest von Wissen vorhanden, wenn der Ausspruch "an etwas hängen" in diesem Zusammenhang gesehen wird.

     Die Nabelschnur entspringt unserem Nabel, auch in spiritueller Hinsicht. Von dort aus können wir sie erwecken und gebrauchen. Die Erweckung geht denkbar einfach mit der Kraft der Imagination. Ein hell leuchtendes Gebilde, einer Schnur ähnlich und pulsierend wächst langsam aus dem Nabel heraus und unterliegt in seinen Bewegungen dem eigenen Willen. Es ist ein energetisches Organ, mit dem viele verschiedene Dinge ausgeführt werden können.

    Wenn das innere Auge am Ende der Nabelschnur gesetzt wird, kann sozusagen um die Ecken gesehen werden, eben dorthin, wohin sich die Nabelschnur bewegt: In den Körper von Klienten, durch Mauern oder in Pflanzen und Tiere. Diese Sichtigkeit kann erstaunlich genau sein.

    Die Nabelschnur kann zum Austausch von Energien oder Kraft verwendet werden innerhalb schamanischer Behandlungen (dabei aber nur sehr vorsichtig damit umgehen), im Sexualleben (mit dem Partner) als erweiterte Form des Kleinen Kreislaufes aus dem Tao Yoga. In Trommelkreisen kann mit der Nabelschnur ein Kreis mit Speichen gebildet werden: Den Kreis bilden die Teilnehmenden und die Nabelschnüre treffen sich in der Mitte, wo sich die Weltenachse befindet.

Ein weiterer Aspekt dieser Anwendung ist das Ziehen von Kraft aus Zielobjekten. Viele Menschen führen dies unbewußt aus (siehe energetischer Vampirismus). Die Kraft von Pflanzen, Bäumen, Naturerscheinungen oder auch von lebenden Personen kann durch diese Nabelschnur gesogen werden. Dieses Saugen kann unter Zuhilfenahme von Atemübungen ausgeführt werden: Einatmen ist gleichbedeutend mit Einsaugen. Es erübrigt sich zu erwähnen, daß diese Technik dazu verleitet, mißbraucht zu werden. Wenn man diese Fähigkeit ohne Einverständniss des Gegenübers anwendet, macht sich nicht gerade beliebt ...

    Ein weiteres, breites Anwendungsspektrum ist die Gedankenkontrolle bei Tieren. Dabei umhüllt die Nabelschnur das Gehirn des Tieres. Nun hört der Schamanist zuerst in die Gedanken des Tieres, welche primäre Antriebe es im Moment bewegen. Dann beginnt man damit, diese Gedankengänge in sich schlüssig auf das gewünschte hinzuführen: Eine Ente die hungrig ist, könnte an einer bestimmten Stelle im Teich viel mehr Futter finden, oder ein Tier auf der Straße könnte plötzlich die Eingebung erhalten, daß ein Baum oder etwas auf dem Feld viel mehr Aufmerksamkeit verdient als das heranfahrende Auto (Da geschieht es innerhalb von Sekunden und sehr stark). Prinzipiell ist diese Anwendung auch beim Menschen möglich, jedoch sehr viel schwieriger zu bewerkstelligen.

     Die Nabelschnur kann auch als Sicherungsseil oder Führungsseil in schwierigen Gelände fungieren. Ein Ende wird am Zielobjekt (in Sichtweite) befestigt und ein weiteres am Ausgangspunkt. Das entstehende "Seil" zwischen beiden Punkten kann dem Schamanen sehr hilfreich sein, das Gelände zu meistern. Castaneda beschrieb in irgendeinem seiner Bücher, wie sein Lehrer diese Technik an einem Wasserfall demonstrierte.

    Wenn die Nabelschnur zurückgezogen wird, sollte sie wieder versiegelt werden, indem beide Hände mit der Intention des Verschließens auf den Nabel gelegt werden, wenn die Schnur vollständig zurückgenommen wurde. Auffallend ist, daß ein Mißbrauch kaum möglich ist, da zum Gebrauch dieser Technik die Klarheit und innere Ausgeglichenheit von absoluter Notwendigkeit ist. Da bleibt kein Platz für Selbstsucht, die aus Unausgeglichenheit resultiert.

    Wir hängen unbewußt an vielen Dingen. Nehmen wir einmal die Partnerschaft als Beispiel. Zwischen Ihnen und Ihrem Partner besteht ebenso eine Art Nabelschnur. Es findet ein energetischer Austausch zwischen den Partnern statt, der sehr einfach als Nabelschnur in der schamanischen Sicht visualisiert werden kann, wenn man sich darauf konzentriert. Ist das Ende einer Partnerschaft herangekommen, kann diese energetische Bindung einfach zurückgezogen werden (oder durchschnitten). Solche Saugschnüre können auch an materiellen Dingen heften. Auch da ist es mit einem Zurückziehen erledigt.

    Prinzipiell kann die "Nabelschnur" aus allen anderen Körperteilen austreten, es hängt davon ab, was der Schamane damit bewerkstelligen will. Aus der Stirn hat diese Schnur eher etwas mit Erkenntniss und der Sicht zu tun, aus dem Mund mit Wissen, aus Solarplexus mit Beeinflussung und aus dem Sexualorgan mit Sexualmagie.
 
Leidenschaft
 
 
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Respekt vor dem echten Schamanen


In der heutigen Welt sind an manchen Orten noch Reste einstigen Schamanentums nachweisbar. Schamanismus ist ein Komplex bestimmter konstitutiver Elemente, ein Syndrom, dessen Komponenten in verschiedenem kulturellen und religiösen Kontext auftauchen können .

Die Achtung vor dem Funktionsträger Schamane, welcher sogar in der heutigen, globalisierten, multikulturellen, kreolisierten Welt noch überlebt und nach den Bedürfnissen seiner Sozietät wirkt , sollte uns bewahren vor den Verführungen der Verfälschung und des Mißbrauchs. Die Idealisierung des Schamanen (oft die Vorstufe zur plakativ-werbeträchtigen Selbstattribution durch postmoderne und New-Age-Heiler oder zum touristischen Werbegebrauch) ist ebenso verfehlt wie die Entwertung als primitiv, archaisch oder gar die Pathologisierung des Schamanentums, besonders des Weges zum

Individuelle religiöse Praktiken, die auf einem persönlichen Spirit oder einem Totem beruhen, spielen im Leben der meisten Indianer eine bedeutende Rolle. Einige Menschen haben jedoch einen besseren Kontakt zur Geisterwelt als andere. Anthropologen bezeichnen sie meist als "Schamanen". Es sind spirituelle Führer, die außergewöhnliche Kräfte erworben haben und daher die Fähigkeit besitzen, zwischen den Welten zu wechseln. Viele Indianer lehnen den pauschalisierenden Begriff des Schamanen ab, weil er aus einer fremden Kultur stammt -nämlich jener der Tungus, Rentierzüchter aus Ostsibirien- und weil er der Vielfalt der spirituellen Führer nicht gerecht wird. Am ehesten paßt der Begriff des "Heiligen".
Sitting Bull Heilige können Menschen sein, die ohne ausdrückliche Suche in einer einzigen mächtigen Vision Einblick in die Zukunft nehmen dürfen. Zu dieser Kategorie gehören die berühmten Kriegshäuptlinge Sitting Bull und Crazy Horse. Sie nutzten ihren vereinzelten Kontakt mit der Geisterwelt besonders im Krieg. Für ihr Volk waren sie heilige Männer, aber sicher keine Schamanen. Diese Bezeihnung ist eher für eine andere Art heiliger Menschen angemessen. Sie halten mehr oder minder ständigen Kontakt zu den Geistern, gestalten diese anderen Welten und versuchen sogar, den Geistwesen ihren Willen aufzuzwingen wie etwa ein Yaqui-Schamane, der versucht, seinen Körper in den eines Tieres zu verwandeln.
Weiße nennen die heiligen Menschen manchmal auch "Medizinmänner", doch wird dieser Ausdruck oft abwertend gebraucht. Er scheint jedoch recht passend, wenn die Visionskraft eines Heiligen zur Diagnose und Heilung von Krankheiten eingesetzt wird.
Heilige gelten als Bindeglied zwischen der natürlichen Welt und jener der Geister. Im allgemeinen handeln sie zwar zum Wohle ihres Volkes, manchmal können sie ihre Fähigkeiten aber auch dazu einsetzen, feindlich gesinnten Personen oder Gruppen zu schaden.
Vorsorge, Diagnose und Heilung gehören zu den wichtigsten Aufgaben der Heiligen. Für Krankheiten kommen viele Ursachen in Frage. Sie können die Folge von Zauberei oder Hexerei sein. Die Apachen des Westens glauben, daß einige schwere Erkrankungen durch den falschen Umgang mit heiligen Dingen verursacht werden. Verletzt jemand die Tabus, welche die Dinge umgeben und in denen die heilige Macht wohnt, macht ihn dies krank. So wird beispielsweise die Hirschmacht verletzt, wenn man einen Hirschmagen kocht, die Zunge eines Hirsches ißt oder seinen Schwanz abschneidet. Wer auf den Schwanz einer Schlange tritt, wird genauso krank wie einer, der sich gegen einen vom Blitz getroffenen Baum lehnt. Einige Tabus wie das Verbot, ins Wasser zu urinieren oder auf einem Getreidefeld Fäkalien zu hinterlassen, haben offenkundig einen praktischen Hintergrund.
 

 
 
Wie man eine heilige Person wird

Bei den Crow unterziehen sich die meisten erwaschenen Männer körperlichen Qualen, um Visionen zu bekommen. Durch sie erhoffen sie spezielle Kampfkraft oder Reichtum. Den meisten Suchenden bleibt eine Vision verwehrt, daher haftet einem Scheitern kein soziales Stigma an.
Bei den Washo des Great Basin ist die heilige Kraft etwas, was unerwartet kommt und höchst unerwünscht ist. Sie zeigt sich zunächst in Traumfolgen, in denen etwa ein Tier oder ein Geist auftaucht. Eine solche Vision verleiht ihnen Macht, die sie jedoch fürchten. Sie erscheint ihnen um so gefährlicher, je genauer sie beschrieben wird. Man kann dieses Angebot zwar ablehnen, doch fügt das Geistwesen Wegaleyo dem Träumer in diesem Fall Leid zu. Gibt er schließlich nach, unterweist ihn Wegaleyo in die Kunst des Träumens. Er lehrt ihn sein persönliches heiliges Lied und zeigt ihm Objekte, Orte und heilige Praktiken wie rituelle Waschungen. Vom Träumer wird erwartet, sich einen anerkannten Heiligen zu suchen, der ihn in die Kunst der Fingerfertigkeit, des Bauchredens und anderer Fähigkeiten unterweist.
Bei den Upper Skagit des Staates Washington geben sich die Schamanen erst zu erkennen, wenn sie öffentlich zu wirken beginnen. Sie entscheiden selbst, ob sie Schamanen werden, nachdem sie die nötige Geisteskraft durch Fasten oder über Visionen errungen haben. Viele Heilige der Upper Skagit warten, um geistige Kraft zu erlangen, bis zur Mitte ihres Leben, in der sie den schamanistischen Geist von einem verstorbenen Elternteil oder Bruder erben können.
Erkrankt jemand, wird eine heilige Person gerufen, um die Ursache der Krankheit zu ergründen und sie zu heilen. Bei den Apachen des Westens sind die Heilungszeremonien eine kollektive Angelegenheit. Der Heilige oder einer der Ältesten erzählt Geschichten über den Ursprung des Rituals, um die Konzentration und die Zuversicht der Gemeinschaft zu stärken. Die Zeremonie selbst beginnt mit einem Feuer und Trommelschlägen. Daraufhin begibt sich der Heilige zum Patienten und setzt sich singend ans Feuer, während der Patient für nahezu zwei Stunden bewegungslos verharrt. In einer Pause trinken Heiler und Zuseher ein vergorenes Korngetränk namens Tulpai (Tulapai: von den Apachen in früheren Zeiten hergestelltes Getränk mit geringem Alkoholgehalt); währenddessen kämpft der Patient darum, wach zu bleiben. In den Morgenstunden, etwa um drei Uhr, werden die Gesänge wiederaufgenommen, bei denen der Heilige die Geister des schwarzschwänzigen Hirsches und der Ga´an genannten Wesen anruft. Im Morgengrauen hält er mit seinem Gesang inne, besprenkelt den Kopf und die Schultern des Patienten mit Rohrkolben-Blütenstaub und schlägt zur Erleichterung der Beschwerden mit Gras gegen die Stirn des Kranken. Erschöpft singt der Heilige zum Abschluß zwei weitere Lieder.
Ein Heiliger ist nicht nur Beschwörer: Er besitzt ein in langen Lehrjahren erworbenes, substantielles Wissen über jene Kräuter und Pflanzen, die wirksame Arzneimittel sind und heilende Wirkung haben.
Ein Heiliger ganz anderer Art ist der Wahrsager, der für seine Aktivitäten eine besondere Begabung braucht. Im Prinzip geht er bestimmten Dingen auf den Grund: Ein Wahrsager ist in der Lage, die Ursache von Hexenkraft oder Zauberei aufzuspüren, er kann helfen, verlorene oder gestohlene Dinge wiederzufinden, und den erfolgreichen Verlauf einer Jagd vorherzusehen.
Wahrsager unterstützen auch Heiler dabei, herauszufinden, welches Tabu ein Patient gebrochen hat. Sie sind oft daran beteiligt, die richtige Behandlungsprozedur oder den richtigen Zeitpunkt für die notwendigen Rituale zu bestimmen, und beraten den Patienten bei der Entscheidung, welchen Heiligen er als Beistand rufen soll.
Die Huronen kennen drei Arten von Wahrsagern. Die einen finden verlorene Gegenstände, andere können die Zukunft vorhersagen, und die dritten vermögen Krankheiten zu heilen. Die Heiler heißen Ocata oder Saokata. Jeder hat seinen Oki oder Geistverwandten, der ihm die Krankheit im Traum zu erkennen gibt. Manche finden die Antwort im Feuer, andere versetzen sich in Ekstase, fasten oder schließen sich in eine dunkle Schwitzhütte ein.
Navajo Die verbreiteste Form des Wahrsagens bei den Navajo-Indianern ist das "Handzittern". Wird jemand krank, arrangiert ein Vermittler den Besuch eines Handzitterers. Wenn er kommt, setzt er sich zum Patienten und wäscht sich Hände und Arme mit einer Yuccawurzel, die für die rituelle Waschung vor Heilungszeremonien, Hochzeiten oder anderen sakralen Anlässen benutzt wird. Dann nimmt er Blütenstaub und streut ihn dem Patienten auf die Fußsohlen, die Knie, die Handflächen, die Brust, zwischen die Schultern, auf den Kopf und in den Mund.
Danach nimmt der Heiler etwa einen Meter entfernt zur Rechten des Patienten Platz, nimmt noch mehr Blütenstaub und bestreut die Innenseite seines Armes ab dem Ellenbogen bis hinunter zu den Fingerspitzen. Dabei betet er: "Schwarzes Gila-Monster, sag mir bitte, was diesem Patienten fehlt; ich schenke dir eine Jett-Perle, wenn du mir sagst, welche Krankheit er hat." Er wiederholt dieses Gebet für jeden Finger, wobei er jedes Mal sowohl dem Gila-Monster (eine Art Eidechse) als auch der Perle eine neue Farbe zuschreibt. Danach singt er ein "Gila-Monster-Lied", wobei seine Hand und sein Arm bisweilen heftig zittern.
Dieses Zittern liefert ihm die Information, die er sucht. Wird das Handzittern zu anderen Zwecken als dem Diagnostizieren von Krankheiten eingestzt, muß dabei der Ratsuchende nicht anwesend sein. Für verlorene Gegenstände wird ein Kleidungsstück verwendet. Bei einem Diebstahl macht ein Handzitterer den Verdächtigen ausfindig und packt ihn an den Schultern.
 

SPIRITUELLE SUCHE

 
Viele indianische Überlieferungen stimmen darin überein, daß einige Menschen die unbestimmte Grenze zwischen den Welten nie überschreiten. Für all jene, die über besondere Gaben oder Merkmale verfügen, ist diese Grenze jedoch keine Barriere. Einige fürchten diese Geisterwelt und weichen ihr aus. Andere versuchen hingegen aktiv, mit dieser Dimension in Kontakt zu treten. Und wieder andere überkommt die Macht der Geister ungebeten.
Die Kraft der Geister ist eine mysteriöse Macht, die aus allen Naturerscheinungen hervortritt. Die wenigen Indianer, die bereit sind, diese Erfahrung zu beschreiben, sprechen von etwas Immateriellem, einem hellen, weißen Licht, der Sonne gleich. Sie glauben, daß Menschen ohne die Kraft des Spirits unfähig und schwach sind, daß sie aber Stärke und Tatkraft entwickeln, wenn sie diese geistige Kraft erringen.
Geister und spirituelle energien werden durch Visionen hervorgerufen. Sie erscheinen wie bei den Plains-Völkern in einsamer Visionssuche. Personen, die an Zeremonien wie dem Sonnentanz teilnehmen, können durch die rituelle Reinigung oder über den Verlust des Ichs durch Fasten oder physischen Schmerz ebenfalls eine Vision erfahren. Auch in Bewegungen wie dem Geistertanz haben manche infolge der physischen Erschöpfung die Vision einer anderen, besseren welt. Schließlich kann auch der Genuß des Peyote-Kaktus im Zusammenspiel mit Gemeinschaftsgesängen und Trommelrhythmen Visionen erzeugen.
Bisweilen überträgt sich die Kraft durch den Besitz eines gewissen Gegenstandes. Viele lokale Stämme der Plains und des Südwestens glauben, daß der kreisförmige, lederne Rahmen eines Schildes, der mit Hilfe eines Heiligen hergestellt wird, als Symbol für diese Welt die Schutzgeister anzieht. Zur Verstärkung seiner Kraft kann man ihn mit Federn und anderen heiligen Dingen sowie mit Traum- oder Visionsbildern schmücken.
Ungebetene Geister kommen meist in Träumen. Die Mohave im Südwesten oder die Irokesen im Nordosten glauben, daß Träume direkte Energiekanäle aus der Geisterwelt zu den Menschen sein können. Die Menominee aus dem Gebiet um die Großen Seen halten sämtliche Träume für bedeutungsvoll und schenken den darin enthaltenen Prophezeiungen oder Warnungen große Beachtung. Wenn ein Mann beispielsweise oft vom Ertrinken träumt, fertigt er vorsoglich ein kleines Kanu als Talisman an, das er ständig bei sich trägt.
bleibt die Bedeutung eines Traumes unklar, sucht der Träumende die Hilfe eines Älteren. Man nimmt an, daß sich alte Menschen gegen Ende ihres Lebens näher an der Welt der Geister befinden. Träumt jemnd einen Traum, der auch von den Ältesten nicht gedeutet werden kann, oder träumt jemand überhaupt nicht, ist er von der Kraft der Geister getrennt.

Medicine Deer Rock Medicine Deer Rock in Montana, wo Sitting Bull, der Häuptling der Hunkpapa-Teton-Dakota, eine Vorahnung seines Sieges in der Schlacht gegen General Custer bei Little Bighorn im Jahre 1876 hatte.

DIE VISIONSSUCHE


Viele Stämme nehmen in einer einsamen Vision Quest Kontakt zu den Geistern auf, um mit ihrer sprituellen Kraft in Verbindung zu treten. Eine solche Visionssuche ist mehrmals auch im Alter noch möglich, obwohl es traditionell eine Sache der Jungen ist. Die Peer Skagit aus dem Westen des Staates Washington glauben etwa, daß die Geister von jeder Altersgruppe kontaktiert werden können, aber ihrer Tradition zufolge schicken sie ihre Kinder ab dem 5. Lebensjahr bis zur Pubertät auf Visionssuche. Die meisten Indianernationen glauben, daß die Erfahrung einer Vision für beide Geschlechter wichtig ist.
Um für Geister empfänglicher zu werden, muß der Visionssuchende innerlich und äußerlich rein sein, was durch einsames Fasten und Baden in Schwitzhütten erreicht wird. Die Dauer des Fastens ist davon abhängig, welche spirituelle Kraft angestrebt wird.
Kinder erhalten Anleitungen, welchen Geist sie suchen sollen. Ein Junge bekommt etwa einen Bogen mit, der ihm helfen soll, die Vision eines Jagdgeistes zu bekommen. Zunächst soll das Kind über seine Vision nicht sprechen, bis es älter geworden ist. Genauso wichtig ist, daß der junge Mensch seine neu erworbene Kraft nie leichtfertig gebraucht.

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ÜBERGANGSRITEN

Die meisten indianischen Kulturen bekräftigen bedeutsame Abschnitte im Leben einer Person -wie Geburt, Pubertät, Jugend Heirat und Tod- mit Ritualen, in deren Verlauf der Wechsel von einem alten Zustand in einen neuen feierlich dargestellt wird. Diese Zeit des körperlichen Wandels gilt als besonders gefährlich, aber auch als außergewöhnlich chancenreich.
Ungeborene und neugeborene Kinder sind besonders verletzlich, und viele Stämme halten sich zu ihrem Schutz an bestimmte Tabus. Bei den Cherokee-Indianern ißt eine schwangere Frau aus Angst, ihr Kind könne Flecken im gesicht bekommen, keine gesprenkelte regenbogenforelle. Die Apachen meiden Eier, um ihr Kind vor Blindheit zu bewahren, und tierzungen, um eine Sprachbehinderung zu vermeiden.
Die dramatischsten Initiationsriten begleiten den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenen. Diese Rituale ähneln einander in den meisten Stammesgesellschaften auf der ganzen Welt. Oft beinhalten sie eine Periode physischer Isolation, um jene Lösung vom früheren Status zu unterstreichen. Diese kurze Verbannung kommt einem Zwischenstadium des " Nichtseins" gleich und ist oft mit einer Prüfung der physischen Ausdauer, der Schmerzunempfindlichkeit oder des Verlustes verbunden. Meist endet dieser Vorgang mit einem Ritual, der die Eingliederung in die neue Gruppenzugehörigkeit vollendet. Der Nozihzho (Stehschlaf)-Ritus der Omaha weist nahezu alle diese elemente auf. Er besteht aus einem viertätigen Fastenritual, dem sich alle männlichen Jugendlichen der Omaha (und alle weiblichen, die es wünschen) unterziehen. Der Name bezieht sich auf die Trance, die die Jugendlichen im Verlauf des Rituals erfahren. Die Welt um sie versinkt, und ihr Bewußtsein richtet sich nach innen. Das Ritual vollzieht den Ursprungsmythos der Omaha nach. Der Initiand sucht sich eine einsame Stelle, wo er über seinen Kopf Lehmbrocken streut - zu Ehren der Tiere, die Lehm aus den Tiefen des Wasser herauftauchten, aus dem die Erde geschaffen wurde. Daraufhin betet der Knabe zu Wakoda, jener gehimnisvollen Macht, die die ganze Natur beherrscht. Er bemüht sich, seine Gedanken auf Gesundheit und Erfolg zu richten, ohne dabei etwas Spezielles zu erbitten.
Wakoda, so glaubt man, antwortet durch eine Vision oder einen Traum, in dem ein Tier vorkommt und dem Initianden ein persönliches Lied vermittelt wird. Dieses Lied ist ein Glückstalisman, den den jungen Menschen mit den Mächten des Universums verbindet. Er kann dieses Lied sein ganzes Leben hindurch einsetzen, um seine Schutzgeister zu rufen.
Nach seiner Rückkehr von dem Ritual wartet der junge Mensch vier Tage, bevor er den Rat eines Ältesten einholt, der einen ähnlichen Traum hatte. Dann erst sucht er das Tier, welches ihm in seiner Traumvision erschienen ist, um es zu töten. Ein Teil kommt in seinen persönlichen Medizinbeutel, den er in den Krieg mitnimmt und bei Ritualen verwendet.
Das Nozihzho-Ritual ist nicht ganz ungefährlich. Ein Schlangentraum verheißt nichts Gutes. Träumt der Knabe vom Mond und wacht dabei zur falschen Zeit auf, mußte er die Mannwerdung aufgeben und als Mixuga leben, der vom Mond unterwiesen wird. Als solcher kleidet er sich wie eine Frau und trägt langes Haar statt des "Hahnenkamms" (einem bis auf einen Mittelstreifen kahlrasierten Schädel). Er geht nicht auf die Jagd und zieht nicht in den Kampf, sondern widmet sich wie die Frauen der Saat und der Ernte und dem weiblichen Handwerk.
Brautwerbung Zur Brautwerbung gehören spezielle Instrumente. Die Männer der Lakota z. b. bringen jungen Frauen mit eigens für die Brautwerbung gefertigten Flöten ein Ständchen. Sie werden oft mit Tieren beschnitzt - meist mit Vögeln, die für ihre auffallenden Balztänze bekannt sind.
Viele Ureinwohner Nordamerikas betrachten die Heirat als einen Status, der bis zum Tod währt, und die Heiratsrituale mancher Völker spiegeln dies auch deutlich wider. Die traditionellen Hochzeiten der Hopi beginnen im Morgengrauen. Das Paar streut Getreide-Mehl über die östlichen Grenzen des Tafelbergs der aufgehenden Sonne entgegen. Die Familie des Bräutigams webt für die Braut zwei weiße Baumwoll-Hochzeitskleider mit gefransten Schärpen. Eines trägt die Braut während der Hochzeit; das andere wird zu ihrem Leichentuch. Diese Zwillingskleider betonen ihren Status und erleichtern beim Sterben den Weg in die Geisterwelt.
Kinaalda


Kinaalda, eine Sandmalerei des Navajo-Pupertätsritus für Mädchen. Sie zeigt den ersten Kinaalda-Ritus, den "Verwandelnde Frau", die Tochter von "Erster Mann" und "Erster Frau", bei ihrer ersten Menstruation vier Tage nach ihrer Geburt feierte. Kinaalda wird bis zum heutigen Tag praktiziert und ist Teil des Segensweges, eines Übergangszyklus der Navajo.

Die Macht der Frauen

Als Gebärende ist die Frau ein Abbild von "Mutter Erde". Sie wird verehrt, ihre Macht wird manchmal jedoch auch gefürchtet. Die einsetzende Menstruation gilt wie andere Übergangsperioden als Zeit außergewöhnlicher Macht und potentieller Gefahr. Übergangsriten, die anläßlich der ersten Periode stattfinden, isolieren das Mädchen meist in einer kleinen, außerhalb des Dorfes liegenden Menstruationshütte. Die Betroffene wird über die vielen Tabus aufgeklärt, die sie während der kommenden Menstruationen einzuhalten hat. Ein Grund für diese Tabus ist die Überzeugung, Menstruationsblut sei eine gefährliche substanz, die heiligen Gegenständen ihre Macht entzieht und Krankheit mit sich bringt.
Die Zeit der monatlichen Blutung unterwirft die Frauen strengen Verhaltensregeln, da sie gleich mehrere Tage ihren täglichen Aufgaben nicht nachgehen können. Gleichzeitig ist es jedoch eine Zeit der Ruhe und Regeneration.
Die Lakota bezeichnen diese Zeit der weiblichen Zurückgezogenheit als Isanti oder "alleine wohnen". Sie glauben, daß die Menstruation eine Art der natürlichen Reinigung sei. Deshalb müssen sich die Frauen -anders als die Männer- nicht zur regelmäßigen rituellen Reinigung in die Schwitzhütten begeben.

Mimbres-Schale


Diese prähistorische Schale von Indianern des Mimbres-Tales, New Mexico, wurde vor der Beigabe in ein Grab gleichsam "getötet", indem man sie durchlöcherte. Wahrscheinlich wurde so die auf der Schale abgebildete Gestalt befreit, die daraufhin den Toten in das Jenseits begleitete.

 

Der Tod und das Leben danach

Zwar unterscheiden sich die indianischen Bräuche und Glaubensvorstellungen vom Ende des Lebens von Nation zu Nation, doch glauben viele Völker, daß ein Individium zumindest zwei Seelen besitzt. Eine ist frei und kann den Körper im Traum oder während einer Krankheit verlassen, die andere ist Leibgebunden. Erstere geht nach dem Tod in das jenseitige Leben ein; zweitere stirbt mit dem Körper.
Die Navajo glauben, daß der Tod eintritt, wenn der bei der Geburt in den Körper fließende Atem des Lebens wieder weggeht. Im allgemeinen werden die Toten gefürchtet, da die Güte eines Toten die Balance und Harmonie des Universums zwar fördert, das in Form eines Geistes zurückbleibende Böse jedoch den Lebenden Schaden zufügen kann.
Die von den Toten am stärksten bedrohten Menschen sind jene, die ihnen im Leben am nächsten standen. Bei den Tlingit der Nordwestküste führen daher oft Fremde die Begräbnisrituale durch. Wie bei anderen Übergangsriten auch, müssen die Toten abseits der Gemeinschaft ihre Bindungen an die lebende Welt unterbrechen. Die Yuma im Südwesten verbrennen den Wohnsitz der Verstorbenen; wenn Verwandte weiterhin dort leben, bauen sie eine neue Tür oder einen Rauchabzug, damit die Toten den Weg zurück in das Haus nicht finden. Der Leichnam wird verbrannt, unter einem Erdhügel begraben oder auf einem Gerüst unter offenem Himmel aufgebahrt. Die Wanagi- ("Schattendinge") Geister der Lakota bewachen die Gräber und stiften Unheil, wenn die Totenruhe gestört wird.
Die meisten Völker glauben zwar an ein Leben nach dem Tod, aber keineswegs immer an die stereotypen "ewigen Jagdgründe". In den meisten Traditionen folgt die Seele dem Schöpfer in die Ewigkeit. Die Delaware glauben, daß die körpergebundene Seele zuvor zwölf kosmische Schichten zu durchlaufen hat.
Oft gilt das Jenseits als eine Art Zwischenstation vor der Wiedergeburt. Andere pflegen das Bild einer umgekehrten Welt, in der die Flüsse stromaufwärts laufen, die Jahreszeiten vertauscht sind und die Menschen mit gekreuzten Füßen tanzen. Da die Toten oft daran leiden, nicht mehr zu leben, sollten die Lebenden ihnen ihre Pein erleichtern. Als Ausdruck der Trauer schlagen sich einige, andere schneiden sich die Fingerspitzen ab. In vielen Fällen existieren Trauerzeiten, oder es werden Speisen kredenzt, um dem Toten den Übergang in das Jenseits zu erleichtern. Manchmal werden die Menschen -wie im Fall der Hopi-Bräute- von früher Jugend an auf den Tod vorbereitet.

RELIGIÖSE BEWEGUNGEN

Die restaurativen Bewegungen Nordamerikas entstanden, um die Werte der Ureinwohner zu bestätigen, wo veränderte Bedingungen die traditionellen Zeremonien sinnentleert oder umpassend werden ließen.
Es gab zwei Arten restaurativer Bewegungen: den "Revitalismus" und den "Millenarismus". Beide übernahmen in unterschiedlichem Maße Glaubensvorstellungen und Praktiken der herrschenden weißen Kultur. In der ersten Variante konnten die Indianer der Kritik der Weißen zuvorkommen, indem sie einige christliche Formen und Symbole übernahmen und traditionelle Elemente eliminierten, die von den Missionaren als heidnisch, satanisch oder abergläubisch denunziert wurden. Einige Revitalisierungsbewegungen wie die "Handsome-Lake-Bewegung" und die "Native American Church" nahmen Ordensformen an, jenen der christlichen Kirchen vergleichbar. Innerhalb dieser Bewegungen war es möglich -gleichsam unter dem Deckmantel christlichen Beiwerks- , den Kern des traditionellen Glaubens zu erhalten.
Die zweite und im allgemeinen militantere restaurative Bewegung war der Millenarismus. Diese Bewegung entstand, als die Unterjochung durch die Weißen solche Ausmaße angenommen hatte, daß die traditionelle Kultur vor dem unmittelbaren Zusammenbruch stand. Sie wurden häufig von Propheten angeführt, die ein bevorstehendes, revolutionäres Ende der gegenwärtigen Ordnung und eine Rückkehr zu den traditionellen Bräuchen predigten.
Einige Gelehrte vermuten, daß diese Propheten der Indianer durch den Kontakt mit dem Christentum aufkamen. Sie schienen besonders von der Aufforderung Jesu an die Juden, zu ihren traditionellen Werten zurückzukehren, inspiriert gewesen zu sein. Andere halten jedoch dagegen, daß die indianischen Propheten ihre Wurzeln im Prophetentanz haben könnten, der bereits vor dem Kontakt mit dem Christentum existierte. Es handelt sich um einen kollektiven Tanz, der Prophezeiungen, Ermahnungen und Trance einschließt. Wie dem auch sei, die indianischen Propheten waren Erneuerer, die ihrem Volk neue Glaubensinhalte und Praktiken vermitteln wollten.
Die Propheten tauchten meist in Krisenzeiten auf, wie etwa der Zeit der Bedrängnis der Seneca vor dem Aufstieg von Handsome Lake. Viele waren Heilige wie Wodziwob, der Prophet der Paiute. Andere besaßen überhaupt keine sakrale Bildung, dafür aber rednerische oder politische Talente. Die meisten wurden aufgrund persönlicher Visionen oder Träume Propheten.
Die erste große Revitalisierungsbewegung, die Handsome-Lake-Bewegung oder Langhaus-Religion, entstand im Nordosten. Sie formierte sich 1799 bei den Seneca, einem zum Irokesenbund gehörenden Stamm. Nach dem amerikanischen Unabhängigkeits-Krieg (1775-1783), bei dem die Seneca für die Briten Partei ergriffen hatten, wurde ihr Land konfisziert, verkauft oder geraubt. Die Nahrung wurde knapp, und der Alkoholismus beschleunigte den drohenden sozialen Zusammenbruch. Zu diesem Zeitpunkt träumte Handsome Lake (Häuptling der Seneca und religiöser Führer der Irokesen) von einer Begegnung mit Geistern, die den Seneca den Rat gaben, vom Alkohol und allen Tänzen außer einem Anbetungstanz abzusehen. Sie rieten auch zu einem friedlichen Arrangement mit den Weißen. In der Vision gab es einen Himmel und eine Hölle, die den Indianern alleine vorbehalten waren. Die Religion fand in den sechs Nationen der Irokesenliga großen Anklang und wird bis zum heutigen Tage praktiziert.
Andere Bewegungen taten sich zu Beginn des 19. Jh. hervor, wie die des Propheten der Shawnee und der Prophetin der Ojibwa, einer anonymen, charismatischen Frau, die die Region nördlich des Columbia River besuchte. Möglicherweise wurde der Wanapum-Prophet Smohalla, der "Priester", der zu den bekanntesten Propheten der Nordwestküste zählt, von ihr inspiriert.
Es handelte sich um einen Heiligen aus dem Flußtal des Columbia River, der 1860 verkündete, daß er aus dem Land der Geister käme. Er prophezeite, die Indianer bekämen ihre Besitztümer zurück, wenn sie sich weigerten, den Weg der Weißen zu gehen, die Mutter Erde durch Schürfen und Pflügen verwundeten. Die Prophezeiungen des Smohalla wurden die Grundlage vieler Geistertänze der Nordwestküste und der Plains.
Smohalla inspirierte auch mehrere restaurative Gruppen in Kalifornien, wo die tiefgreifende kulturelle Zerrüttung der Jahrhundertwende gleich mehrere Bewegungen ins Leben rief. Eine davon, die "Bole-Maru-Bewegung", kombinierte traditionelle Werte mit christlich inspirierten dualistischen Vorstellungen von Himmel und Hölle, Gott und Teufel. Sie wird bei einigen Völkern Kaliforniens nach wie vor praktiziert, wie in der um 1880 entstandenen indianischen Shaker-Kirche. Die Shaker behaupten, während Trancezuständen, die sich durch Anfälle heftigen Zitterns auszeichnen, ihre Macht unmittelbar von Gott zu bekommen. Die Kirche propagiert Heilung durch Glauben mit Hilfe von Liedern, die indianische Melodien mit einer Mischung aus traditionellen und christlichen Versen verbindet. Die wichtigsten Zeremonien, zu denen einige traditionelle Weltneuschöpfungsrituale gehören, werden rund um Ostern und im August abgehalten.

NAC

 Auf dieser Halstuch-Spange: ein Peyote und ein Halbmond-Altar,

 Symbol der Native American Church.

Die Native American Church


Zu den wichtigsten Wiederbelebungsversuchen indianischer Kultur gehört die 1918 in Oklahoma gegründete indianische Kirche, Native American Church (NAC), die manchmal geringschätzig auch Peyote-Kirche genannt wird. Mit ihren 250.000 Mitgliedern gilt sie als panindianische Bewegung.
Ursprünglich in Mexiko entstanden, verbreitete sich die Kirche nach dem jähen Ende des Geistertanzes in den Plains und wurde später auch im Mittleren Westen und Südosten populär. Ihre Mitglieder suchen Visionen, indem sie Stücke des leicht halluzinogenen Peyote-Kaktus zu sich nehmen, befolgen eine festgelegte Ethik, die Pflicht zur Nächstenliebe, Fürsorge für die gesamte Familie, Selbstvertrauen und Meidung von Alkohol beinhaltet.
Die Zusammenkünfte finden nachts statt, wobei traditionelle Instrumente verwendet werden. Gott ist ein großer Geist und Jesus ein Schutzgeist. Das Ideal der brüderlichen Liebe und einige der zehn Gebote gehören zu den zentralen Glaubensgrundsätzen. Trotz des streng rituellen Gebrauchs war Peyote eine Zeitlang verboten. Nunmehr wird seine Verwendung in der Native American Church weitgehend anerkannt, obgleich viele Weiße nach wie vor um ein Verbot kämpfen.

Das spirituelle Leben

In den indianischen Traditionen ist alles vom Schöpfer Erschaffene beseelt, egal, ob es belebt oder unbelebt ist. Alle Dinge stehen daher miteinander in Verbindung und gelten als heilig. Die Beziehungen zwischen den Menschen, Mutter Erde, den Tieren und den Vorfahren sind genau festgelegt. Die Erde sorgt für die "Zweibeiner" -die Menschen- ebenso wie für alle anderen Kreaturen. Von den Menschen wird folglich erwartet, daß sie die Erde mit Respekt behandeln. Viele "Vierbeiner" -die Tiere- opfern sich bereitwillig als Nahrung und Kleidung der Menschen und müssen daher geachtet werden. Die in den Gefilden der Geister weilenden Vorfahren schenkten den jetzt Lebenden das Leben, und auch sie sind dafür zu achten. Schließlich müssen die Menschen ihre Verwandten respektieren und füreinander sorgen, um überleben zu können.
Dieses komplexe System gegenseitiger Achtung drückt sich nicht nur im täglichen Leben, sondern auch in den Ritualen und Zeremonien aus. In jedem traditionellen Ritus und in jeder Zeremonie wird jener Geist verehrt, der alle Dinge auf Erden vereint und ihre heilige Verbindung bekräftigt.

Das spirituelle Leben der einzelnen Indianernationen ist einzigartig und eng mit der spezifischen Umgebung verknüpft. Gewisse Grundkonzepte und Haltungen sind jedoch allen gemeinsam. Es ist der Glaube an den Spirit, jene Kraft des Geistes, die "Medizin", die allen Dingen innewohnt. Jede Pflanze und jedes Tier, selbst der Boden und die Steine besitzen eine Seele, die ihrerseits wieder von anderen Seelen anhängig ist. die Zyklen der Natur sind Zeugnisse des ewigen kreislaufs und der immerwährenden Zeitlosigkeit der Schöpfung.
Einige Völker betrachten die Kräfte, die unsere Welt formen, als eigenständige Wesen, die in Form natürlicher Phänomene wie des Windes oder des Wassers, des Getreides oder eines Tieres in Erscheinung treten. Diese Wesen sind wie Verwandte, und die Rechte und Pflichten, die sich aus dieser Verbindung ergeben, strukturieren das gemeinsame Leben. Andere Völker sehen in den kosmischen Mächten formlose, mystische Energien. Beispiele sind der Manitu bei den Algonkin, Wakan bei den Lakota und Sila bei den Baffin-Bay-Inuit.
Jedes Volk hat seine eigenen Mittel und Wege, wie es Verbindung mit den kosmischen Mächten aufnimmt, wie es die Medizin reguliert und nutzbar macht. Einzelne Indianer bemühen sich um die Fähigkeit, mit den Geistern direkt in Verbindung zu treten; anderen wurde diese Gabe in die Wiege gelegt oder infolge einer Lebenskrise geschenkt. Doch jeder muß den Geistern Tag für Tag gebührende Beachtung schenken. Er ist ihnen dies schuldig, einfach, weil er lebt. Kategorien wie Gut und Böse besagen, ob diese Verpflichtungen erfüllt wurden oder nicht. Ein Versäumnis ist ein Zeichen von Respektlosigkeit und bringt die Balance und Harmonie der Welt aus dem Gleichgewicht. Die meisten Tugenden sollen daher den notwendigen Respekt sicherstellen, so daß die kosmische Harmonie geqwahrt bleibt und das Überleben der Gemeinschaft garantiert ist.

Medizinrad

Über die Ebenen und Prärien Nordamerikas sind große Steinkreise verteilt, die als "Medizinräder" bekannt sind. Sie wurden aus dem Geröll errichtet, das die Gletscher hinterließen. Die Radnabe ist ein Steinhaufen; weitere Steine liegen auf dem Außenring, der durch speicherartige Steinlinien strahlenförmig mit dem Zentrum verbunden wird. Am bekanntesten ist das Medizinrad von Big Horn in Wyoming, das nahezu 30 Meter im Durchmesser mißt und 28 Speichen sowie sechs kleine Steinhaufen am Rand besitzt. Von wem es gebaut wurde, zu welcher Zeit und aus welchem Grund, ist unbekannt. Eine weitverbreitete Theorie besagt, daß die Speichen eines Medizinrades an astronomischen Ereignissen ausgerichtet wurden, etwa am Sonnenstand zu Tagesanbruch der Sommersonnenwende. Einer anderen Theorie zufolge sind die Medizinräder eine symbolische Darstellung heiliger Zyklen des UniversumsSie erinnern auch an Formen, die im Tanz der Ureinwohner und in einigen ihrer Behausungen vorkommen. Viele Medizinräder befinden sich auf Erhöhungen, ihre Form könnte das Gewölbe der Himmel symbolisieren

NATUR UND GEIST


Für die Indianer sind Natur und spirituelle Energie untrennbar verbunden: Der Geist ist allen Dingen innewohnend, und alle Dinge sind Teil der Natur. Die Erde ist das Zentrum dieser Vorstellung. Sie ist der Ursprung eines ewigen Kreislaufs von Zeugung, Tod und Regeneration, den alle dinge zu durchlaufen haben. "Mutter Erde", dieses ausdrucksstarke Bild, ist oft Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Es scheint unklar, ob es vor der Ankunft der Weißen entstand oder ob es ein europäisches Sprachkonstrukt ist.
Die Erzählungen der Indianer gehen oftmals davon aus, daß die erde als Gastgeber der Menschheit fungiert. Viele indianische Traditionen sehen den Menschen spirituell tief in der Erde verwurzelt, da sie ihm das Leben schenkt, ganz so, wie sie auch den Pflanzen Halt gibt. Alle Wesen müssen sich die Erde teilen; jeder ist dem anderen gegenüber verantwortlich, keiner dem anderen übergeordnet.
Diese Haltung steht im widerspruch zur jüdisch-christlichen tradition, derzufolge Gott den Menschen als Herrn über die Erde und alle Kreaturen einsetzte. In den indianischen Traditionen werden die Tiere in hohem Ausmaß verehrt, und einige Völker glauben, daß sie die Welt erschaffen haben. Für viele war der Schöpfer ein Erdtaucher, eine Schildkröte oder eine andere kleine Kreatur, die Lehm aus den Tiefen der urzeitlichen Gewässer herauftauchte und daraus das Land formte. 
Eine Geschichte der Crow erzählt, wie "Alter Kojote-Mann" die Erde erschuf, indem er einem Lehmklumpen, den Enten aus den Tiefen heraufbrachten, Leben einhauchte.
In der indianischen Vorstellungswelt besitzen Tiere genau wie Menschen einen Geist und unterhalten ein komplexes, wechselseitiges Beziehungsgeflecht zu Menschen, Tieren und der Erde. Oft spielen Tiere eine wichtige Rolle bei der Unterweisung des Menschen. Trickster -Schwindler, die oft in Tiergestalt auftauchen- erteilen ihren menschlichen Nachbarn wertvolle moralische Lektionen. Im Zentrum jeder Indianerkultur steht die unumstößliche Verehrung der Umwelt. Die Landschaft gilt als heilig und ist eine Quelle der Identität und Kraft.

Kachina Ein Kachina ("Geist")-Bildnis der Hopi mit Masau´u, dem Beschützer der Erde und Herrscher über den Tod, der auch den Regen bringt.

GROSSER DONNER SPRICHT VON DER ERDE


Zu Beginn des 19. Jh. hielt Bedagi oder "Großer Donner", ein berühmter Redner der Wabanaki (Micmac, Penobscot, Passamaquoddy und Maliseet), eine Rede über die Beziehung von Natur, Geburt und Tod. Das zentrale Thema ist der ewige Rhythmus: Geboren aus der Erde, kehrt alles früher oder später zu ihr zurück.
"Der Große Geist ist unser Vater, die Erde aber ist unsere Mutter. Sie nährt uns. Was wir in den Boden geben, gibt sie uns zurück, und auch die heilenden Pflanzen verdanken wir ihr. Wenn wir verwundet sind, gehen wir zu unserer Mutter und legen die Wunde an sie, um geheilt zu werden. So mächtig unser Bogen bei der Jagd ist, nicht unser Pfeil tötet den elch, die Natur tötet ihn. Der Pfeil steckt in ihm, und wie alle geht auch er zu unserer Mutter, um geheilt zu werden, drückt seine wunde an sie, dadurch aber dringt der Pfeil nur tiefer in ihn ein.
Der Elch ist nicht zu sehen, aber wenn ich mein Ohr an einen Baum halte, kann ich hören, wann er zum nächsten Sprung ansetzt, und ich folge ihm. Jedes Mal, wenn er stehenbleibt und seine Seite reibt, dringt der Pfeil tiefer ein. Schließlich finde ich ihn erschöpft, der Pfeil hat seinen Körper durchdrungen."

BLUTSVERWANDTSCHAFT UND TOTEM


Vielen Indianern galt die Blutsverwandtschaft als Grundlage für Stabilität, Integrität und das Überleben der Gemeinschaft. Neffe oder Tochter zu sein hieß, genau definierte Rechte und Pflichten wahrzunehmen. Jene, die als Fremde in die Dörfer kamen -auch gefangene Weiße- wurden oft als "Cousins" oder "Brüder" adoptiert, wodurch ihnen eine eindeutige Rolle zugeteilt wurde und die Integrität der Gruppe gewahrt blieb.
Eine besonders bedeutende Rolle spielt die ältere Generation. Die Kinder wurden in erster Linie von den Großeltern aufgezogen, da man der Ansicht war, daß die mit dem alltäglichen Leben beschäftigten Eltern für die Erziehung noch nicht genügend Weisheit besäßen. Die Alten waren und sind die Instanz in Fragen und Erziehung und der Moral und als Geschichtenerzähler die Bewahrer des mythologischen und spirituellen Erbes eines Volkes.
Die indianischen Völker betrachten ihre Gemeinschaft häufig als Erweiterung der "geisterreichen" Natur. Die Clans und die Geheimbünde glauben, daß sie Nachfahren eines Tiergeistes oder Totems sind -ein Ausdruck, den Anthropologen von dem mit "Dorf" übersetzbaren Ojibwa-Wort Odem ableiten. Die Irokesenvölker unterteilen sich in Gruppen wie den Schildkröten-, den Bären- und den Wolfs-Clan, wobei jedem Clan eine Clan-Mutter vorsteht. Das Totemtier hat einem Vorfahren bei der Jagd geholfen oder ihm den Weg zurück nach Hause erleichtert. Auch macht sich bisweilen ein Clanmitglied auf die ritualisierte Suche nach einem Sippentotem. Mitglieder des Osage-Spinnen-Clans z. B. erzählen, wie einst ein junger Mann in den Wald ging und den Spuren eines Hirsches folgte, als er über ein großes Spinnennetz fiel. Die Spinne fragte ihn, warum er über ihr Netz stolperte, worauf er ihr antwortete, er befände sich auf der Suche nach einem Totem. Die Spinne antwortete, sie sei zwar eine kleine, schwache Kreatur, doch habe sie die Tugend großer Geduld. Früher oder später kämen alle Kreaturen in ihr Netz, wofür er der beste Beweis sei. So kehrte der junge Mann zu seinem Clan zurück, der die Spinne tatsächlich zu seinem Totemtier erkor.
Man muß nicht Mitglied eines durch ein Totemtier verbundenen Geheimbundes oder eines Clans sein. Auch Einzelpersonen können eine individuelle Beziehung zu einem Totemtier, ihrem persönlichen geistigen Führer, entwickeln. Die Indianer gehen davon aus, daß einzelne wie Clanmitglieder mit der Zeit Wesensmerkmale ihres Totemtieres annehmen. Den Mitgliedern des Bären-Clans wird große Grimmigkeit und Kraft nachgesagt. Die Angehörigen des Mäuse-Clans der Cheyenne entwickelten angeblich wie ihr kurzsichtiges Totemtier eine beschränkte Weltsicht: Sie achteten sehr darauf, was in ihrer Nähe und in der Gegenwart passierte, interessierten sich aber kaum für das, was weiter entfernt oder in der Zukunft lag.

Arikara-Medizinbund Ein Bund der Arikara, die "Mother Night Men", die von einer nächtlichen Zeremonie in einer sakralen Erdhütte in ihr Dorf zurückkehren. Mitglieder dieses Medizinbundes verwenden Rasseln in ihren heiligen Ritualen.

 

GEHEIMBÜNDE


Alle Kulturen versuchen, Bindungen zu entwickeln, die über die Blutsbande hinausgehen. Bei den Ureinwohnern Nordameikas formierten sich solche Gruppierungen als Geheimbünde -Verbände, die auf einem ganz bestimmten heiligen Ideal, Ritual, Wesen oder Objekt beruhen. Sie waren zwar manchmal mit bestimmten Clans identisch, doch ebensooft durchkreuzten sie die Bande der Blutsverwandtschaft. Die Mitgliedschaft bei einem Geheimbund vermittelte eine deutlichere soziale Identität. Wenn diese Bünde fehlten oder schlecht funktionierten, sah man das Volk in Gefahr.
Die Macht der Geheimbünde beruhte auf der Geisterwelt. Bei den Kwakiutl nahmen Spirits etwa als Püppchen an den Initiationsriten teil. Hin und wieder konzentrierte sich die Macht eines Bundes in einem heiligen Beutel mit Objekten, die der Obhut eines Stammes oder Clans anvertraut wurden. Dieser Beutel stand im Zentrum bestimmter Zeremonien. Die Pawnee der Plains glaubten, daß viele der heiligen Beutel mit den Sternen in Verbindung stünden. Aus diesem Grund enthielten sie Symbole kosmischer Kräfte. Einer anderen Vorstellung zufolge symbolisieren sie die Wesenszüge jener Gottheit, der der Beutel geweiht ist. Der Beutel selbst kann ein mit einem Sternenmuster bemaltes Stück Fell sein, das um Dinge wie Getreideähren (Mais) gewickelt wird, die die alljährliche Erneuerung der Erde versinnbildlichen. Der Totenkopf-Beutel der Skidi-Pawnee enthielt ursprünglich den vermeintlichen Schädel von "Erster Mann". Nachdem er zerbrochen war, wurde der Schädel eines anderen bedeutenden Pawnee-Häuptlings aufbewahrt.

Die Medizinbünde waren vor allem im Nordosten verbreitet. Die Huronen fürchteten Krankheit und legten daher großen Wert auf ihre Heiler. Jeder dieser Bünde hatte ein Oberhaupt, dessen Amt vererbbar war und der manchmal gleichzeitig ein bedeutender Häuptling sein konnte. Der heilende Bund Atirenda bestand aus rund 80 Mitgliedern, darunter sechs Frauen. Bei ihrem Haupttanz, Otakrendoiae, simulierten die Mitglieder mit Amuletten wie Bärentatzen, Wolfszähnen oder Steinen, einander zu töten. Der Bund Atirenda war bekannt, Brüche gut auszuheilen. 
Die Mitglieder des irokesischen Geheimbundes der "Falschgesichter" trugen Wendemasken in Erinnerung an ihren Schutzgeist, einen Riesen. Dieser Riese hatte einst den Schöpfer zu einem Kräftemessen herausgefordert, bei dem ein Berg bewegt werden sollte. Er vermochte den Berg jedoch kaum von der Stlle zu rühren, der Versuch des Schöpfers hingegen war so erfolgreich, daß der Berg dem Riesen ins Antlitz schlug, bevor er ausweichen konnte. Geläutert willigte der Riese ein, sich von nun an um die Gesundheit der Menschen zu kümmern. Sein Gesicht jedoch blieb eine verzogene Grimasse.
Die Geheimbünde waren ein effektives Instrument sozialer Kontrolle. Sie boten sich für die Erziehung der Jugend und die Aufteilung bürgerlicher und sakraler Pflichten an. Bei einigen Völkern spielten sie auch eine wesentliche politische Rolle. In North Carolina verknüpften die Östlichen Cherokee (jene, die der Zwangsumsiedlung nach Oklahoma entkommen waren) politische Aktivitäten eng mit dem Zyklus der wichtigsten religiösen Zeremonien. Die Stammesvorsitzenden gehörten einem oder zwei Geheimbünden an, der White Peace Organization oder der Red War Organization. Die Vorsitzenden der White Peace Org. formulierten gemeinsam mit ihren Gehilfen und sieben Beratern die zivile, strafrechtliche und religiöse Rechtsprechung und dienten als Standesamt. Sie waren auch für wichtige rituelle Zyklen verantwortlich.
Die Red War Org. war für alle Aspekte der Kriegsführung zuständig, vom Zusammentrommeln der Krieger bis zum Zählen der Opfer; sie führte Reinigungsriten vor und nach dem Kampf durch. Vorstand des Bündnisses war ein Häuptling, der unter anderem von einigen älteren Matronen unterstützt wurde, die in hohem Ansehen standen und Pretty Woman ("Hübsche Frauen") hießen.
Neben den ausschließlichen Männerbünden existierten auch reine Frauenbünde. Bei den Blackfoot-Indianern im südlichen Alberta betrachtete man die Frauen als Lebensspenderinnen. Zeremonien konnten nicht ohne sie stattfinden. Die Frauen bewahrten die heiligen Beutel auf, die wichtig für die meisten Zeremonien wie etwa den Sonnentanz waren. Nur ihnen war es gestattet, die Beutel zu öffnen und die heiligen Gegenstände den Männern zu überreichen, und nur sie konnten die Geister herbeirufen.
Vor dem Sonnentanz errichteten Mitglieder der Old Woman´s Society ("Gesellschaft der alten Frauen") einen Büffelkoral. Am vierten Tag der Zeremonie inszenierten sie ein Büffeltreiben, bei dem einige Mitglieder Büffel-Kopfschmuck trugen und das Tier nachahmten. Dieses Ereignis wurde zu Ehren des Schöpfergeistes, des Büffel-Spirits und der Menschheitsgeschichte aufgeführt.
Manchmal kontrollierten die Geheimbünde ganz spezielle Zeremonien. Bei den Crow im Nordwesten der Plains war die "Tabakgesellschaft" für die Tabakzeremonie verantwortlich, von der in den Augen des Stammes das Wohlergehen der ganzen Gemeinschaft abhing. Außerdem mußten zur Sicherung der Existenz Samen der ursprünglichen Pflanzen verwahrt werden. Teil des Pflanzenrituals war ein mehrtätiges Fasten, währenddessen auch nicht getrunken werden durfte. Außerdem schnitten sich die Teilnehmer in die Arme und die Beine und fügten sich selber Brandwunden zu. Das Amt des Pflanzers war erblich, konnte aber auch gekauft werden. Für diese Ehre mußte ein Pflanzer sämtliche weltlichen Besitztümer aufgeben.

Ist Schamanismus Mystik?


"Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier, wacht auf im Menschen"

Sollen Beziehungen von Mystik und Schamanismus untersucht werden, so ist zunächst zu definieren, was unter Mystik überhaupt zu verstehen ist. Bei dem hier intendierten Vergleich werde ich die Mystik repräsentativer Hochreligionen wie Christentum und Buddhismus den mystischen Aspekten des Schamanismus gegenüberstellen. Der Begriff Mystik hat seinen Ursprung im Griechischen Verb "myein" = sich schließen, zusammengehen. Eine andere Bedeutung ist verbunden mit Begriffen wie "Geheimnisvolles", "Dunkles", "das den Sinnen und der Vernunft verschlossene". In dem hier verwendeten Sinne meint Mystik anschließend an den mittelalterlichen Sprachgebrauch die Erfahrung einer Versenkung der Seele in ihren göttlichen Grund, die innerlich einigende Begegnung mit der den Menschen und alles Seiende begründenden göttlichen Unendlichkeit (sog. "Unio Mystica"). Im Christentum, dem Islam und dem Judentum wird diese vornehmlich erfahren als die Vereinigung mit einem persönlichen Gott. Somit soll hier Mystik als eine Form religiösen Erlebens verstanden werden, die durch Versenkung in die innere oder äußere Welt mittels kultischer Mittel die Herbeiführung entsprechender seelischer Erlebnisse anstrebt, um auf diese Weise das Einswerden der Einzelseele mit dem Göttlichen zum unmittelbaren Erlebnis zu machen.
Um das mystische Erleben genauer zu beschreiben und einzugrenzen, werde ich mich im folgenden auf die Typologie universaler Merkmale mystischen Erlebens durch den anerkanntermaßen grundlegenden Ansatz des amerikanischen Philosophen Stace (1960) beziehen. Dieser beschreibt als die wesentlichen Elemente des mystischen Erlebnisses:

1. Transzendieren der Subjekt-Objekt Relation. Hierunter sind Einheitserlebnisse zu verstehen, in denen der Betreffende den Unterschied von Ich und Umwelt nicht mehr erfährt; es kommt gleichsam zu einem Verschmelzen des Ichs mit der Umwelt. Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart prägte die Formel "Alles ist Eines und Eines ist Alles" für diese Erlebnisse.

2. Transzendenz von Raum und Zeit. Während des mystischen Erlebnisses kommt es zu einem Verschwinden der Zeitempfindung; beschrieben häufig als Empfindung der "Ewigkeit", zeitlosen Glücks usw. Außerdem scheinen Vergangenheit und Zukunft nicht mehr von Bedeutung zu sein und es kommt zum Empfinden des "absoluten Augenblicks"; auch beschrieben als Vereinigung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Transzendieren des Raumes will besagen, daß die Person während des Erlebens die gewöhnliche Orientierung i.S. einer dreidimensionalen Wahrnehmung der Umgebung verliert; erfahren wird dies als Erlebnis der "Unbegrenztheit".

3. Tief empfundene positive Stimmung. Die tragenden Gefühle mystischer Erlebnisse werden beschrieben als Freude, Seligkeit, Liebesempfindungen und innerer Frieden. Die sie auszeichnende Intensität hebt sie auf die höchste Stufe menschlicher Erfahrungen. überdies sind die Erinnerungen an sie ungewöhnlich lebhaft und intensiv.

4. Gefühl der Heiligkeit. Das "Gefühl der Heiligkeit" ist eine nicht rationale, intuitive, Schweigen herbeiführende, Gefühlsempfindung voller Ehrfurcht und Erstaunen gegenüber beseligenden Gegebenheiten.

5. Empfindung der Objektivität und Wirklichkeit. Diese Kategorie hat zwei aufeinander bezogene Momente: 1. auf einer intuitiven, nicht-rationalen Ebene erfühlte Erleuchtung bzw. wissender Einblick, der durch direktes Erleben gewonnen wird und 2. den Gültigkeitsanspruch, d.h. die unmittelbare Gewißheit, daß solches Wissen wirklich wahr ist im Gegensatz zu dem Gefühl, daß das Erlebnis eine subjektive Täuschung ist. Was gewußt wird, wird intuitiv als maßgebend gefühlt, bedarf also keines Beweises auf rationaler Ebene und ist begleitet von einem Gewißheitsgefühl objektiver Wahrheit.

6. Paradoxie. Beschreibungen mystischen Erlebens haben die charakteristische Eigenschaft sich als logisch widersprüchlich zu erweisen. Beim Erleben innerer Einheit geht z.B aller empirischer Gehalt in einer leeren Einheit verloren, die zugleich angefüllt und vollständig ist. Das "Ich" existiert (z.B. als das Erlebnis erinnerndes) und existiert doch nicht.

7. Unaussprechbarkeit. Die Mystiker bestehen darauf, daß das mystische Erleben nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Der Grund dafür mag in einem Denken und Verbalisierungen hinter sich lassenden Charakter des überwältigenden Erlebnisses und seiner widersprüchlichen Natur zu suchen sein. Die Mystik, die der Philosoph Eduard von Hartmann als letzten und tiefsten Urgrund aller Religiösität bezeichnet, "weil in ihm die Religion ihre Fundierung und Selbstgewißheit hat", ist nachweislich als Erfahrungstatsache und Bestandteil selbst ursprünglichster Religiösität in erstaunlicher Übereinstimmung weltweit verbreitet. So bescheinigt der Orientalist Gelpke: "Vergleicht man die Berichte von Mystikern aus den verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen miteinander, so wird man feststellen, daß sie bei formaler Unterschiedlichkeit inhaltlich übereinstimmen" (Gelpke 1969: 202).Nach einem religionsgeschichtlich begründeten Ansatz des Oxforder Religionswissenschaftlers Zaehner (1960) lassen sich drei Formen der Mystik aufgrund ihres Eingebundenseins in jeweils unterschiedliche Gottesvorstellungen differenzieren. So unterscheidet er:

1. die Naturmystik;
2. die monistische Mystik und
3. die theistische Mystik.

Um diese Formen näher zu charakterisieren, lasse ich hier einige Beispiele folgen. Zunächst eines für ein Erlebnis der Naturmystik: "Werde ich je wieder so wunderbare Träume haben damals ... im Gebirge zur Zeit der Mittagssonne oberhalb von Lavey, als ich unter einem Baum und drei Schmetterlinge mich umspielten. Und noch einmal in der Nacht an der sandigen Küste des Ozeans, als ich im Sand auf dem Rücken lag und mein Auge die Milchstraße verfolgte. Großartige, weite, unsterbliche kosmogonische Träume: man reicht bis zu den Sternen und ist im Besitz des Unendlichen! Göttliche Augenblicke, Stunden des Entzückens, in denen unsere Gedanken von einer Welt zur anderen fliegen und das große Rätsel durchdringen, da unser Sinnen so ruhig und tief ist wie das Meer und so still und endlos ... wie das Firmament ... Augenblicke eines unmittelbaren Anschauens, in denen man sich so groß wie das Universum und so erhaben wie Gott fühlt ..."(Amiel 1883: 43f.). Und noch ein Weiteres: "Es war, als hätte ich nie zuvor erkannt, wie lieblich die Welt war. Ich legte mich auf den Rücken in das warme feuchte Moos und hörte dem Gesang der Lerche zu ... Keine andere Musik hatte mir je solche Freude gemacht wie dieser leidenschaftliche Jubelgesang.Es war eine Art hüpfende, überströmende Verzückung, ein heller, flammengleicher Klang, jubelnd in sich selbst. Und dann kam eine merkwürdige Erfahrung über mich. Es war, als ob alles, das vorher außerhalb und um mich herum zu sein schien, plötzlich in mir sei. Die ganze Welt schien in mir zu sein. In mir wiegten die Bäume ihre grünen Kronen, in mir sang die Lerche, in mir schien die heiße Sonne und in mir war der kühle Schatten. Eine Wolke stieg am Himmel auf und zog mit einem leichten Regenschauer vorbei, der auf die Blätter trommelte, und ich fühlte, wie die Frische in meine Seele fiel, und in meinem ganzen Sein spürte ich den köstlichen Geruch der Erde, von Gras, Pflanzen und dunkelbraunem Acker. Ich hätte vor Freude schluchzen können" (Reid 1902). Diese Beispiele machen deutlich: die Naturmystik ist das Erleben der Einheit von Ich und Welt. Die Welt wird als Teil des expandierten Ichs erfahren. Man ist von daher geneigt, die Naturmystik als Höhepunkt eines Gefühls der Naturverehrung oder Naturvergötterung zu betrachten. In der monistischen Mystik dagegen zieht sich das Ich bewußt von der durch die Sinne vermittelten Naturwelt zurück. Diese Form hat sich besonders in der östlichen Mystik herausgebildet. Im Yoga etwa liegt die Seligkeit in der endgültig geglückten Isolierung des Geistes von der Sinneswelt, das heißt in der ausschließlichen Betrachtung der Seele durch sich selbst. Weltanschauliche Widerspiegelung findet das im Vedanta: Brahman ist das Absolute, die Seele des Menschen ist von ihrem Wesen her mit dem Absoluten identisch, d.h. die Wirklichkeit des Geistes ist die einzige Wirklichkeit, unabhängig von Raum, Zeit und Kausalität. Die sichtbare Sinnenwelt ist dagegen Täuschung und Illusion: Sie hat keine wirkliche Existenz. Um ein derartiges mystisches Erleben in seiner Eigenart zu verdeutlichen, sei der englische Mystiker Symonds zitiert: "Es war ein allmähliches und doch schnelles Verschwinden von Raum, Zeit, Empfindung und all den anderen Erfahrungen, die das ausmachen, was wir so gern unser Selbst nennen. In dem Maße aber, wie diese Bedingungen des gewöhnlichen Bewußtseins schwanden, gewann das Gefühl von einem tiefer liegenden Bewußtsein an Kraft. Schließlich blieb nichts übrig als das reine, absolute Ich. Die ganze Außenwelt verlor Gestalt und Inhalt ... die Rückkehr in den gewöhnlichen Bewußtseinszustand setzte damit ein, daß ich die Sinnesempfindung wiedererlangte und daß dann allmählich aber schnell die bekannten Eindrücke und täglichen Interessen wieder erwachten" (Brown 1895: 29ff.). Der japanische Zen-Meister Yamada Kyozo beschreibt das Erleuchtungserlebnis des "Satori" als "... das Erlebnis, daß das Ich und das All absolut eins sind. Man erkennt, daß alles, Ich und das, was um mich ist, leer ist. Alle Dinge sind nur Erscheinungen. ... Während der Erleuchtung gibt es kein Gefühl, da man in dem Moment nicht mehr existiert. Man hört nichts und man sieht nichts. Man erlebt keine Erweiterung des Ichs, keine Verschmelzung mit dem All; sondern das All und das Ich sind plötzlich eins" (Schüttler 1974: 49f.).Das Ziel der östlichen monistischen Mystik ist demnach die unbedingte Konzentration auf den reinen Geist und ineins damit die Abkehr von allem, was nicht dieser Geist ist, denn das Göttliche und die menschliche Seele sind identisch die erfahrbare Außenwelt dagegen Illusion. Zaehner bezeichnet alle mystischen Strömungen, in denen sich der menschliche Geist auf eine einzige (innere oder äußere) Wirklichkeit beschränkt, als monistische Mystik. Die theistische Mystik, die hier nur kurz gestreift werden kann, intendiert und erfährt nicht die Vereinigung mit einem göttlichen Urgrund im mystischen Erlebnis, sondern vernimmt darin vielmehr die Vereinigung mit einem persönlichen Gott. Sie ist im Christentum, dem Judentum und Islam ausgeprägt. Diese Anschauung setzt einen persönlichen Gott voraus, der das Universum erschaffen hat, und zu den menschlichen Einzelseelen in einem besonderes Verhältnis steht. Er ist allerdings keinesfalls identisch mit der Einzelseele oder der Natur. In der christlichen Mystik bleibt von daher das Bewußtsein der Geschöpflichkeit gegenüber dem Schöpfer gewahrt. Hingabe an ihn wird nie zu völliger Identifizierung mit ihm, wohl aber zu höchster Geborgenheit in ihm. Ein Beispiel dafür liefert deutsche mittelalterliche Mystiker Heinrich Seuse: "... Der gute und getreue Knecht wird eingeführt in die Freude seines Herrn: Da wird er trunken von dem unermeßlichen Überfluß des göttlichen Hauses. Denn ihm geschieht in unaussprechlicher Weise ... daß er nicht mehr sein Selbst ist, daß er sich ganz seines Selbst entäußert und sich ganz in Gott verloren hat ...,wie ein kleines Tröpflein Wasser, das man in viel Wein gegossen hat. Wie das Tröpflein Wasser seine Eigenschaft verliert, so daß es Farbe und Geruch des Weines annimmt und in sich zieht, so geschieht denen, die im Vollbesitz der Seligkeit sind: Ihnen gehen alle menschlichen Begierden verloren, sie gehen sich selbst verloren und tauchen ganz in den göttlichen Willen ein" (Seuse 1966: 340f.). Um weitere Anhaltspunkte für einen Vergleich von Hochmystik und Schamanismus zu gewinnen, werde ich Stace folgend eine weitere Unterteilung einführen. Es handelt sich um eine Typologie der Mystik die sich die dominierende Gerichtetheit des Erlebens zur Grundlage macht. Demnach lassen sich zwei Formen unterscheiden: 1. eine "extrovertierte Mystik" und 2. eine "introvertierte Mystik". Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden liegt darin, daß sich das extrovertierte Erlebnis durch die Sinne nach außen richtet, während sich das introvertierte nach innen auf den Geist hin orientiert. Beide gipfeln in der Wahrnehmung einer höchsten Einheit und der Empfindung des Menschen, daß er selbst damit verschmilzt oder sogar identisch wird. Aber der extrovertierte Mystiker nimmt die Vielheit der äußeren Gegenstände in einer mystisch verwandelten Weise wahr: durch die Vielheit hindurch erscheint ihm der Einheitsgrund aller Wesen, so das sich auch das Ich nur mehr vom Sein her fühlt. Von daher ergibt sich für ihn die feste Auffassung eines einheitlichen inneren Grundes in allen Dingen, beschrieben als allgegenwärtiges Leben und Bewußtsein, gepaart mit der Gewißheit, daß nichts wirklich "tot" ist. Der deutsche Mystiker Jacob Boehme beschreibt ein solches Erlebnis: "Mit einem großen Sturme ... brach der Geist durch ... bis in die innerste Geburt der Gottheit und werde allda von Liebe umfangen. ... Was aber für ein triumphieren in dem Geiste gewesen sei, kann ich nicht schreiben noch reden, es läßt sich auch mit nichts vergleichen ... In diesem Lichte hat mein Geist alsbald durch alles gesehen und an allen Kreaturen, am Kraut und Grass Gott erkannt, wer er, wie er und was sein Wille war" (Zit. n. Bucke 1925: 131). Wie dieses Beispiel zeigt, wird das innere Wesen der Objekte intuitiv erlebt und in seinem Ursprung als gleich erfühlt. Ähnliches beschreibt der Sioux-Schamane Black Elk bei einer indianischen Visionserflehung: "Der wichtigste Grund zu flehen ist aber wohl, daß es uns hilft, unser Einssein mit allen Dingen zu erkennen, zu wissen, daß alle Dinge unsere Verwandten sind; und dann beten wir im Namen aller Dinge zu Wakan Tanka, er möge uns die Erkenntnis von ihm geben, von der Quelle aller Dinge, die doch größer als alle Dinge ist" (Tedlock 1975: 43).
Der introvertierte Mystiker hingegen sucht in die Tiefen des eigenen Ichs einzutauchen, indem er die Sinnesempfindungen ausblendet und bewußt die Vielfalt der Empfindungen, Bilder und Gedanken aus dem Bewußtsein zu löschen trachtet. In dieser Dunkelheit und Stille nimmt er das "Eine" wahr und wird mit ihm vereinigt, bar jeglicher Vielheit. Im Buddhismus wird dies als Bewußtsein des Nichtformbereiches bezeichnet: "Nach Aussschaltung aller Dingund Formvorstellungen ist der Raum das unmittelbare Objekt des Bewußtseins. Es hat zwei Eigenschaften: die der Unendlichkeit und die der Nichtgegenständlichkeit"; beide sind Objekte des intuitiven Bewußtseins (Govinda 1992: 110). In diesem Zustand des Bewußtseins sind Freiheit, Ruhe und Serenität verwirklicht. Die Meditation wird als ein Vorgang fortschreitender Vereinheitlichung verstanden: von der Differenzierung des Oberflächenbewußtseins (und des dieser Form zugehörigen Ich-Bewußtseins) zur Einheit des Tiefenbewußtseins. "In der buddhistischen Leere gibt es keine Zeit. keinen Raum, kein Werden, keine Dinghaftigkeit. Reine Erfahrung ist, wenn der Geist sich selbst sieht ... Das ist nur möglich, wenn der Geist ... leer ist von all seinen möglichen Inhalten außer sich selbst" (Suzuki 1927: 28).
Um den Vergleich von Hochmystik und "schamanistischer Mystik" leisten zu können, soll zunächst Definitorisches vorrausgeschickt werden. Unter Schamanismus wird hier eine Ursprungsform der Religiösität und des Medizinwesens verstanden. Als Schamanen werden gemäß kulturanthropologischer und religionswissenschaftlicher Definitionen die religösen Mittler und Heilkundigen der sog. Naturvölker bezeichnet. Neben einer detaillierten Kenntnis der überlieferten Stammesmythologie sowie der religiösen Vorstellungswelt und der traditionellen Heilverfahren/pflanzen, wird ihm insbesondere die Fähigkeit zugesprochen, mittels bestimmter Kulthandlungen und Techniken in ein breites Spektrum von veränderten Bewußtseinszuständen eintreten zu können. Aufgrund dieser Fähigkeit zwischen der alltäglichen Wirklichkeit und den ihr über und untergeordneten Weltregionen: der Geisterwelt, den Ahnen und den Naturkräften zu vermitteln (vgl. Eliade 1957; Findeisen 1957; Halifax 1983). Bei den schamanistischen Praktiken und Ritualen geht es in erster Linie um die Herstellung bzw. Wiederherstellung von Gleichgewichten mit/in der umgebenden Natur sowie die Harmonisierung in der Gruppe und der Einzelseele. In diesem Zusammenhang spielen auch mystische Erlebnisweisen der im Vorstehenden skizzierten Formen eine Rolle. Das naturmystische Erleben scheint dabei zu dominieren und bestimmt auch wesentliche Teile des Naturempfindens und Naturverhältnisses dieser Völker. Trotz der Schwierigkeit aus den durch kulturspezifische Metaphern verschlüsselten Erlebnisbeschreibungen explizit mystische Erlebnisse herauszulesen die zudem in der Literatur selten sind repräsentiert der Schamanismus "... die glaubwürdigste mystische Erfahrung der Welt der Primitiven. Innerhalb der archaischen Welt spielt er dieselbe Rolle wie die Mystik in der offiziellen Religiösität der großen historischen Religionen vom Buddhismus bis zum Christentum", so der bekannte Religionsgeschichtler Eliade (1951: 96). Einige Gründe für die Schwierigkeit Beschreibungen mystischer Erlebnisse, trotz deren grundlegender Bedeutung für die Weltanschauung der Naturvölker, in der Literatur zu finden, sind im Folgenden quellenkritisch zu erörtern. Ethnographische Berichte über den Schamanismus sind größtenteils zu Beginn des Jahrhunderts verfaßt worden. Sie leiden von daher unter einer damals weitgehend unreflektierten eurozentristischen Perspektive und sind von daher mit deren Implikationen für eine Minderbewertung der Lebensauffassungen sog. "Primitiver" behaftet. Sie dokumentieren nur in seltenen Fällen originale mündliche Aussagen der Schamanen. Das Schamanen selbst zu Wort kommen, ist erst in neuester Zeit der Fall (vgl. Halifax 1981). Dazu kommt die Tatsache, daß die "Aushörungen" durch ethnographische Feldforscher oft von einem Bemühen der Schamanen bestimmt sind, ihre persönlichen Visionen, und weniger überindividuelle zudem schwer beschreibbare Erlebnisse zu schildern. Ein weiterer Grund mag darin liegen, daß die von Schamanen erzeugten "Veränderten Bewußtseinszustände" (Tart 1969) ein breites Spektrum verschiedenartiger Zustände umfassen. Insbesondere tranceund traumartige Erlebnisweisen werden von den Schamanen im Unterschied zur Hochmystik sehr hoch eingestuft. Auch starke Erregungszustände bis hin zum Halluzinieren (meist erzeugt durch Trommeln und Tanzen sowie stimulierende Drogenpräparate (vgl. Rosenbohm 1991)) haben einen wichtigen Platz in schamanistischen Praktiken und sind weltweit verbreitet. Trotz der Vielfalt der von den Schamanen erzeugten veränderten Bewußtseinszustände, lassen sich einige immer wiederkehrende Themenkomplexe bzw. Metaphern innerhalb dieser Erfahrungswelten im veränderten Bewußtsein mit erstaunlicher Gleichförmigkeit weltweit nachweisen: Weltenschichtung in Oberund Unterwelt, Zerstückelungsvisionen, Seelenflug, Gottesanflehung, Ahnenkontakte, Lebensbaum sowie die Verbindung zu Pflanzenund Tiergeistern. Diese Zentralthemen verweisen häufig auf Probleme in der Lebenswelt der Naturvölker (Wetter, Jagdtiere u.ä.). In einem weiteren Sinne würde mancher Religionswissenschaftler auch Teile solcher Erlebnisse den mystischen Erlebnissen zurechnen. Aber gemäß dem hier zu Beginn skizzierten engen Sinn können bestenfalls einzelne Passagen derartiger Erlebnisse den mystischen Erlebnissen zugerechnet werden. Von daher wird klar, daß im Schamanismus nicht nur ein breiteres Spektrum von Bewußtseinszuständen eröffnet und genutzt wird, sondern auch die daraus hervorgehenden Erlebnisse anderen regulativen Funktionen als die der Hochmystik dienen. Obgleich meist eingebunden in andere Formen veränderten Wachbewußtseins, spielen mystische Erlebnisse anscheinend durchaus eine tragende Rolle in vielen Formen des Schamanismus und stimmen in wesentlichen Punkten mit den zu Beginn skizzierten Grundelementen mystischen Erlebens überein. Um das zu belegen, bringe ich im Folgenden einige Beispiele. "Von einer Sekunde zur anderen war ich hellwach. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit, Energie und unbeschriebliochem Glück durchströmte mich. Es war so stark, daß ich außer dieser körperlichen Empfindung nichts anderes mehr wahrnahm. Eine zeitlang schwebte ich in einer schwarzen Unendlichkeit, aus der plötzlich, mit der Leuchtkraft von ... Blitzen, Farben explodierten. ... es war etwas tief in mir drinnen, das lachte. ... Das normale Bewußtsein schien außerhalb von mir zu sein. ... Es hatte keinen Einfluß mehr auf den grenzenlosen Zustand, in dem ich mich befand" (Haan 1985: 152f.). Eine ähnliche mystische Vision im Rahmen eines indianischen Huichol-Rituals beschreibt Prem Das: "Ich verlor das Bewußtsein für meine Umgebung und fiel in einen dunklen Gang hinein, der spiralförmig nach unten führte, tief ins innere der Erde. Mir war, als ob ich in Felsritzen und unterirdische Höhlen hinabsteigen würde, wo es dunkel und abweisend war. Eine unbekannte Kraft bewegte mich ... ; es war, als würde ich auf einem reißenden Strom dahintreiben ... Als ich mir sicher war, daß meine Situation völlig hoffnungslos war und ich nicht mehr zurückkehren konnte, tauchte plötzliche ein grelles Licht auf. ... Mein Herz hüpfte vor Freude ... Wärme umhüllte mich und belebte mein Leben neu ..." (Prem Das 1987: 225). Ein weiteres Beispiel liefert der sibirische Schamane Aua: "Das große Meer hat mich in Bewegung gebracht, hat mich in Fahrt gebracht. Es treibt mich wie eine Alge im Fluß. Das Himmelsgewölbe und die gewaltige Luft bewegen mich, sie bewegen mein Inneres und haben mich mitgerissen, daß ich zittere vor Freude" (Rinne 1983: 20). Obgleich sich in den Beschreibungen extrovertierte und introvertierte Mystik zu überschneiden scheinen, ergibt sich doch bei einer systematischen Durchsicht einer größeren Zahl von Erlebnisbeschreibungen (vgl. Adami 1983; Passie 1992) unzweideutig die Tendenz der schamanistischen Mystik zur extrovertierten Richtung. Auch eine stärkere Mitbeteiligung der Sinne scheint im Unterschied zur Hochmystik im Schamanismus typisch zu sein. Einen weiteren Beleg mag dafür auch die Tatsache abgeben, daß schamanistische Rituale häufig an speziellen, aufgrund bestimmter Eigenschaften für besonders kraftvoll bzw. heilig erachteten, Naturplätzen abgehalten werden (Swan 1989; Myerhoff 1980; Sharon 1980). Im Spektrum der von den Schamanen zugänglich gemachten Bewußtseinserlebnisse haben mystische Erlebnisweisen sicherlich einen hohen Rang, machen aber dennoch nur einen begrenzten Ausschnitt aus. Allerdings werden bei bestimmten Gruppenritualen wie dem Peyote-Kult (La Barre 1989; Myerhoff 1980) und der Ayahuasca-Religion (MacRae 1992) solcherart mystische Erlebnisse nicht nur von den Schamanen, sondern auch einem Großteil der Normalpopulation gezielt angestrebt. Sie vermitteln Gefühle der Geborgenheit, des Aufgehobenseins in der Welt der natürlichen Kräfte und fördern so die innere Harmonisierung der Einzelseele wie auch den Zusammenhalt der Gruppe. Aus der über diese Erlebnisse vermittelten Verankerung im Transzendenten gewinnt der Schamane bzw. die Teilnehmer der Rituale Kraft und Vertrauen, um die Unbilden der alltäglichen Wirklichkeit zu ertragen und lernend zu überwinden. Schon aufgrund des in entsprechenden Naturvölkern viel stärkeren Ausgesetztseins gegenüber den Naturgewalten ergibt sich sowohl eine ausgeprägte Zngstigung des Menschen durch das Ausgeliefertsein an die Naturkräfte, als auch die Notwendigkeit ihre ungerichteten Kräfte zu besänftigen und symbiotisch zu nutzen. Insofern sind der angstmindernde Aspekt mystischen Erlebens sowie eine darüber vermittelte Förderung der Gruppenkohäsion in seiner Bedeutung größer als bei den Hochreligionen einzuschätzen. Mystisches Erleben gemahnt die Menschen somit an ihre unverbrüchliche Einheit mit der Natur. Von daher könnte es sogar einen prägenden Einfluß auf das Naturverhältniss dieser Menschen gewinnen, indem es ihnen trotz stets präsenter Bedrohung durch die ungezügelten Naturgewalten ein Gefühl seliger Geborgenheit im Schoß der Natur vermittelt. Insbesondere im Peyote-Kult der nordamerikanischen Indianer gewinnt diese Tendenz eine hochkomplexe ritualisierte Gestalt. "Während der Peyote-Jagd wird Wirikuta als Ort des Beginns und als Zustand der Einheit wiedererlangt. ... Diese Vereinigungen geschehen gleichzeitig auf mehreren Ebenen: Auf der gesellschaftlichen Ebene werden ... soziale Schranken transzendiert, wenn der Marakame (Huichol-Schamane) und seine Gruppe ein einziges Wesen werden ... sogar biologische Unterschiede zwischen männlich und weiblich, alt und jung, verschwinden, da Männer, Frauen und Kinder gleichwertig und vollständig teilnehmen ... Erschreckt und erhoben durch diese Freiheit, die seit dem Augenblick vor der Geburt ... nicht mehr erfahren wurde, stehen sie nackt nebeneinander, undefiniert, verwundbar und rein menschlich.
Die reine Landschaft wird geheiligt, die Höhlen, Quellen, Berge, Flüsse, Kakteenhaine, und die Züge der mythischen Welt werden zur kosmischen Bedeutung erhoben. 'Pflanzen' und 'Tiere' werden zu bloßen Etiketten, sbereinkünften, menschlichen Denkkategorien. Unterschiede zwischen ihnen sind Illusion. Der Mensch ist Natur, er ist eine Ausdehnung von ihr.... Die Bedingung der Sterblichkeit wird transzendiert und dem Menschen ozeanische Seligkeit und Allmacht zurückgegeben. ... Für einen Moment ist das Paradies der menschliche Ursprung. ... Er ist der Kosmos, ohne Haut und Membran, ohne ein Ich, das ihn hält und trennt. Er erreicht die ekstatische Durchdringung aller Grenzen" (Myerhoff 1980: 175f.). Auch diese Beschreibung verdeutlicht nochmals die Naturverbundenheit und den auf Sinneswahrnehmungen beruhenden extrovertierten Charakter eines Großteils der "schamanistischen Mystik". Die Hochmystik scheint dagegen, nicht zuletzt aufgrund ihrer anderen sozialen Funktion und Einbettung, eine ganz spezifische Form mystischen Erlebens die hier als "introvertiert" beschriebene monistische und theistische Mystik kultiviert zu haben. Das systematische Streben in Richtung auf "Erleuchtung" bleibt hier meist Mitgliedern einer sozial abgehobenen Gruppe vorbehalten (Priester, Mönche usw.). Diese durchlaufen einen systematischen Schulungsweg, der zu immer größerer Näherung an das Numinose, bis hin zum mystischen Erleuchtungserlebnis, führen soll. Individuelle Heilung und Harmonisierung sind zwar auch hierbei wichtige Ziele, beziehen sich aber auf Nächstenliebe, Einvernehmen mit Gott, eigene innere Erlösung und weniger auf konkrete Konflikte und Disharmonien des sozialen Zusammenlebens, anderer Individuen, des Verhältnisses zu den Ahnen oder des Gesamtverhältnisses Mensch Natur. Die Beziehung zur Natur spielt in den konkreten Lebensverhältnissen dieser Menschen (auch geographisch-klimatisch) nur (noch) eine untergeordnete Rolle und tritt somit auch in den Erlebnissen der introvertierten Mystiker kaum noch in Erscheinung. Die erstrebte höchste Erfahrung hat im Unterschied zum Schamanismus einen ganz spezifischen Charakter und alle andersartigen Bewußtseinserlebnisse werden als Störungen oder Vorstufen angesehen. Was die im Titel ausgesprochene Frage angeht, ergibt sich aus der vorstehenden Darstellung ergibt sich, daß im Schamanismus mystische Erfahrungen durchaus eine nicht nur periphere, sondern vielleicht sogar zentrale Rolle spielen können. Der Vergleich mit der sog. Hochmystik zeigt, daß dabei jeweils spezifische Formen mystischer Erlebnisweisen im Vordergrund stehen: In der Hochmystik eine kultivierte und auf die Erfahrung des reinen, allumfassenden Bewußtseins zielende monotheistische oder theistische Mystik der introvertierten Richtung. Im Schamanismus scheint demgegenüber eine Naturmystik der extrovertierten Richtung zu dominieren.Diese Feststellungen können allerdings nur Schwerpunkte und Tendenzen markieren, da sich das Problem vielfältiger Überschneidungen stellt. Kaum ein anderer als der transkulturell versierte Religionsgeschichtler Eliade dürfte mehr berufen sein die bei allen Differenzen grundsätzliche Universalität mystischen Erlebens abschließend zu betonen: "Bei den 'primitiven' Völkern, genauso wie bei den Heiligen und den christlichen Theologen, ist die mystische Ekstase eine Rückkehr ins Paradies, die sich durch Überwindung von Zeit und Geschichte ausdrückt ... und eine Wiederentdeckung des ursprünglichen Zustandes des Menschen darstellt" (Eliade 1960: 75).

 
 
Schamanismus und Psychotherapie


Der Schamane - Das Urbild des Therapeuten

Der Schamane ist in der präsäkularisierten Gesellschaft weltweit eine zentrale Gestalt mit wichtigen Funktionen. Der Schamane, die ursprüngliche Heilsgestalt der Völker, der Medizinmann, ist keineswegs nur Diagnostiker und Therapeut für bestimmte Krankheiten, sondern hat eine Fülle von Aufgaben, die weit darüber hinausgehen. Er ist Opferpriester und Orakeldeuter, Seher und Prophet, Magier und Schicksalskundiger. Er ist der geisterbeherrschende Seelsorger, der die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits führen, der verirrte Ahnengeister in ihre Heimstatt zurückbringen, der von Geistern verschleppte Seelen suchen und bergen kann. Er kann auch der Zauberer und Hexenmeister sein, der Jagdglück und Wetter beschwört. Er ist als Priester bei der Geburt und im Wochenbett da und weiht das Neugeborene in der Taufe. Der Schamane ist Künstler, der »erste uns faßbare schöpferische Mensch« (Lommel 1965): Er ist Sänger und Dichter von Hymnen, Dramen und Gebeten, er ist Komponist, Tänzer, Musiker, Schauspieler (Nioradze 1925; Lommel 1965; Findeisen 1957). Der Schamane bewahrt und lehrt die Stammestraditionen und nimmt auch politischen Einfluß auf seinen Stamm.
Als Nicht-Anthropologe muß ich mich auf Publikationen beziehen, die viel heterogene, unüberprüfbare und unüberprüfte Literatur zusammentragen. Die mir zugängliche Originalliteratur erlaubt keine gültigen psychologisch-psychiatrischen Aussagen zur Person des Schamanen, besonders nicht über seine von vielen hypotasierte »Krankheit«.1 Die Person geht meist völlig in den sozialen Stereotypen von diesem wichtigen Funktionsträger unter - dies in doppeltem Sinne: einerseits verdeckt das Stereotyp die Person, andererseits mag sich das Verhalten des Schamanen auch weitgehend nach den bestimmenden Erwartungen seiner Sozietät richten (s. Handelmann 1968). Diese Einschränkung ist für die folgenden Ausführungen gegenwärtig zu halten, auch wenn sie nicht wiederholt angeführt wird.
Des Schamanen diagnostische und therapeutische Tätigkeit ist nur eine von vielen Funktionen, die von diesem Mittler der kosmischen Ordnung für seine Gesellschaft geleistet wird. Daß der Schamane Einblick in den Kosmos hat, also über die alltägliche Realität hinaus sieht, und daß er dort wie hier wirksam werden kann, verdankt er seiner Fähigkeit, selbsttätig in außernormale Bewußtseinszustände einzutreten, damit aus dem alltäglich-gewöhnlichen Bereich der Realität auszutreten und in andere, kosmisch-universale Seinsschichten einzudringen, ja mehr noch: dort aktiv tätig zu werden für die Wiederherstellung und das Bewahren der Harmonie. Damit ist des Schamanen Begabung für paranormale Bewußtseinsweisen angesprochen. Der Schamane ist der Spezialist der Trance (Eliade 1975), der Meister der Ekstase (Eliade 1975).
Diagnose und Heilung beim Schamanisieren beruhen auf einer spiritualistisch-animistischen Krankheitstheorie. Es gibt im wesentlichen zwei Krankheitsursachen: Verlust der Seele oder das Eindringen pathogener Geister, materialisiert als entfernbare Gegenstände (Eliade 1975; Nioradze 1925). Zum Schamanisieren versetzt sich der Heiler in Ekstase und erfährt dann die Krankheitsursachen von seinen Hilfsgeistern. Wenn die Seele verlorengegangen ist oder sich verirrt hat, so muß er sie suchen und zurückbringen, oft in weiten gefahrvollen Reisen in die Unterwelt, zu den Herren der Krankheit (Eliade 1975). Häufig kann der Medizinmann die Krankheit aber auch in einer materialisierten Form lokalisieren und dann extrahieren, zum Beispiel durch Aussaugen, durch Herausreißen in chirurgischer Magie, Entfernen aus dem Leibesinneren, durch die Haut, aus den Augen, der Stirn des Kranken. Dann kann er »die Krankheit« auch »vorweisen«: Als Stein, Haar, Feder, Blut, Fleisch, Tierdarm, Wurm, seinen eigenen Speichel.
Die Verleihung der Kraft an den Schamanen erfolgt in der Mehrzahl der Fälle durch spontane Berufung (Ruf, Auserwählung durch die Geister, eigenes inneres Drängen), aber das Amt kann auch erblich sein. Es gibt männliche und weibliche Schamanen. Weibliche Schamanen gelten dabei zum Teil als weniger einflußreich auf die Geister (z.B. bei den Burjäten, vgl. Nioradze 1925). Sie können einen Teil ihrer Fähigkeit durch Geburten verlieren.
Der Schamane als außerhalb der üblichen Normen stehender Mensch kann aber auch die Geschlechtspolarität überschreiten (s. Nioradze 1925; Findeisen 1957; Eliade 1975). Bei manchen nordostasiatischen Stämmen waren die mächtigsten Schamanen die mit umgewandeltem Geschlecht (bei den Tschuktschen und den Eskimos, vgl. Nioradze 1925). Männliche Schamanen können sich manchmal wie Frauen verhalten und kleiden (Transvestismus), können auch junge Männer heiraten und in der Ehe die dienende Frauenrolle übernehmen. Frauen können erst in der Menopause eine Geschlechtstransformation durchmachen und dann auch Mädchen heiraten.
Die Unterweisung des Schamanen erfolgt in seinen Ekstasen (in seinen Trancezuständen), in seinen Träumen und in einer zum Teil Jahre währenden Schulung durch ältere Schamanen in Kosmologie, Mythologie, Religion, spiritueller Theorie, Genealogie der Geister. Dabei lernen die Schamanen die Techniken der Ekstase und des manipulativen Umganges mit den Geistern.
Schamanen sind als privilegierte Menschen mit besonderer Begabung (Eliade 1975; Lommel 1965) oft schon früh auffällige, besondere Persönlichkeiten. Sie sind oft schon lange vor der Initiation anders als die »normalen« Menschen ihrer Gesellschaft, sie gehen nicht den gewöhnlich alltäglichen Weg. Sie sind oft isoliert, sondern sich für Wochen und Monate ab, haben manchmal schon früh (zum Teil in Zusammenhang mit Fieberkrankheiten) visionäre Erlebnisse. Manche haben eine besondere Beziehung zu Träumen, haben auch prospektive Träume und vielfach eine Begabung für Hellsehen. Man kann den künftigen Schamanen als paranormal begabten Menschen bezeichnen, der mit dieser Begabung natürlich außerhalb der Norm steht. Aber man darf Schamanen nicht in falscher Gleichsetzung von abnorm und krank als pathologische Persönlichkeiten schlechthin kennzeichnen. Daß solche auch vorkommen können, wird damit nicht bestritten. Auch nicht, daß es Mißbrauch, Scharlatanerie und Degeneration im Bereich des Schamanentums gibt.
Nach der Initiation sind Schamanen oft körperlich und psychisch besonders beanspruchbare Menschen von einer »übernormalen Konstitution« (s. Eliade 1975; Lommel 1965). Ernste Psychopathologie schließt die Befähigung zum Schamanen aus (Kleinman und Sung 1979, für die Schamanen von Taiwan). Der Schamane muß zum Beispiel für die Jakuten (s. Zitat bei Eliade 1975) ein ernsthafter und überzeugender, taktvoller Mensch sein. Er dürfe sich nicht anmaßend, stolz und aufbrausend geben. Man müsse in ihm eine innere Kraft spüren, die nicht erschrecke, die aber gleichwohl sich ihrer Macht bewußt sei. In mancher Hinsicht ist - muß vielleicht - der Schamane nicht nur gesund, sondern über den Durchschnitt hinaus rage und überlegen sein (Kai Donner, zit. bei Eliade 1975; Hahn 1978; s. auch Handelman 1968).
Der Beginn der Berufung zum Schamanen liegt meist in dem Alter der späteren Pubertät bis Adoleszen Manchmal gibt es aber schon Geburtszeichen (wie zum Beispiel die Eihaut über dem Kopf des Neugeborenen), die auf eine spätere besondere Berufung hinweisen.
Es gibt bestimmte Prodromalerscheinungen, die die Berufung zum Schamanen ankündigen: Diese Menschen ziehen sich in die Einsamkeit zurück, oft monatelang, sie meditieren viel, sie erscheinen den anderen Menschen als geistesabwesend oder wie in Trance, manchmal auch wie ohnmächtig oder lethargisch. S; haben vielfach prophetische Träume, begegnen im Tages-Wach-Bewußtsein bedeutungsvollen Tieren; auch in außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen können sie Erscheinungen von besonderen Tieren (z. B. Totemtieren) oder von Ahnengeistern haben. Manchen widerfahren visionäre Begegnungen und Bannungserlebnisse durch Perceptionen, wie sie gewöhnliche Menschen nicht in solcher Bildkraft haben (Halluzinationen).
Die eigentliche Initiation des Schamanen, die Stufen seiner Einweihung, bestehe aus drei Elementen: Der sogenannten Krankheit des Schamanen, seinen Träume und seinen Ekstasen (s. Eliade 1975; Findeisen 1957). In den noch nicht degenerierten Formen des Schamanentums führt die qualvolle »Krankheit« zum Untergang durch Zerstückelung. Der Schamane wird in allen Teilen, selbst dem Skelett, zerrissen, auseinandergenommen, zerfetzt, zermalmt - und er muß alles dies, was an ihr geschieht, auch noch selbst wach beobachten. Äußerlich ist er um diese Zeit o mehrere Tage oder Wochen wie scheintot, hat Anfalle, Ekstasen, Visionen. Er erlebt dann unter seinen eigenen konvulsivischen Anstrengungen die Resynthese zu einer neuen Wesen. Neue Augen werden ihm eingesetzt (Eliade 1975). Der Initiant muss die außerhalb der gewöhnlichen Realität liegenden Sphären kennenlernen: Er erlebt den Abstieg in die Unterwelt, wo er die Männer der großen Krankheit und de Herrn des Wahnsinns trifft und wo die Seelen verstorbener Schamanen ihn auseinandernehmen, mit neuen Organen ausstatten, zusammensetzen, schmieden, d. h. härten (Eliade 1975). Dann folgt die Auffahrt in den Himmel, die kosmische Reise und schließlich die Rückkehr zur Erde, um seine Berufung anzutreten. In Träume und Visionen werden ihm Einsichten in seine und seiner Gesellschaft animistisch Welt gewährt. In Ekstasen tritt er aus dem Tages-Wach-Bewußtsein aus. Krankheit Traum und Ekstase machen ihn zu einem Eingeweihten (Mystes).
Die Initiation zum Schamanen als ursprünglicher Heilsgestalt mit der destruktiven Krise, der Resynthese, der kosmischen Reise und der Rückkehr zur Erde folgt einem generellen weltweiten Initiationsschema von Leiden, Tod und Auferstehung wie es auch in der christlichen Mythologie nachweisbar ist2.
Im Zentrum der schamanistischen Rituale steht die Ekstase, der Trancezustand Es ist dies ein partieller oder vorübergehend auch totaler Austritt aus dem Tages-Wach-Bewußtsein und der menschengemeinsamen Realität. Im psychiatrisch-psychologischen Sinne ist es ein dissoziierter Zustand, weil wenigstens partiell auch noch Realitätsbewußtsein für die mitmenschlich gemeinsame Realität der Umgebung vorhanden ist, weil eine Beziehung zu den Umgebungspersonen möglich i s Gleichzeitig ist der Schamane offen für die Geisterwelt, kann Geister herbeirufe! sie um Hilfe ersuchen, sie aber auch beschwören und bannen. Er ist offen für »außerweltliche« Wahrnehmungen, submarginale und transmarginale Perceptionen (Findeisen 1957). In einem Teil der Ekstasezeit ist eine volle oder partielle Selbstkontrolle und Eigenaktivität noch möglich, auf dem Höhepunkt der Ekstase kann aber der Schamane in einen kataleptisch starren Zustand verfallen, aus dem er ohne fremde Hilfe nicht mehr heraus kommt.
Das Besondere der Ekstase des Schamanen ist, daß diese Zustände selbst induziert und selbst gesteuert sind. Darum nennt Eliade den Schamanen einen Meister der Ekstase: Er meistert den Übergang in andere Bewußtseinsbereiche. Er erzeugt die Ekstase mit verschiedenen Techniken, die grob in pharmakologische und nicht pharmakologische Methoden eingeteilt werden können. Sehr häufig werden Halluzinogene verwendet (von Eliade (1975) wertend ein »vulgärer Ersatz« für die reine Trance genannt). Das Wissen der Menschheit um halluzinogene Substanzen in der Pflanzenwelt ihres Lebensraumes und um verschiedene Applikationstechniken (oral, parenteral, nasal, inhalatorisch etc.) ist erstaunlich differenziert. Manche Schamanen erreichen die Ekstase durch Vorbereitung in Isolation, erschöpfende körperliche Anstrengung wie Tanzen oder Rennen, durch Hitze, durch Dursten, durch Fasten, durch Musik (vor allem die rhythmische Musik der Schamanentrommel). In manchen Gegenden (z. B. Süd- und Südostasien, Nordamerika) gibt es Torturen zur Erzeugung von Ekstasen. Bei den tibetischen Orakelpriestern mag vielleicht auch eine Abschnürung der Halsvenen mit einem Stau des venösen Blutes im Kopf mit eine Rolle spielen (Schüttler 1971). Häufig kommt auch eine Räucherung (Fumigation), d.h. Inhalation von Rauch, vielleicht auch mit Halluzinogenen zusammen, zur Anwendung. Andernorts wird eine Blickfixation auf einen Stein, auf die Sonne, auf das Feuer eingesetzt. Vielfältig sind die Atemtechniken, wobei für die Ekstase oft eine Hyperventilation (in Kombination mit Fumigation) sowie dazwischen das Einschalten langer apnoischer Pausen eingesetzt werden.
Schließlich ist für die Erzeugung der Ekstase auch zu bedenken, daß die gesamthafte Lebensführung und funktionelle Einordnung des Schamanen in seine Gesellschaft auf die wiederholte selbstinduzierte Ekstase hin orientiert ist und daß diese sowohl in des Schamanen eigener Erwartung wie in der seiner Sozialgruppe zu seinen Aufgaben gehört. Ein einfaches schamanistisches Heilungsritual konnte der Autor in Ceylon beobachten (s. Scharfetter 1977).
In einem einfachen Ritual geht die »Austreibung« des Dämonen so vor sich: Auf dem Boden wird mit Reiskörnern ein Yantra, ein magisches Quadrat mit Diagonalen, ausgelegt. An den vier Eckpunkten und in dem Schnittpunkt der Diagonalen wird je eine Kokosnuß und Blumen, Räucherstäbchen, Weihrauch und ein Öllämpchen aufgelegt. In einer Räucherpfanne daneben wird Holzkohle glühend gehalten und immer wieder mit Weihrauch bestreut. Der Therapeut spricht und singt mit mantra-artigen Wiederholungen, mit weitausholenden Armgebärden und Tanzschritten vor dem Yantra und vor dem daneben sitzenden oder liegenden Kranken. Dann setzt er sich rezitierend vor das Yantra, entnimmt seiner Hand durch Nadelstich Blut und gibt je einen Tropfen davon auf die Pole eines angewärmten Hühnereis. Dieses wird dann auch eingeräuchert. Nach längerem Singen legt sich der Therapeut auf einer Matte nieder. Unter die Matte werden zwei Querstangen geschoben. Dann wird er von Gehilfen aufgehoben und einmal um seine Achse gedreht. Dann liegt der Therapeut ausgestreckt am Boden, hält das Ei zwischen erster und zweiter Zehe des rechten Fußes fest. Nun versetzt er sich willentlich in einen Ausnahmezustand: er keucht, überatmet, macht Atempausen, knirscht mit den Zähnen, schäumt mit dem Mund, ballt die Fäuste, stöhnt, inhaliert wiederholt dichte Weihrauchdämpfe (ohne dabei zu husten). Seine Augen sind fest geschlossen. Der Kopf geht zeitweise ruckartig hin und her, fast einem Beginn eines epileptischen Anfalles ähnlich. Dann drückt es ihm den Kopf nach hinten, und der ganze Körper wird steif und starr. Die Gliedmaßen können nun weder vom Therapeuten selbst noch von den Umgebungspersonen mehr gebogen werden, auch nicht mit großer Kraftanstrengung. Die Pupillen sind dabei mittelweit und reagieren normal auf Licht. Die Sehnenreflexe sind nicht auslösbar, der Fußsohlenreflex mit minimaler Zehenbeugung vorhanden. Die Bauchdecken sind weich. In dieser Starre verharrt der Therapeut etwa eine halbe Stunde. Länger als 45 min darin zu verbleiben ist für ihn gefährlich. Er kommt nicht mehr von selbst aus dem Starrezustand heraus. Nach der angegebenen Zeit träufelt ihm sein Gehilfe ein mit scharf riechenden Essenzen versetztes Gebräu ins Gesicht und auf die Zunge. Die Atmung wird regelmäßiger. Arme und Beine sind weiterhin völlig starr. Und nun machen sich vier starke Männer an die Arbeit, und ihnen gelingt es mit vieler Mühe und nach langer Anstrengung, zunächst die Arme, dann die Beine des Therapeuten in Ellbogen und Knie zu beugen. Damit ist der Bann gebrochen, der Therapeut ist wieder Herr über seine eigene Motorik, setzt sich sichtlich erschöpft auf. Er trinkt den Rest der Essenz und nimmt nun das bisher mit dem rechten Fuß gehaltene Ei in die Hand. In diesem Ei ist nun durch die Kraft des Therapeuten der Dämon. In dem psychischen Ausnahmezustand, durch die Beschwörung des Singens und Räucherns vermochte der Therapeut den Dämon aus dem Kranken herauszureißen und in die mittlere (in dem Diagonalenschnittpunkt gelegene) Kokosnuß zu verbannen, von dort durch Berührung, durch Räucherung und weitere Beschwörungsformeln in das Ei. Das Ei wird nun vom Therapeuten an einer Dreiweggabelung über den Kopf nach hinten geworfen und zerbricht. Der Dämon kann entweichen.
Dies ist ein einfaches Ritual, das mit allen Vorbereitungen etwa 3-5 h in Anspruch nimmt. Bei schwer zu vertreibenden Dämonen aber kann sich ein solches Ritual über mehrere Tage hinziehen. Außer dem Kranken nehmen die Familie, die Dorfbewohner, die Gehilfen des Therapeuten teil. Man kann sich vorstellen, daß dies die suggestive Eindrücklichkeit solcher Maßnahmen noch verstärkt.

Schamanismus und Psychopathologie

In der älteren Literatur ist viel die Rede von der Schamanenkrankheit. Dies geht vor allem von russischen Forschern aus, die im nordasiatischen Raum den Schamanismus studiert haben. Es sind vor allem die russischen Autoren Krivoshapkin (1861), Vatasevskij (1911), Zelenin (1936), die in teils naiver, teils anmaßender europäischer »Aufgeklärtheit« den Schamanismus überhaupt als pathologisches Phänomen erklären wollten. Diese Autoren berufen sich auf die Bezeichnungen der Schamanen als besessen, geistesgestört, idiotisch, wahnsinnig (s. Nioradze 1925) und die allgemeine Annahme, daß die Vorbereitungszeit eine Zeit der Krankheit sei (Nioradze 1925). Ohlmarks (1939) bringt den Schamanismus mit einem völlig überdehnten Konzept der arktischen Hysterie in Beziehung. Andere Autoren setzen den Schamanen einem Geisteskranken gleich, zumindestens einem Neurotiker, Hysteriker oder Epileptiker, s. dazu auch Ackerknecht (1943), Devereux (1957, 1961), Fabrega und Silver (1973), Hallowell (1942), Linton (1939), Myerhoff (1976), Opler (1959) und Silverman (1967). Einzelne suchten nach Parallelen im Erleben von Schamanen und Schizophrenen3. Lommel (1965) deutet den Schamanismus als überwundene Geisteskrankheit, als Kompensation einer »ursprünglich lebensuntüchtigen Veranlagung«. König (1975) führt diesen Gedanken sozioökonomisch interpretierend weiter aus: Der Schamane sei ein Außenseiter, der für die Arbeit aus Schwäche, Kränklichkeit oder Ungeschick nicht recht zu gebrauchen sei. In Krisenzeiten werde der für die Arbeit Entbehrliche geopfert, um gegen die Dämonen eingesetzt zu werden, er werde als Blitzableiter hinausgestellt, wie im christlichen Bereich der schwächliche Bauernsohn zum Pfarrer bestimmt werde. Zu dieser dem Schamanentum wohl nicht gerecht werdenden Deutung paßt vielleicht noch am ehesten die schwächste der drei Kategorien von Schamanen, die es bei den Jakuten gibt (Nioradze 1925), nämlich eine Art primitiver Zauberer und Heiler.
Findeisen (1957), der das nordasiatische Schamanentum studiert hat, wehrt sich mit überzeugenden Gründen vehement gegen die Tendenz, den Schamanismus als pathologisches Phänomen abzutun. Er legt anhand der Biographie und der Beschreibung der Funktionen des Schamanen dar, daß der Schamane ein besonders begabter Mensch ist, der durch diese seine besondere Begabung allerdings schon früh aus dem gewöhnlich-alltäglichen Rahmen herausfällt. Findeisen (1957) sieht den Schamanismus daher als ein mediumistisch-spiritistisches Phänomen an. Nach ihm ist der Schamane ein Medium, ein für Trance begabtes Wesen, das einen größeren Perceptions- und Einflußbereich als der gewöhnlich-alltägliche Mensch hat. Man könnte diese besondere Begabung und diesen besonderen Weg als paranormal bezeichnen, um das Wort abnorm zu vermeiden, das heute so leicht fälschlich gleichgesetzt wird mit psychisch gestört oder krank.
Auch Eliade (1975) stellt sich durchaus gegen die Aburteilung des Schamanismus als schlicht krankhaft. Er betont, daß der Schamane nicht einfach ein Kranker sei, sondern ein außergewöhnlicher Mensch, der sich aus einer Krise selbst geheilt habe (Eliade 1975). Er sagt dazu: »Daß diese Krankheiten fast immer in einer Beziehung mit der Berufung zum Medizinmann erscheinen, hat nichts Überraschendes an sich. Wie der Kranke, so ist auch der religiöse Mensch auf eine Lebensebene geworfen, welche ihm die fundamentalen Gegebenheiten der menschlichen Existenz enthüllt, ihre Einsamkeit, ihre Unsicherheit und die Feindseligkeit der sie umgebenden Welt.«
Wir können festhalten: Der Schamane ist gerade dadurch charakterisiert, daß er in der Initiation die eigene destruktive Krise im synthetisch-konstruktiven Sinn überwinden konnte. Der Schamane ist durch seine schöpferische Begabung (Lommel 1974) fähig, selbst den Heilungsvorgang einzuleiten, ihm gelingt die Selbstüberwindung der Krankheit, er meistert die Anfalle und ihre Ursache. Die Selbstheilung ist die Initiation für die Fremdheilung. Das Überwinden der eigenen Desintegration, der Gewinn der Resynthese weihen ihn zum Heiler, legitimieren ihn als Medizinmann. Die eigene desintegrative Krise macht ihn zum Kenner der Krankheitsgeister, zum Beherrscher der Ekstase. Die Selbstheilung macht ihn zum Therapeuten. Daß Menschen mit solch außergewöhnlicher Begabung auch außergewöhnliche Lebenswege gehen, ist selbstverständlich. So muß der Schamane trotz und gerade wegen seiner wichtigen vielfältigen Funktionen in seiner Gesellschaft als ein Einzelner seinen Sonderweg gehen. Darum sagt der Eskimo-Schamane Najagneq zu Rasmussen (Eingangszitat bei Lommel 1965): »In der Zeit unserer Vorväter waren die Geisterbeschwörer einsame Männer ... Sie opferten sich um des Gleichgewichts im Universum willen: um unermeßlich, unergründlich großer Dinge willen.« Ins Geheimnis der Menschenwelt, die nur ein Teil des unfaßbaren Einen ist, ins Geheimnis Eingeweihte (Mysten) gibt es immer nur wenige. Aber daß sie als exemplarische Gestalten des Menschseins da sind, ist wichtig. Sie repräsentieren die Weisheit. So sagte der Eskimo-Schamane Igjugarjuk zu Rasmussen (s. Schlußzitat bei Lommel 1965): »Alle wahre Weisheit findet man nur fern von den Menschen, draußen in der großen Einsamkeit, und sie kann nur erlangt werden durch Leiden. Entbehrungen und Leiden sind das einzige, was den Sinn eines Menschen für das öffnen kann, was den anderen verborgen ist

Schamanisieren und Psychotherapie


Die Frage nach Gemeinsamkeiten unserer heutigen Psychotherapie mit dem Schamanismus, der Ausbildung zum Psychoanalytiker in der Lehranalyse mit der Initiation zum Schamanen wird davon ausgehen müssen, was denn überhaupt beim Schamanisieren in einem Heilungssuchenden und im Heiler wirke. Es ist naheliegend, die Heilwirkung mit Suggestion zu erklären. Schmidbauer (1969) sieht die Suggestion als einzigen gemeinsamen Nenner der einzelnen schamanischen Heilverfahren. Aber was ist mit der Einführung des Terminus Suggestion erklärt? Daß durch seelische Einflußnahme seelische und somatische Umstellungen mannigfacher Art möglich sind, weiß man aus Glaubensheilungen und aus Hypnosewirkungen. Im heilenden Glauben, in der Hypnose, in der Suggestion werden offenbar Kräfte geweckt und Möglichkeiten psychophysischer Umschaltungen aufgetan, die sonst brachliegen. Ein Blick auf die Volksmedizin, die Medizin der Naturvölker (s. Kiev und Frank 1964) zeigt, wie der Heiler ein Mittler zwischen dem Patienten und seiner Gesellschaft durch dessen Einbettung in die überindividuelle Ordnung ist. Der Therapeut weckt im Kranken Heilkräfte der Gefühle und Einstellungen, Zuversicht, Hoffnung, Glauben mittels der Autorität seines Status in der Gesellschaft. Der Medizinmann weiß um die therapeutisch-rekonstruktive Macht von Symbol, Ritual und Glaube. Damit bereitet er die Rehabilitation vor: Die Überwindung der Selbstentwertung durch Hilflosigkeit und Abhängigkeit in der Krankheit.
Doch fragen wir weiter: Zeigt die Morphologie des Psychotherapeuten Ähnlichkeiten mit der schamanischen Struktur? Wenn viele Therapeuten »unbewußt« ihre eigenen Konflikte und Verhaltensschwierigkeiten überwinden möchten, indem sie Heiler werden, wenn dies ein wichtiges Motiv für das Durchstehen der Lehranalyse sein kann, für den Abstieg ins eigene Unbewußte, für die Rekonstruktion der eigenen traumatisierenden Geschichte, für den Erwerb einer gewandelten, neuen Identität des Analysierten, der die eigene Bedrohung in Neurose, vielleicht gar Psychose überwunden hat, so bietet sich tatsächlich der Vergleich mit prodromaler Krise, Zerstückelungserlebnis, Rekonstruktion und Neugeburt in der Initiation des Schamanen an. Der Analytiker hilft das persönlich Unbewußte zu erkennen, der Schamane hingegen fugt seinen Kranken in eine überindividuelle Ordnung universal-kosmischer Art ein. Der Schamane stellt für seinen Patienten, der durch den Einbruch kosmischer Disharmonie erkrankt ist, die Ordnung der Seinssphären wieder her. Das macht seinen Patienten gesund. Dieser Einfluß allerdings geht weit über die Wirkungsmöglichkeit eines Analytikers hinaus.
Levi-Strauss (1967) nennt die Psychoanalyse die moderne Form der schamanischen Technik. Die Übertragung zum Analytiker wird verglichen mit der Identifikation des Kranken mit seinem schamanischen Heiler. Der Schamane erklärt dem Kranken seine symbolische Krankheitsinterpretation, macht sie also bewußt. Diese Erfahrung kann psychosomatisch heilend wirken. Indem Levi-Strauss das Freud'sche Unbewußte, das vom Analytiker überschaubar gemacht wird, als Komposition von allgemeinmenschlichen Strukturen konzipiert, gelingt ihm eine Parallele zu der Ordnungsvermittlung eines Ekstasepriesters.
Eben diese überindividuell-kosmische Harmonisierung stellt Schmidbauer (1969) in Beziehung zu Jungs Individuationsprozeß, der die Integration auch des kollektiv Unbewußten in der Lehranalyse anzielt. Das Eintauchen ins Unbewußte ist Voraussetzung für die Wandlung, die Wiedergeburt. Lehranalyse und Schamanenausbildung verbreitern die Kontaktfläche zwischen Bewußtsein und Unbewußtem, die Psychoanalyse mit dem Ziel, daß aus Es Ich werde, das Schamanisieren, indem es das persönliche Leiden in der Krankheit zu »Es« werden läßt, allerdings in einem anderen Es-Konzept: Es im Sinne eines universal-kosmischen überindividuellen Ordnungsgefüges, in dem der einzelne Mensch nur ein winziger Partikel ist (s. Schmidbauer 1969). In diesem Sinne »einer Stärkung der kollektiven Psyche« durch »Aktivierung der unbewußten Kräfte« deutet auch Lommel (1965) die Wirkung der schamanischen Trance.
Für uns heute, die wir in der Profanisierung und professionellen Spezialisierung nur mehr Schwundstufen einstigen Schamanentums vorfinden, tauchen da Fragen auf, die wir freilich nicht beantworten können: Was wird in unserer Gesellschaft aus Menschen mit einer solchen paranormalen Begabung? Finden sie ihre Nischen in der Gesellschaft, in der sie integriert bleiben können, in sich selbst und mit ihrer Umwelt, in der sie ihre Begabung auch als Fähigkeit für andere zum Austrag bringen können? Sind das heute vielleicht die »guten« Ärzte, die »begabten« Psychotherapeuten? Der gute Psychotherapeut muß die eigene und seines Patienten Psychopathologie überschreiten können, sonst bleibt die Entwicklung des Patienten im Prozess der Therapie, in der Faszination durch die Pathologie und in der »Bewertung« ihrer Interpretation stecken. Sind Hypnotiseure, Handaufleger, Chiromanten, Astrologen, Urinbeschauer, Irisdiagnostiker und Kräuterheiler die Reste archaischen Schamanentums? Sind uns nicht eine Reihe von den Heilmöglichkeiten der Schamanen in der Technisierung verlorengegangen, selbst der Psychotherapie? Können wir den kranken Menschen in einer überwältigenden Weise so in seinem Bewußtsein bewegen, daß in seiner psychophysischen Einheit mächtige Heilkräfte geweckt werden? Innerhalb der Christenheit versucht die charismatische Bewegung auf die ursprüngliche Heilsbedeutung des Glaubens zurückzukommen, auf die Heilkräfte, die von einer gläubigen Ergriffenheit kommen.
Unterdrückt unsere rationalistische Leistungsgesellschaft wesentliche Teile menschenmöglicher Erfahrung (wie Laing 1969 meinte) und damit auch solche paranormalen Begabungen? Darf eine solche Begabung straflos unterdrückt, beiseite gedrängt werden, verkümmert sie einfach still oder könnten solche Menschen vielleicht in ein von uns heute als krank bezeichnetes Lebensgeleise kommen? Der für das Schamanentum begabte und dafür initiierte Mensch muß schamanisieren, so lauten die Berichte (s. Eliade 1975), sonst werde er krank, sterbe gar. Es ist ein Prozeß der fortgesetzten Selbstheilung, die die schamanische therapeutische Befähigung unterhält. Der zum Schamanen Berufene muß die Stufen der Einweihung gehen. Wer zum Medium, zum Vermittler der verschiedenen Seinsschichten, in die der Mensch eingebettet ist, aufgerufen ist, darf sich dem nicht entziehen. Der Weg des Eingeweihten ist einsam, entbehrungsreich, leidvoll. Warum sind von den vielen Menschen, deren Geister sich regen, nur wenige zum Schamanen berufen? Die Frage bleibt unbeantwortet (Eliade 1975). Auch hier gilt: »Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt

Zur Rezeptionsgeschichte des Schamanismus


Die populäre Rezeptionsgeschichte des Schamanismus

Seit dem 19. Jahrhundert wurde der Schamanismus als zentrales religiöses Phänomen der sogenannten Naturvölker von Ethnographen unter Prämissen wissenschaftlicher Erschließung ins Auge gefaßt. Die frühen Studien blieben meist bei der detaillierten Beschreibung und einer problematischen Interpretation bestimmter Aspekte des Schamanismus stehen. Erst die folgenden Generationen (ca. 1930 bis 1960) versuchten sich an einer systematischen Erfassung des Phänomens, widerstanden dabei jedoch kaum der Versuchung eines "Zusammenstreichens" von Beobachtungen gemäß ihrer systemgerichteten Anschauung.
Der Schamanismus war, wie sich am Umfang der entsprechenden Literatur unschwer erkennen läßt, bis Ende der 60er Jahre ein wenig beachtetes Feld spezialisierter Wissenschaftler. Die Gesamttendenz der wissenschaftlichen Bearbeiter ging dahin, den Schamanismus als eine Art Urreligion anzusehen, der sich in seinen medizinischen Anteilen rein abergläubischer Anschauungen und Methoden bediente.
Einen Tendenzwechsel in der Interpretation und eine enorme Popularisierung des Schamanismus verursachten die seit 1967 erscheinenden (angeblichen) Feldforschungsberichte des kalifornischen Kulturanthropologen Carlos Castaneda. Dessen spannend zu lesende Berichte über seine Lernerfahrungen als Schüler eines "Brujos" (Zauberers) der mexikanischen Yaqui-Indianer trafen auf ein durch die Studenten- und Hippiebewegung der 60er Jahre besonders präpariertes Publikum. Dieses hatte durch den damals massenhaften Gebrauch bewußtseinsverändernder Substanzen (Marihuana und LSD) sowie Kontakte mit Meditation und östlichen Weisheitslehren eine Sensibilisierung gegenüber anderen Wahrnehmungs- und Bewußtseinsformen erfahren. Außerdem suchte diese Jugendbewegung, die zeitweise globale Ausmaße anzunehmen schien, nach neuen Werten und Lebensorientierungen, die aus den Einengungen der materialistischen Weltanschauung hinausführen sollten.
Castanedas Schriften erreichten zwar eine breite Leserschaft und förderten das populäre Interesse am Schamanismus, führten jedoch nicht zur Vermehrung der Leserschaft des wissenschaftlichen Schrifttums. Dies rührte vermutlich daher, daß das bei gewöhnlichen Feldforschungen gewonnene Material meist spröde und für den nicht fachkundigen Leser unzugänglich ist. Allerdings kam es im Gefolge der amerikanischen Castaneda-Rezeption dazu, daß eine Reihe von Studenten sich von der Materie derart angezogen fühlte, daß sie selbst zu Ethnologen und Kulturanthropologen wurden und selbst Feldforschungen zum Schamanismus durchführten.
Anfang der 70er Jahre wurde, neben dem nach wie vor breit rezipierten Castaneda, ein Schamane der Shoshonee-Indianer namens Rolling Thunder bekannter, dessen Schüler Boyd einen Erfahrungsbericht verfaßte, der gleichermaßen weite Verbreitung fand. Dieser Bericht könnte insofern für eine nächste Phase der populären Rezeption stehen, als er ein bedeutend realitätsnäheres Bild von sozial verantwortlicher schamanistischer Haltung und Handlung wie auch das neu erstarkende Selbstbewußtsein der traditionsorientierten Indianer dokumentiert.
Gegen Mitte der 70er Jahre kehrten die Ende der 60er Jahre angeregten Feldforscher zurück und veröffentlichten ihre Berichte. Diese waren stark von einer neuartigen ethnographischen Methode geprägt, die sich bei Castaneda vorgebildet findet, nämlich derjenigen der "teilnehmenden Beobachtung", das heißt der unmittelbaren Einlassung der ethnologischen Feldforscher auf das Milieu, die Mentalität und die Lehren der Schamanen. Besondere Verbreitung erlangten die Arbeiten von Peter Furst, Michael Harner, Marlene Dobkin de Rios, Barbara Myerhoff und Douglas Sharon.
Anfang der 80er Jahre kam es dann unter dem Einfluß einiger dieser Autoren zu einem ersten internationalen Treffen von Schamanen im österreichischen Alpbach, wo es primär um einen Erfahrungsaustausch, aber auch um die weitere Förderung des Wissens um schamanistische Heilmethoden ging . Diese Veranstaltung korrelierte zeitlich mit dem Beginn der sogenannten "New Age"-Bewegung, die sich die Entwicklung und Popularisierung spiritueller Lebensmaximen und eine erweiterte Wahrnehmung menschlicher Innenwelt zum Ziel setzte.
Um die Mitte der 80er Jahre kam es dann zu einer enormen Verbreiterung der Publikationswelle zum Thema Schamanismus. Im deutschsprachigen Bereich stieg der Zahl der Buchtitel von 25 um 1980 über etwa 75 Mitte der 80er Jahre bis auf mehr als 220 Titel im Jahre 1998. Auf dem Hintergrund einer Bereitschaft des Massenpublikums zur Rezeption einer Vielfalt von okkultem Schrifttum seit Beginn der 90er Jahre (sogenannte "Esoterik-Welle") kam es zur ausufernden Publikation sowohl von "Fiktionalem" als auch von dokumentarisch wie wissenschaftlich Fundiertem zum Thema Schamanismus. Dies zeigt auch die vorliegende Bibliographie - allerdings mit einer Relationsverschiebung zugunsten der seriösen Publikationen.

 

Neo-Schamanismus?


Die oben skizzierte Rezeptionsgeschichte läßt vermuten, daß auch die zeitgenössischen Versuche einer praktischen Umsetzung schamanistischer Anschauungen und Methoden vielfältig gewesen sein dürften. Mit ähnlicher Vielfalt wie die über alle klimageographischen Zonen des Erdballs verbreiteten schamanistischen Lehren und Praktiken imponieren auch die modernen Versuche einer Adaptation schamanistischen Wissens an moderne materialistische Lebenswelten. Einer dieser Ansätze darf in dem bewußteren Umgang mit den Wirkungen psychedelischer Drogen wie LSD, Psilocybin oder MDMA ("Ecstasy") gesehen werden. Die Nutzung dieser Erfahrungsmöglichkeiten hat sich, nach einer von medizinischen und kulturellen Nebenwirkungen geprägten Anfangsphase, mittlerweile zur quasi professionellen Verwendung und einer weitgehenden kulturellen Integration entwickelt. Hierbei dürfte eine Assimilation von Teilen des schamanistischen Erfahrungsschatzes eine wichtige Rolle gespielt haben.
Wie schon oben angesprochen, kam es Ende der 70er Jahre zu einem Erstarken des indianischen Selbstbewußtseins und einer Vergrößerung der Aufnahmebereitschaft westlicher Menschen für die "Weisheit der Naturvölker", insbesondere der nordamerikanischen Indianer. Aus den daraus entstandenen Interessenlagen ergab sich ein neuer Vermittlungszusammenhang von indianischen Heilern, die ihre Tradition vermitteln wollten, und einer nicht geringen Anzahl westlicher Menschen, die dieses Wissen begierig zu suchen schienen. Ein Teil dieser mittlerweile in Gestalt von internationalen Konferenzen, Heilertreffen und einer Masse von sogenannten "Workshops" institutionalisierten "Bewegung" beansprucht den Titel "Neo-Schamanismus".
So wünschenswert eine respektvolle Würdigung und Nutzung historisch verschütteter Denkmodelle und Heilweisen sein mag, so ist doch zu bedenken, daß dieses Wissen stark traditionsgebunden i. S. eines Eingebettetseins in die ganz spezifischen Lebens(um)welten dieser Menschen ist - auf beiden Seiten, aber mit großen, wenn nicht unüberbrückbaren, Unterschieden. Von daher wird verständlich, daß über Konferenzen und Workshops sich kaum mehr als Rudimente vermitteln lassen und die angestrebte Vermittlung, bestenfalls über Aufnahme neuer Vorstellungsansätze und Absichtsbildungen erfolgen kann. Insofern stellt sich auch die Frage, inwieweit überhaupt von einem "Neo-Schamanismus" gesprochen werden kann. Einem der wenigen Definitionsversuche zufolge setzt sich der sogenannte Neo-Schamanismus nämlich aus verschiedenen Glaubenssystemen zusammen: "Die Arbeit und die Glaubensinhalte von Neo-Schamanen, Medien, Spiritualisten und Heilern weisen in vielen Aspekten große Ähnlichkeit auf".
Von daher ist zu vermuten, daß es so etwas wie Neo-Schamanismus lediglich als ein Gemisch schamanistischer Vorstellungen und Praktiken adaptiert an Bedürfnisse und Lebenshaltungen moderner westlicher Menschen geben kann. Am ehesten wäre eine produktive Verbindung mit in einer sich stärker zur psychologischen Dimension bekennenden Medizin vorstellbar. In dieser Hinsicht böten die über psychologische Faktoren wirksamen Placebo-Effekte, kathartische Techniken in der Psychotherapie und auch der therapeutische Einsatz veränderter Bewußtseinszustände interessante Ansatzpunkte. Gerade die naturwissenschaftliche Medizin hat jedoch wesentliche Teile ihres vom technischen Geist geprägten Selbstbewußtseins erst in Abgrenzung von "abergläubische" Krankheits- und Heilungsverständnis (Hexenverfolgung, Eurozentrismus usw.) gewonnen und dürfte von daher mit einer schwer überwindbaren, nur historisch zu verstehenden Ignoranz ausgestattet sein

 

Schamanismus, Aufklärung und Gegenaufklärung


Wie schon erwähnt, entwickelte sich der Schamanismus in den letzten zehn Jahren von einem Randgebiet ethnologischer Forschung zum Feld einer Flut von Publikationen im Rahmen der sogenannten "Esoterik-Welle". Schamanen werden in diesem Kontext als Alleskönner idealisiert und frei von zivilisatorischer Verstümmelung gewähnt.
Die Selbst- und Weltentfremdung des auf den Jahrtausendwechsel hingehenden Menschen westlicher Industrienationen steuert im Gerangel einseitig durch ökonomische Prinzipien gesteuerter gesellschaftlicher Regulationsprozesse auf einen neuen Höhepunkt sozialer und psychischer Verelendung zu. Das Sensorium innerer Wahrnehmung erscheint eingeschränkter und irritierter als je zuvor; Koordinaten und Werte menschlicher Entwicklung werden in den Idealen beworbener Konsumgüter gesucht. Diffuse Unzufriedenheit, wirtschaftliche Verelendung und geisterhafte Formen unsichtbarer Fremdbestimmung ergeben eine irritierte, haltsuchende Subjektivität, die an den Okkultismus-Boom der 20er Jahre im Vorfeld der faschistischen Verdunkelung erinnern kann. Der damalige Trend war geprägt von sozialer Verelendung und gesellschaftlicher Ohnmacht des Einzelnen, der in der Abgeschiedenheit der eigenen Seele nach "unabhängigen" Möglichkeiten der Sinnfindung und Befreiung suchte. Der kritische Soziologe Adorno warnte schon damals, daß "... der dort aufgespürte Sinn, der an sich ganz fehlt, zur bewußtlosen, zwangshaften Projektion des wo nicht klinisch, so historisch zerfallenden Subjekts" werde.
Bedenkenswert sind in diesem Zusammenhang die Verzerrungen im Verhältnis von Mensch und Natur. Angefangen von der magischen (und angstvollen) Inbegriffenheit des vorgeschichtlichen Menschen in die Natur, über die christliche Dämonisierung der Natur im Mittelalter, entwickelt sich das Naturverhältnis zur neuzeitlichen wissenschaftlichen Objektivierung und rücksichtslosen anthropozentrischen Nutzung. Zentrales Agens eines integralen Naturverständnisses unserer Vorfahren war nicht nur die religiöse Zentralfigur der Erdgöttin, die das Gesamt der Natur repräsentierte, sondern auch die Kontaktaufnahme der Menschen mit den Naturgeistern über Bewußtseinszustände wie Traum, Trance und Ekstase. Diese Zustände transzendieren das rationale Tages-Wachbewußtsein als Instrument der Naturbeherrschung und schaffen wichtige Relativierungen ausbeuterisch eingeengter Wirklichkeitsschau. Hierin offenbart sich auch der schizoide Grundkonflikt des modernen Menschen. Dieser enthebt sich der sinnlich-sympathischen Lebensordnung der Naturvölker in die geistig-logische Weltordnung der Moderne. Auf dem Boden dieser Spaltung wird die Dichotomie von normal und anormal errichtet, die den Abendländer darum bringt, im Anderen, im Kranken, im Wahnsinnigen Möglichkeiten seiner eigenen Existenz zu begegnen. Tatsächlich ist die Verminderung des Pathischen, jener Sphäre des Enthusiasmus, der Ekstasis, der "erschütternden emotional-rezeptiven Akte" (Mühlmann) in unserer Kultur, die von der Emphasis des eingreifenden Handelns geprägt ist, nicht ohne Rekurs auf das historisch vermittelte Selbstverständnis des Abendländers zu erklären.
Die sich in kritischer Distanzierung und rationalistischer Vereinseitigung von der Unmittelbarkeit des Gegebenen distanzierende Haltung der geschichtlichen Aufklärung wird von ihrer verleugneten Nachtseite, all dem der aufklärerischen Vernunft Entgangenen und von ihr ins Abseits Gestellten eingeholt. Diesen - der Aufklärung immanenten - gegenaufklärerischen Prozess haben in der sozialpsychologischen Dimension Nitzschke , anhand der Literaturhistorie Lenk und an der historischen Scheidung von Vernunft und Unvernunft, die der Diskriminierung von Verrücktheit voranläuft, Foucault eindrücklich nachgezeichnet.
Nicht nur Rausch und Ekstase erscheinen seit den 60er Jahren als Bedrohung der Vernunft wieder im gesellschaftlichen Raum, auch die naturwissenschaftliche Medizin hat sich zunehmend mit Reaktionen auf ihr vereinseitigtes, wenig ganzheitliches Denken und Behandeln auseinanderzusetzen. Die ohnmächtige Kritik bedient sich allerdings zumeist weniger einer immanenten Kritik als des Ausweichens in idealisierte Gefilde einer großenteils fragwürdigen, aber um so weniger hinterfragten "alternativen Medizin".
Der Schamanismus verkörpert demnach gleich drei Nachtseiten abendländisch-aufklärerischer Kultur:
1. Die Ausgrenzung von Rausch, Ekstase, meditativer Selbstwahrnehmung und anderen "unvernünftigen" Wahrnehmungsformen.
2. Den Traditionsabbruch bzw. die Destruktion der überlieferten Heilkunde durch die naturwissenschaftliche Medizin.
3. Die Vernichtung des animistischen und symbiotischen Naturverständnisses (und der damit zusammenhängenden Rituale) und dessen Ersetzung durch einen mechanistischen Materialismus.
Der "primitiven" Furcht vor der Welt und sich selbst scheint der moderne Mensch "... ledig zu sein, wenn es nichts Unbekanntes mehr gibt. Das bestimmt die Bahn der Entmythologisierung, der Aufklärung, die das Lebendige mit dem Unlebendigen in eins setzt wie der Mythos das Unlebendige mit dem Lebendigen".
Aus dem Vorstehenden ergibt sich, daß eine kritische Rezeption des Schamanismus einerseits zur Rekonstruktion eines ganzheitlicheren Bildes vom Menschen, insbesondere seiner geistig-religiösen Bedürfniswelt, und zu einer weniger reduktiven Naturauffassung führen als auch andererseits eine destruktive Rückbildung des Bewußtseins anzeigen und weiter begünstigen kann.
Angesichts der zeitgenössischen ökologischen und kulturellen Probleme gibt es durchaus zu Recht eine Attacke auf das bestehende rationalistisch-technizistische Menschen- und Naturverständnis; es bleibt nur die Frage, ob sich in Gestalt der "Esoterik-Welle" und der damit einhergehenden breiteren Rezeption des Schamanismus eine der "Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer/Adorno) potentiell immanente kritische "Selbstaufklärung der Aufklärung" über ihre Grundlagen entfaltet oder vielmehr der von dem Sozialpsychologen Hans Kilian postulierten "regressiven Inflation kollektiver egozentrischer Subjektivität" Vorschub geleistet wird.

 

Einführung zum Thema Parapsychologie

Folgt man dem Freiburger Psychologen Eberhard Bauer, so umfaßt die Parapsychologie in ihrem Zentrum:
-- Untersuchungen zur Erforschung ungewöhnlicher («anomaler») Kommunikations- und Aktionsformen der menschlichen Psyche, die üblicherweise als «außersinnliche Wahrnehmung» oder als «Psychokinese» bezeichnet werden. Darunter fallen die Sammlung, Nachprüfung und Analyse einschlägiger Berichte wie auch Versuche zu ihrer experimentellen Verifikation im Labor. Das dabei gewonnene Material wird vorläufig kategorisiert als (Telepathie, Hellsehen, Präkognition und Prophetie, Retrokognition, Fernwahrnehmung (remote viewing)).
-- Untersuchungen zu veränderten Bewußtseinszuständen (hypnotische Trance, Träume, Persönlichkeitsdissoziation, außerkörperliche Erfahrungen (out-of-body experiences), Erlebnisse in Todesnähe (near-death experiences) einschließlich der paranormalen Effekte, die mitunter mit solchen Zuständen verknüpft zu sein scheinen).
-- Untersuchungen zum Problem «paragnostischer» oder medialer Aussagen (parapsychische Sensibilität oder Medialität, automatisches Schreiben und andere psychischen Automatismen).
-- Untersuchungen zum Problem eines Überlebens nach dem Tod (Survival-Hypothese) einschließlich der «Evidenzklassen», auf die sich der Spiritismus stützt («Channeling», «Wiedergeburtserinnerungen» oder Verhaltensreminiszenzen an «frühere Leben» (Reinkarnation), das Sprechen nichtgelernter fremder Sprachen (Xenoglossie).
-- Untersuchungen zu historischen, sozialen und psychologischen Aspekten der oben genannten Phänomene; auch im interkulturellen Vergleich.
-- Die Entwicklung theoretischer Ansätze zum Verständnis solcher Phänomene.
Vor der Etablierung eines Wissenschaftszweiges zur systematischen Erforschung um die Jahrhundertwende wurden diese Phänomene nur in sogenannte "okkultgläubigen" Zirkeln überhaupt ernstgenommen, aber aus dem Bereich der wissenschaftlichen Naturforschung herausgedrängt.
Obgleich sich die betreffenden Phänomene anscheinend nur äußerst schwer unter Laboratoriumsbedingungen "erzeugen" und untersuchen lassen, darf doch aufgrund der in die Zehntausende gehenden Berichte über ihr spontanes und unvorhersehbares Auftreten ihre Existenz als relativ evident angesehen werden. Besonders interessant erscheint, daß die Parapsychologie auf einen Bereich zugreift, der einen "neuralgischen" Punkt weltanschaulich-philosophischer Kontroversen ausmacht. So lautete etwa das Fragen der "Okkultisten" (=frühe wissenschaftliche Erforscher und Glaubensanhänger dieser Phänomene) des letzten Jahrhunderts sinngemäß: Ist das Universum ausschließlich durch die Gesetze der Materie bestimmt und somit das Leben nur ein Mechanismus oder ist dort Raum für "Geist" und "freien Willen"?
Im Rahmen der naturwissenschaftlich gesteuerten Industrialisierung des letzten Jahrhunderts gewannen materialistische Anschauungen klar das Übergewicht. Zugleich drohte die Religion durch den Erkenntnisweg der Wissenschaft verdrängt zu werden. Damals gab es selbstverständlich auch Bestrebungen, den überwältigenden Einfluß der materialistischen Weltanschauung aufzuhalten bzw. wieder zurückzudrängen. So versuchte man auch durch den Nachweis von Phänomenen, die gegen materialistische Erklärungen verstoßen bzw. über sie hinauszugehen scheinen, dem Geist des Menschen als einem über die materielle Welt erhabenen Wesen seinen verlorengehenden Stand zurückzugeben. Diese Zielsetzung findet sich noch in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts in dem "Rhine'schen Paradigma" des bekannten Parapsychologen J. B. Rhine. Dieses definiert als wichtigste Aufgabe der Parapsychologie, "den Physikalismus mit physikalischen Mitteln zu widerlegen" (etwa durch den experimentellen Nachweis der Möglichkeit seelischer Beeinflussung von materiellen Vorgängen; sogenannte "Psychokinese"). Auch unter den Philosophen gab es anscheinend während aller Zeitalter ein - je nach weltanschaulicher Ausrichtung - gespaltenes Verhältnis zur Annahme derartiger Phänomene: von selbstverständlicher Zustimmung (etwa bei Immanuel Kant, Henri Bergson, Arthur Schopenhauer u.a.) bis zu krasser Ablehnung und Diskreditierung (Newton, La Mettrie u.a.). Demnach läge es nahe, daß sich einmal ein Philosophiehistoriker mit diesem Thema auseinandersetzen würde; doch das ist bisher nicht wirklich geschehen.
Heutzutage fällt in das Forschungsgebiet Parapsychologie nicht mehr nur die Ausforschung der quasi "klassischen" Phänomene, sondern auch Randgebiete anderer Wissenschaftszweige wie der Bewußtseinsforschung (Nah-Tod-Erfahrungen, mystische Erlebnisse, visionäre Erlebnisweisen usw.), der Philosophie und Physik (Implikationen moderner physikalischer Theoreme für und wider die Annahme solcher Erscheinungen), der (Neuro-)Physiologie (physiologische Parameter und Korrelate solcher Erlebnisse). Die wissenschaftliche Stellung derartiger Forschungen erscheint heute weniger problematisch und ist teils schlicht anerkannt. Entsprechende Forschungen konzentrieren sich heute - neben einer genauen Charakterisierung der Erscheinungen - vor allem auf den Versuch, zumindest einige Variablen für deren Auftreten wissenschaftlich einzugrenzen und beschreibbar zu machen.
Der Großteil des bisher dazu beigebrachten Materials ist nicht in Büchern, sondern in Fachzeitschriften und Kongreßberichten publiziert worden. Auch nachdem die Parapsychologie in die renommierte "American Association for the Advancement of Science (AAAS)" als legitimer Forschungsbereich aufgenommen wurde, muß ein großer Teil ihrer Forschungen noch immer privat finanziert werden. Außerdem ist durch die "Ausgren-zungspolitik" etablierter Forschungsinstitutionen ihr wissenschaftlicher Status immer noch in Frage gestellt.
Diese grundsätzliche Infragestellung scheint der Parapsychologie jedoch mehr aus wissenschaftlichen Gremien, als vom einzelnen Wissenschaftler aus entgegenzuschlagen. So ergab eine Umfrage der bekannten Wissenschaftszeitschrift "New Scientist" (1973) bei 1500 Wissenschaftlern, daß 67 % der Befragten das Vorhandensein von außersinnlicher Wahrnehmung annehmen und sogar 88 % diesen Bereich für ein legitimes Gebiet wissenschaftlicher Forschung halten.
Es soll hier nicht verschwiegen werden, daß ein geringer, aber nicht unwesentlicher Teil positiver Ergebnissen bei parapsychologischen Studien, wenn nicht durch Betrug, so doch wenigstens durch fragwürdige Selektion und statistischen Weiterverarbeitung der (zum Beispiel Verschweigen von Negativ-Resultaten) zustande gekommen ist. Der Nachweis solcher Manipulationen hat dem gesamten Forschungszweig enormen Schaden zugefügt und muß bei einem weltanschaulich so hochsensiblen Gebiet besonders gerügt werden. Nichtsdestoweniger gibt es viele seriöse Forschungsbemühungen, die in einigen Bereichen schon wissenschaftlich beweiskräftiges Material hervorgebracht haben. Außerdem konnten einige Phänomene (wie etwa außerkörperliche Erfahrungen und Nah-Tod-Erfahrungen) durch das von Parapsychologen wachgehaltene Interesse erforscht und einer wissenschaftlichen Erklärung nähergebracht werden.

DAS POWWOW


Powwow Der Ausdruck "Powwow" leitet sich vermutlich von dem Algonkin-Wort Pauau ab, das eine Versammlung bezeichnet. Die europäischen Amerikaner verwenden den Begriff, um ein gesellschaftliches ereignis, bei dem wichtige Angelegenheiten erörtert werden, zu beschreiben. Die Indianer meinen mit Powwow eine große, traditionelle Versammlung eines oder mehrere Stämme, die von Gesang, Tanz, Geschenken und Ehrungen begleitet wird. Es ist der öffentliche, dramatische Ausdruck indianischer Identität. Manchmal sind die Powwows der Allgemeinheit zugänglich, meist jedoch den Indianern allein vorbehalten. Zu den Powwows führen beliebte Reiserouten, und vom späten Frühling bis zum Frühherbst reisen die Indianer über das Land, um an den stammesübergreifenden Powwows teilzunehmen. Als panindianische Veranstaltungen ermöglichen sie, enge Beziehungen mit anderen Stämmen zu knüpfen und sind daher eine Demonstration der Solidarität sowie ein machtvoller Ausdruck indianischer Kultur.
Das Ereignis, das an eine zentrale Arena oder Laube gebunden ist, beginnt gewöhnlich mit einer großen Prozession. Oft wird sie von Militärveteranen angeführt, die Fahnen hissen und eine kurze Beschwörungszeremonie abhalten. Meist folgen Kriegstänze und andere Tänze wie Rund-, Gras- und Hasentänze. Viele sind ausdrücklich für alle Stämme gedacht. In farbenprächtigen Kostümen mit Tüchern, Perlarbeiten, Federbüchen und Kopfschmuck bewegen sich die Powwow-Tänzer anmutig durch die Arena, wobei gleichmäßige Trommelschläge ihre Bewegungen bestimmen. Zu vielen Powwows gehören Tanzwettbewerbe. Die Teilnehmer legen oft weite Strecken zurück, da den Tänzern und Trommlern beachtliche Geldpreise winken.
Einen anderen Höhepunkt des Powwows bilden die Geschenkzeremonien, bei denen einzelne oder Familien einander Geschenke überreichen. Sie können ganz einfach ausfallen oder so kunstvoll wie die handgearbeiteten "Stern"-Decken der Sioux sein. Diese Zeremonie wird zum Anlaß genommen, alle jene zu ehren, die sich besonders hervorgetan haben, wie Universitätsabsolventen, Militärangehörige und Stammsführer. Ebenso wird denjenigen Anerkennung gezollt, die einer Familie in einer Krise wie z. B. einer Trauerzeit beigestanden haben. Die Geschenke werden gewöhnlich am Nachmittag zwischen den einzelnen Tänzen verteilt. Der Powwow-Sprecher begründet die Schenkung, erklärt, wer die Geber und die Empfänger sind, und ruft zu einem Ehrentanz auf. Anschließend reichen sie Teilnehmer einander die Hände, woraufhin das Programm fortgesetzt wird.
Bei einem Powwow ist das Zusammensein ebenso wichtig wie der Tanz. Es ist eine Gelegenheit für die Indianer vieler verschiedener Stämme, alte Freundschaften zu erneuern und ein gemeinsames Festmahl abzuhalten, bei dem traditionelle Speisen wie Bison, Wildbret, Getreide (Mais), Eintopf und gebratenes Brot serviert werden. Üblicherweise trifft man sich auch zum Beten und hält politische Ansprachen. Und schließlich nutzt man die Gelegenheit, um sich Extrageld durch den Verkauf von Kunsthandwerk zu verdienen.

Kid TANZWETTBEWERBE
Bei den Tanzwettbewerben unterscheidet man verschiedene Kategorien, je nach Art des Tanzes, des Alters und des Geschlechts der Tänzer: Die Teilnehmer tragen verschiedene Kostüme. Ein männlicher Fancy-Dancer (Phantasie-Tänzer) trägt Federbüsche und Perlen, während eine Tuchtänzerin ein langes gefranstes Tuch über einem kustvoll mit Perlen behängtes Kleid sowie Mokassins und Gamaschen trägt. Die Glockenkleidtänzer werden nach den Blechglocken, die ihre Kostüme schmücken, benannt. Die Preisrichter, im allgemeinen frühere Powwow-Tanzmeister, mischen sich unter die Wetbewerbsteilnehmer und beurteilen den Stil ebenso wie die Fähigkeit, im Rhythmus des Liedes zu bleiben und beim letzten Trommelschlag innezuhalten.
 


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